Marc Brandenburg, Tattoo Edition 1, 2012, Berlinische Galerie,
© Marc Brandenburg, Foto: Berlinische Galerie


Spitzer Hundekopf, nackte, maskuline Männerkörper, Sexszene beim Fisting, Lampen in Form eines Fußballs oder mit The Wizard of Oz - Motivik. Der Kosmos des Künstlers Marc Brandenburg ist notiert in Bleistiftzeichnungen. Verteilt auf kleinen Formaten spiegeln sie, wie einzelne Scherben, die Bildwelt Brandenburgs in Grauschattierungen, gekrakelten Texturen und weichen Schraffuren.

Marc Brandenburgs Einzelausstellung in der Berlinischen Galerie folgt keiner strengen Chronologie, zeigt jedoch die wesentlichen Schaffensphasen des Künstlers. Im ersten Raum sind frühe Arbeiten versammelt, darunter die zweite Zeichnung aus seinem Werk von 1993: Ein junger Mann in kariertem Anzug vor einer blumigen Tapete, sein Kinn nachdenklich auf seinen Handrücken gelegt, schaut er die eigentlichen Betrachter*innen unumwunden eindringlich an. Was er denkt, wird nicht klar. Um ihn herum schwirren Szenen von Zusammentreffen in der damaligen Wohngemeinschaft Brandenburgs, muskulöse junge Männer, aber auch romantische Perspektiven aus dem Fenster, Treppenhäuser, Details des Alltags. In der technischen Klarheit, aber auch dem spielerischen Umgang mit dem Medium Zeichnung werden die Leidenschaft und der Humor Brandenburgs sichtbar.

Grundlage seiner Zeichnungen sind Motive aus der Popkultur, Freund*innen sowie prominente Menschen, Pornofilme, Objekte aus seinem Leben. Die Zeichnungen sind wie eine Notiz, freihändisch gezeichnete Momentaufnahmen aus seinem Kosmos. Es sind Interpretationen. Schon früh beginnt Brandenburg die Schwarz/Weiß-Werte umzukehren, wie ein Negativ zu invertieren. Die Behaarung ist jetzt keine hauchdünne Schraffur mehr, sondern ein weißes Gespinst auf einem dunklen Körper. Ziel ist, im klassischen Sinne, eine Verfremdung und schließlich die Irritation unserer Sehgewohnheiten.

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Marc Brandenburg, Ohne Titel, 2010, Privatsammlung, © Marc Brandenburg, Foto: Jochen Littkemann, Courtesy Contemporary Fine Arts

Der zweite und größte Ausstellungsraum ist vollständig in UV-Licht getaucht. Fingernägel schimmern grünlich, alles Helle strahlt nun in elektrisiertem Blaßviolett und alles Dunkle taucht in tiefes Schwarz. Zusätzlich färbt eine bedrohlich tiefe Soundkulisse die Stimmung. In diesem immersiven Erlebnis wirken Brandenburgs Zeichnungen wie zum Leben erweckt, zumal vereinzelte Filmsequenzen die Motive aus den Papierarbeiten in Bewegung setzen. In einer Aufnahme sehen wir die Rückenansicht einer Person, die eine fratzenhafte Clownsmaske an ihren Hinterkopf gespannt hat – es scheint als läuft der Clown vor einem weg, während sein breit gezogenes Grinsen und die aufgerissen Augen einen gierig-höhnisch anschauen. An anderer Stelle schwingt sich eine Person mit Totenmaske um die Sprosse eines Fensters, begleitet von der Filmaufnahme eines flimmernden Hinterhoffensters. Zeichnungen von Obdachlosen, gehüllt in Schlafsäcken, erscheinen wie skulpturale Abstraktionen des Elends. Brandenburg erzählt in diesem Raum von einem unheilvollen Zwischenstand, der Schrecken ist noch nicht konkret, aber bereits sehr nah, bedrohlich und allgegenwärtig. So deutet auch die Nachbarschaft von zwei recht unscheinbaren Porträtzeichnungen junger Männer in gestreiftem Shirt vor einem Park und der eindrücklichen Zeichnung einer Parkbank mit der diffamierenden Aufschrift „HOMO“ auf nichts Gutes. Die Beziehung dieser beiden Männer zu der Sitzbank bleibt Kopfkino.

Nach dem dunklen Einblick überrascht der letzte Raum mit einem überlebensgroßen Mann auf zwei Wandseiten. Er posiert selbstbewusst in Unterwäsche, sein trainierter Körper strotzt vor Virilität. Auf seinem Körper verstreuen, überlagern, verteilen sich zahlreiche Motive aus Brandenburgs Bildwelt. Die Tattoos geben der körperlichen Stärke dieses Mannes eine politische Präsenz – für eine linke, antikapitalistische und queere Lebensrealität.

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Marc Brandenburg, Ohne Titel, 2022, Deutsche Bundesbank, Frankfurt am Main,
© Marc Brandenburg, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, Foto: CHROMA, André Carvalho


Marc Brandenburg eröffnet schließlich im letzten Ausstellungskapitel, der Außenwand der drei Räume, einen Blick in seine aktuellen Schaffensphasen. Hier sammeln sich einzelne Werkgruppen, darunter eine Reihe zu Protesten, in der Menschen ihr Gesicht mit der Hand verbergen, sie tragen Fahnen, sind vermummt. Wir können ihre Wut ahnen, kennen sie vielleicht sogar. Brandenburg überträgt ihre Emotion jedoch nicht in seine Technik. Sein Modus scheint unverändert Schatten und Licht festzuhalten. Die stoische Wiedergabe des Schreckens – vergleichbar mit Buntstiftzeichnungen aus Gerichtsprozessen. Brandenburgs Bezug zu unserer Gegenwart wird dadurch sichtbar, dass sich über die Jahre Personen und Gegenstände verändert haben: sie verloren an Nebensächlichkeit, hören auf zu flirten und beleben ihre Umgebungen ohne jene Leichtigkeit.

Marc Brandenburg
20th Century Debris

17.4. – 14.9.26

Berlinische Galerie
Alte Jakobstraße 124-128
10969 Berlin

berlinischegalerie.de