Marina Abramović: Balkan Erotic Epic. The Exhibition, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026 © Gropius Bau, Foto: Rosa Merk

Auf einer riesigen Videoleinwand im Innenhof des Gropius Baus ist eine Formation schwarz gekleideter, älterer Frauen zu sehen. Sie schlagen sich auf die Brust und geben im Gleichklang Klagelaute von sich. Wer genau hinschaut, kann unter ihnen die Grande Dame der Aktions- und Performancekunst Marina Abramović entdecken. Aktuell widmen die Berliner Festspiele der serbischen Künstlerin die erste Einzelausstellung in Berlin seit den 1990 Jahren. Abramović-Fans kommen hier auf ihre Kosten. Und Abramović-Neugierige werden unverzüglich in den Bann von Erotik und Tod, Tabubruch, Schmerz und Ritual gezogen. Die Ausstellung zeigt Installationen mit Videos, Fotos, Zeichnungen, Objekten und Texten von den 1970er Jahren bis heute.

Nach dem Intro der Klageweiber unter dem Titel Titos Begräbnis (2025) geht es in die größtenteils abgedunkelten Ausstellungsräume. Den Beginn macht eine hübsche frühzeitliche Keramikfigurine aus dem Archäologischen Museum in Nord-Mazedonien, deren Rundungen an eine Vulvaform erinnern. Die Vulva, der Penis, Brüste und der nackte Körper sind wiederkehrende Motive der Serie Balkan Erotic Epic. Sie verstehen sich als Vermittler einer überbordenden sinnlich-sexuellen Lebensenergie wider dem Krieg, der Aggression, der Folter und Wut.

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Marina Abramović: Balkan Erotic Epic. The Exhibition, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026, © Gropius Bau, Foto: Rosa Merk

Die Besucherinnen und Besucher können unter baumhohen Penisobjekten Platz nehmen und die im Video aufgezeichneten Geheimnisse der Zaubertränke (2025) kennenlernen. Sie erfahren, wie man einen Penisgarten und Zwiebeln zum Wachsen bringt, wie der Ehemann seine Potenz aufrecht hält, wie der Bauer seinen trägen Ochsen zur Arbeit animiert und wie frau den Feind befriedet.

Abramović geht es nicht um die pure Erotik. Vielmehr zeigt sie in ihren Videos - nicht ohne parodistische und humoreske Überzeichnungen – dass die kosmische Energie der weiblichen und männlichen Sexualität Wunder bewirken kann. So weiß eine wild tanzende und ihre Vulven entblössende Gruppe von Frauen in slawischen Trachten, einen Starkregen zu beenden (Video: Scaring the Gods to Stop the Rain, 2025).

Ebenso finden Erfahrungen von Tod und die damit einhergehenden Verlust-, Angst- und Trauergefühle ihre Kartasis im erotischen Brüstemassieren am Grab des Geliebten (2005) und im nackten Schlummern, Schmusen und Posieren mit einem Skelett (Video und Performance, 2002/2026).

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Marina Abramović, Women Massaging Breasts I aus der Serie Balkan Erotic Epic, C-Print, 2005, Serbien, © Marina Abramović, Courtesy der Marina Abramović Archives / VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Wiederum bringen uns Radierungen und Texte aus der Geisterküche (1996/97) Rezepturen gegen Bluthochdruck, Eifersucht, schlechte Gedanken und Erinnerungen nahe. Als Medizin soll man Reiskörner, Pollen, Tränen, Samentropfen, Urin, Blut und Muttermilch zu sich nehmen - bewacht von kleinen, im Raum verteilten Figurinen.

Marina Abramović stammt aus einer angesehenen jugoslawischen Partisanenfamilie. Sie studierte 1965-1970 an der Akademie der Bildenden Künste in Belgrad. Ihr Frühwerk gründete in der Politik und Geschichte des kommunistischen Jugoslawiens. So ritzte sich die Künstlerin den 5-zackigen Stern der Staatsflagge in den eigenen Bauch (1975/2005), trug das Bildnis des charismatischen, antifaschistischen Staatsoberhauptes Tito vor ihrem nackten Körper (2004) und gedachte des Massakers von Srebrenica bei einer 4-tägigen Reinigung blutiger Tierknochen (1997). Diese Extremkunst forderte den Westen heraus. Heute sind es urwüchsige Naturmythen, seltsame Bräuche und verrückte Glaubenssätze aus dem Balkan, mit denen uns Abramović verblüfft, fasziniert und ob unserer erotischen Freudlosigkeit ein wenig beschämt zurücklässt.

Marina Abramović: Balkan Erotic Epic. The Exhibition
Ausstellungsdauer: 15. April bis 23. August 2026

Gropius Bau
Niederkirchnerstraße 7
10963 Berlin
www.berlinerfestspiele.de