"Ich mache unkomplizierte, direkte Fotos von komplizierten und schwierigen Motiven." so Peter Hujar (1934-1987) über seine Arbeit als Fotograf des New York der 1960er- bis 1980er-Jahre. Ob Stonewall 1969, die AIDS-Krise, die queere Lebenswelt des East Village oder die New Yorker Avantgarde: Hujars Oeuvre bündelt die existenziellen Momente seiner Zeit. Geprägt von einer obsessiven Auseinandersetzung mit der Zeitlichkeit, porträtierte er seine Umgebung in meist quadratischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Menschen, Landschaften, Tiere, Gebäude und Gegenstände transformieren sich vor seiner Kamera zu charakteristischen wie zurückhaltenden Personagen.
Einen Gegenpol bilden die Arbeiten von Liz Deschenes (* 1966), die ebenfalls in New York lebt. Ihre raumgreifende Installationen sind ungegenständlich und doch präsent. Sie nehmen ihren Platz ein, bewahren dabei jedoch eine reflektierte Zurückhaltung. Ihrem konzeptionellen Fokus folgend, widmet sich die aktuelle Schau den essentiellen Aspekten der Fotografie: Licht, Chemie und Zeit.
Die Werke von Peter Hujar scheinen dabei miteinander im Zwiegespräch zu stehen und sich gegenseitig zu kommentieren. Besonders eindringlich manifestiert sich dies in der direkten Gegenüberstellung von drei Fotografien aus der Totengruft von Palermo (1963) und drei Selbstporträts. Hujars tänzerische Eleganz und Virilität aus drei Lebensphasen stehen in direkter Konfrontation zur alles aufsaugenden, stillen Drastik des Todes.

Zudem sind seine Werke, in Anlehnung an seine letzte Ausstellung zu Lebzeiten, auch im Gropius Bau zu Ensembles gruppiert. So korrespondiert etwa ein seitlich liegender Akt auf einem weißen Sofa mit dem Profil von Schauspieler und Regisseur John Heys; in der gleichen Reihe finden sich eine steile Häuserschlucht, dazu gesellen sich ein weiteres Porträt und ein toter Geier. An anderer Stelle sehen wir die Fotografin June Newton, rauchend, neben der Nahaufnahme eines Babys an einer Brust, flankiert von einer Ziege in steppenartiger Umgebung und einem verkleideten Unbekannten. Die Komplexität dieser Arrangements lässt sich kaum erfassen; immer wieder zieht ein "Punctum" den Blick an sich, bevor dieser wieder frei über die insgesamt 120 Exponate schweifen kann, die sämtliche Schaffensphasen Hujars dokumentieren.
Im ersten Ausstellungsraum sind dutzende Aluminiumdielen von Liz Deschenes an den Wänden befestigt. Deren Anordnung evoziert den Eindruck von Kurzzeitintervallen, die einen Bewegungsablauf in seine fotografischen Einzelmomente zerlegen. In einem anderen Raum ragen dünne, am Boden verschraubte Glasstäbe empor bis zur Decke. Woanders hängen monochrom gefasste Glasplatten vor dem Fenster und tauchen den Raum sowie die Besuchenden in diffuse Lichtschatten. Andernorts lassen großformatige Silbergelatine-Fotogramme eine architektonische Struktur erahnen. Alle Arbeiten von Deschenes agieren deutlich extrovertiert, sie adressieren unvermittelt ihre Umgebung und kennen keinen inneren Dialog. Viel eher suchen sie die Interaktion mit dem Publikum – erst dadurch wird ihre Plastizität spürbar und ihre materielle Bestimmtheit visuell haptisch erfahrbar.
Besonders einfühlsam korrespondieren die Werke von Peter Hujar und Liz Deschenes im Kapitel „Wandelbarkeit und Spiegelung“. Das übergeordnete Thema der elf Arbeiten könnte als Wahrnehmung der Landschaft umschrieben werden. Hujar porträtierte aus immer gleicher Perspektive den East River und Hudson River: die klatschenden Wellen am Flussrand, ihre ruhigen Wogen und quirligen Strömungen sowie ihre blau-schwarze Tönung im Tageslicht. Deschenes referiert in ihren drei Arbeiten auf das Claude-Glas – ein Instrument des 17. Jahrhunderts zur Landschaftsmalerei. Dieses überlebte Hilfsmittel entwickelt Deschenes weiter zu schwarzen Glastafeln. Die unebene, etwas gewellte Oberfläche lässt nachempfinden, wie dickflüssig das gegossene Material einst war. Ihre glänzende Dunkelheit spiegelt die Umgebung und die Besuchenden im Ausstellungsraum. Wir sehen uns selbst, allerdings verfremdet, als würden wir uns in der Oberfläche des Wassers anschauen. Das Zwiegespräch hat keine eindeutige Aussage, es ist ein neugieriges Befragen der Begegnung zweier Sprachen der Fotografie.
Peter Hujar / Liz Deschenes: Persistence of Vision
19.3. - 28.6.2026
Gropius Bau
Niederkirchnerstraße 7
10963 Berlin
Mo, Mi, Do, Fr 12:00–19:00
Sa, So 10:00–19:00
Di geschlossen
Gropius Bau








