Gabriele Stötzer, Die Auslöschung eines Blicks – Ich trage meine Wunden heute offen, 1983, Courtesy: Gabriele Stötzer, Foto: Heike Stephan, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Dabei sein und nicht Schweigen - der programmatische Titel der aktuellen Ausstellung im Gropius Bau umreißt Gabriele Stötzers Lebensweg und ist zu einem dringlichen Appell für gesellschaftliches Handeln.
Als Künstlerin in der DDR arbeitete sie im Untergrund, vom Regime verfolgt und inhaftiert, blieb sie unbeugsam in ihrem Widerstand und laut. Die Ausstellung im Gropius Bau gleicht einer späten Würdigung ihres Mutes und ihrer Kunst. Auch wenn Stötzer Anfang dieses Jahres bereits mit dem Goslarer Kaiserring - einen der renommiertesten Auszeichnungen für Gegenwartskunst - erhielt, ist die Berliner Ausstellung mit über 150 Werken ihre bisher größte Einzelausstellung .

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Gabriele Stötzer: Dabei sein und nicht schweigen, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026
© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk


Wer eintritt, stößt auf ein Labyrinth aus Leinwänden. Dort überlagern sich die Super-8-Filme der Künstlerinnengruppe Erfurt, einem feministischen Kollektiv, das sich in den 1980er-Jahren zusammenfand. Die Atmosphäre im Raum ist von einer produktiven Überforderung geprägt: Es ist laut, dunkel, zu viel, fröhlich, wütend. Die Mitstreiter*innen tanzen mit Blut beschmiert, der eigene Muttermund wird beschrien, Revolution durch Demonstration, ein Pferd nickt fortwährend – dies ist keine sanfte Einführung in den Kosmos Stötzer, sondern die maximale Konfrontation mit einer Ikone. In sieben Räumen entfalten sich die Arbeiten bis in schwindelerregende Höhen und bespielen alle Sinnesebenen. Alles, was Gabriele Stötzer in die Hand nimmt, scheint Kunst zu werden: Ihre Zeichnungen und Worte finden sich auf Notizen, auf Tontellern, Bettlaken und in detailscharfen Fotoserien wie die Erfurter Punks (1985). In ihnen zeigt sich der Versuch, das wilde Leben um sie herum zu begreifen.
Durch ihren genauen Blick setzt Gabriele Stötzer auf jedes noch so kleine Stück Papier universelle Wahrheiten über den Schmerz, in Patriarchat und Diktatur zu bestehen. Aus dem Schmerz erwächst jedoch auch die Kraft, und diese manifestiert sich vor allem im Kollektiv.

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Von links nach rechts: Vereny Kyselka im Nachrichtensprecherinnenkostüm, Gabriele Göbel bemalt, Ingrid Plöttner im Drachenkleid, Monika Andres im Zeitungskostüm; Erfurt 1989, Courtesy: Künstlerinnengruppe Erfurt, © Gabriele Stötzer, Foto: Christiane Wagner

Gabriele Stötzers Kunst entsteht im Dialog – vor allem mit Frauen: Wie man eine Stasi-Zentrale besetzt (1990) ist zugleich die Dokumentation einer Performance weiblicher Kraft und eines historischen Moments. Eigens für die aktuelle Ausstellung schuf Stötzer außerdem die Textilfigur Udine kommt (2025). Auch sie tritt im Kollektiv mit anderen mystischen Textilfrauen auf und ist ein Appell an die Besuchenden, die eigene schöpferische Urkraft zu erwecken. Gabriele Stötzers Optimismus und ihre widerständige Haltung beleben jeden Winkel der Ausstellungsräume. Im Pressegespräch zieht sie das Auditorium mit ihren anekdotischen Schilderungen unmittelbar in ihren Bann. Es liegt eine große Sehnsucht nach ihrer Kunst in der Luft. Die Brücke ins aktuelle Zeitgeschehen schlägt sich durch Hoffnung auf Inspiration, zerstörerischen patriarchalen Strukturen genauso unerschütterlich entgegenzutreten, wie Gabriele Stötzer mit ihrer Kunst und ihren Weggefährt*innen.

Laufzeit
19. Juni bis 6. Dezember 2026

Öffnungszeiten
Montag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag 12:00–20:00 Uhr
Samstag & Sonntag 10:00–20:00 Uhr

Gropius Bau
Niederkirchnerstraße 7
1063 Berlin

www.berlinerfestspiele.de/gropius-bau

Mittwoch, 24. Juni 2026, 18:30-19:30 Uhr
Kuratorische Führung mit Julia Grosse

Samstag, 29. August 2026, 21:00 Uhr
Performance vom Exterra XX/ Künstlerinnengruppe Erfurt auf dem Dach des Gropius Bau anlässlich der Langen Nacht der Museen 2026

Donnerstag, 01.Oktober 2026, 19:00 Uhr
Spätschicht x Gabriele Stötzer

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Longing for an Icon – Gabriele Stötzer at the Gropius Bau
von Sonja Tautz

Being There and Not Keeping Silent – the programmatic title of the current exhibition at the Gropius Bau outlines Gabriele Stötzer’s life path and has become an urgent appeal for social action. As an artist in the GDR, she worked underground; persecuted and imprisoned by the regime, she remained unyielding and vocal in her resistance. The exhibition at the Gropius Bau resembles a late tribute to her courage and her art. Even though Stötzer received the Goslarer Kaiserring – one of the most prestigious awards for contemporary art – earlier this year, the Berlin exhibition is her largest solo show to date, featuring over 150 works.

Those who enter encounter a labyrinth of screens. Overlaid there are the Super 8 films of the Künstlerinnengruppe Erfurt, a feminist collective that formed in the 1980s. The atmosphere in the room is characterized by a productive sense of overstimulation: it is loud, dark, excessive, joyful, and angry. Fellow activists dance smeared in blood, one’s own cervix is shouted at, revolution through demonstration, a horse nods continuously – this is no gentle introduction to Stötzer’s cosmos, but a maximal confrontation with an icon. In seven rooms, the works unfold to dizzying heights, engaging all the senses. Everything Gabriele Stötzer touches seems to become art: her drawings and words appear on notes, clay plates, bedsheets, and in high-definition photographic series such as Erfurter Punks (1985). These reflect the attempt to comprehend the wild life surrounding her.

Through her precise gaze, Gabriele Stötzer places universal truths about the pain of enduring within patriarchy and dictatorship onto even the smallest scrap of paper. Yet, from pain grows strength, and this manifests above all in the collective.

Gabriele Stötzer’s art is created in dialogue – primarily with women: How to Occupy a Stasi Headquarters (1990) is both a documentation of a performance of female power and a historical moment. Specifically for the current exhibition, Stötzer also created the textile figure Undine is Coming (2025). She, too, appears in a collective with other mystical textile women, serving as an appeal to visitors to awaken their own primal creative power.

Gabriele Stötzer’s optimism and her resistant attitude animate every corner of the exhibition rooms. During the press talk, she immediately captivates the audience with her anecdotal accounts. There is a great longing for her art in the air. The bridge to current events is built through the hope for inspiration to confront the destructive posturing of patriarchal structures just as unshakably as Gabriele Stötzer does with her art and her companions.