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Mit der deutschen Übersetzung des englischen Originaltitels – Nicht alle Reisenden folgen Wegen – Humanität als Praxis – kommen die Perspektiven der traditionsreichen Bienal de São Paulo nach Berlin. Unter der Leitung von Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, der bereits die Ausgabe in São Paulo verantwortete, hat sein Team im Haus der Kulturen der Welt neue Wege eröffnet, die Besuchende bis zum 6. Dezember in Berlin erkunden können.
„Nicht alle Reisenden / folgen Wegen.“ Dieser Satz aus einem Gedicht der brasilianischen Poetin Conceição Evaristo ist der Ausstellung vorangestellt und lässt sich als Aufforderung an die Besuchenden lesen. Unterstrichen wird diese Einladung zum Mäandern von einem der ersten Werke, die im Foyer des HKW zu sehen sind: Akinbode Akinbiyi ist als Künstler und Fotograf für seine neugierigen, explorativen Streifzüge durch seine Umgebung bekannt geworden. Dieses immerwährende Suchen hat er für die Biennale im Kulturzentrum Casa do Povo (Haus des Volkes) in São Paulo fortgesetzt. Nun werden seine Fotografien in Berlin gezeigt, wo sie den Impuls der Neugier – diesmal auf die Ausstellung selbst gerichtet – an ihr Publikum weitergeben.
Mutig ist, wer sich heute zutraut, auf eine festgelegte Wegeführung innerhalb einer großangelegten Ausstellung zu verzichten. Mit dem umfangreichen Handbuch, das den Besuchenden an die Hand gegeben wird, steht ihnen jedoch ein Begleiter zur Seite, der sie mit seiner Fülle auch über die Grenzen der Ausstellung hinaus beschäftigen kann. Gut tut es als Besuchende von einer Ausstellung als mündig und selbstbestimmt ernst genommen zu werden.
Reiche Texturen und satte, warme Farben tun ihr Übriges, um eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Haus und Publikum herzustellen. Sie sind außerdem Antidot gegen einen Diskurs, auf den die künstlerischen Positionen Antworten zu geben suchen: Humanität als Praxis ist hier sowohl Proposition als auch Reaktion. Unheilvolle Zukunftsvisionen überschatten längst nicht mehr nur die Nachrichtenmedien, sondern auch die internationale Museumslandschaft, die sich zunehmend dazu verpflichtet sieht, ihrem Publikum Hoffnung zu spenden und individuelle Handlungsmöglichkeiten dort aufzuzeigen, wo staatliche und marktwirtschaftliche Systeme versagen. Das Haus der Kulturen der Welt möchte ein Ort sein, an dem der Mensch sich stärken kann.

Diese Verflechtung der Ausstellung als Ort der Ruhe und der menschlichen Resilienz wird durch Arbeiten wie Como criar raízes aéreas (Wie man Luftwurzeln bildet) deutlich. Die Künstlerin Rebeca Carapiá macht sich die Wanderpalme zum Thema, deren Wurzeln nicht unter der Erde, sondern der Sonne entgegen auf Nährstoffsuche gehen. Ihre organisch verschlungenen Metallgebilde erinnern zugleich an pflanzliche Formen und an menschlich-tänzerische Bewegungen. Zurück zur Natur führt in derselben Halle auch eine filmische Installation des Künstlers Theo Eshetu. The Garden – Ode to Courage wandelt auf ähnlichen Wegen zwischen menschlicher Widerständigkeit und einer Rückkehr in den Schoß der Natur und umhüllt die Besuchenden als Film-Ton-Installation. Die meditative Arbeit begreift den Garten als Ort abseits gesellschaftlich-politischer Desillusionierung und verweist auf das Potenzial des Perspektivwechsels, den die natürliche Szenerie eröffnet.
Humanität und Natur stehen in der Bienal de São Paulo in engem Dialog und geben ihrem Publikum Orientierung. Mit seiner Videoarbeit Watching a Minute for a Minute setzt Wolfgang Tillmans die Gegenüberstellung von menschengemachten und natürlichen Bildern fort und verbindet sie mit derselben Neugier, die uns seit dem Einstieg mit Akinbode Akinbiyi durch die Biennale begleitet. Mit gleichbleibender Intensität und unvoreingenommenem Wohlwollen reiht Tillmans Fragmente zu einer fortlaufenden Bildfolge. Momente etwa der Stadt, des Menschen, des Waldgrüns und des Strands lösen sich ab und formieren sich vor dem inneren Auge zu einem kraftvollen Zugehörigkeitsgefühl.

Die Inszenierung einer Modenschau als Teil des Werks TRANSCLANDESTINA 3020 der Künstlerin Manauara Clandestina eröffnete 2025 die Biennale in São Paulo; im Haus der Kulturen der Welt bildet sie nun deren Abschluss. Die Installation aus recycelten und umgestalteten Arbeitsuniformen visualisiert Umdenken und Transformation und bringt damit die bestärkende und zeitlose Grundstimmung der Ausstellung ins Wanken. Hier wird die Stärke der Ausstellung offenbar, die an dieser Stelle an das Beschreiten neuer Wege als unerlässliche Strategie der Selbsterhaltung verweist. Sie verspricht keine geraden oder vorgegebenen Pfade und liefert auch keine abschließenden Antworten. Stattdessen fordert sie dazu auf, sich zu bewegen, sich auf Umwege einzulassen und die eigene Erwartungshaltung immer wieder zu verschieben – um Humanität am Ende nicht als Zustand, sondern als notwendige Praxis zu begreifen.
Mit: Amina Agueznay, Malika Agueznay, Akinbode Akinbiyi, Leo Asemota, Maria Auxiliadora, Aline Baiana, María Magdalena Campos-Pons, Rebeca Carapiá, Manauara Clandestina, Christopher Cozier, Gervane de Paula, Théodore Diouf, Juliana dos Santos, Cevdet Erek, Theo Eshetu, Tanka Fonta, Forensic Architecture, Laila Hida, Lynn Hershman Leeson, Leiko Ikemura, Mao Ishikawa, Julianknxx, Lidia Lisbôa, Mohamed Melehi, Emeka Ogboh, Olu Oguibe, Alberto Pitta, Ana Raylander Mártis dos Anjos, Ming Smith, Sérgio Soarez, Chaïbia Talal, Wolfgang Tillmans
Nicht alle Reisenden folgen Wegen – Humanität als Praxis
36. Bienal de São Paulo, Berlin Edition
12. September–6. Dezember 2026
Öffnungszeiten:
Mi.–Mo. 12:00–19:00
Haus der Kulturen der Welt
John-Foster-Dulles-Allee 10
10557 Berlin
Webseite
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Haus der Kulturen der Welt presents the Bienal de São Paulo in Berlin
(Carla Huttenloher)
With the English title — Not all travellers follow paths – Humanity as Practice—the perspectives of the long-standing Bienal de São Paulo arrive in Berlin. Under the leadership of Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, who was also responsible for the edition in São Paulo, his team at Haus der Kulturen der Welt has opened up new avenues for visitors to explore in Berlin until 6 December.
“Not all travellers / follow paths.” This sentence from a poem by the Brazilian poet Conceição Evaristo prefaces the exhibition and can be read as a call to the visitors. This invitation to meander is underscored by one of the first works visible in the foyer of HKW: as an artist and photographer, Akinbode Akinbiyi has become known for his inquisitive, exploratory wanderings through his surroundings. He continued this perpetual search for the Bienal at the cultural centre Casa do Povo (People’s House) in São Paulo. Now his photographs are being shown in Berlin, where they pass the impulse of curiosity—this time directed at the exhibition itself—on to the audience.
It takes courage today to dispense with a fixed route within a large-scale exhibition. However, the comprehensive handbook provided to visitors acts as a companion whose abundance can engage them even beyond the boundaries of the exhibition. As a visitor, it feels rewarding to be taken seriously as a mature and self-determined agent by an exhibition.
Rich textures and lush, warm colours do the rest to establish a relationship of trust between the institution and its public. They also serve as an antidote to a discourse to which the artistic positions seek to provide answers: humanity as practice is both a proposition and a reaction here. Ominous visions of the future no longer overshadow only the news media, but also the international museum landscape, which increasingly feels obliged to offer hope to its audience and to point out individual possibilities for action where state and market systems fail. Haus der Kulturen der Welt aims to be a place where individuals can find strength.
This intertwining of the exhibition as a place of respite and human resilience is made evident through works such as Como criar raízes aéreas (How to form aerial roots). The artist Rebeca Carapiá focuses on the walking palm, whose roots do not grow underground but search for nutrients towards the sun. Her organically intertwined metal structures are reminiscent of both plant forms and human, dance-like movements. In the same hall, a film installation by artist Theo Eshetu also leads back to nature. The Garden – Ode to Courage treads similar paths between human resistance and a return to the bosom of nature, enveloping visitors as a film-and-sound installation. The meditative work conceives of the garden as a place away from socio-political disillusionment and points to the potential for a change in perspective opened up by the natural scenery.
Humanity and nature enter into a close dialogue in the Bienal de São Paulo, providing orientation for the audience. With his video work Watching a Minute for a Minute, Wolfgang Tillmans continues the juxtaposition of man-made and natural images, imbuing them with the same curiosity that has accompanied us through the Bienal since our introduction to Akinbode Akinbiyi. With consistent intensity and unbiased benevolence, Tillmans strings together fragments into a continuous sequence of images. Moments of the city, of people, of forest greenery, and the beach alternate, forming a powerful sense of belonging in the mind’ eye.
The staging of a fashion show as part of the work TRANSCLANDESTINA 3020 by the artist Manauara Clandestina opened the Bienal in São Paulo in 2025; at Haus der Kulturen der Welt, it now forms its conclusion. The installation of recycled and redesigned work uniforms visualises rethinking and transformation, thereby unsettling the empowering and timeless atmosphere of the exhibition. Here, the strength of the exhibition becomes apparent, pointing to the pursuit of new paths as an essential strategy of self-preservation. It promises no straight or predetermined paths, nor does it provide definitive answers. Instead, it invites movement, the acceptance of detours, and the constant shifting of one’s own expectations—ultimately to understand humanity not as a state, but as a necessary practice.







