Sergio Zevallos (*1962, Lima) ist in Deutschland längst kein Unbekannter mehr. Seine Werke waren auf der documenta 14 in Kassel zu sehen, er ist Träger des HAP-Grieshaber-Preises und er nahm an verschiedenen Ausstellungen teil wie bspw. in der Akademie der Künste, im Württembergischen Kunstverein Stuttgart oder der ifa Galerie in Stuttgart. Dabei ist Zevallos künstlerisches Werk unsagbar vielseitig. Sein Thema ist so weit gefasst, dass es uns alle betrifft und doch nicht konkret benannt werden kann. Ein Versuch: Er beschäftigt sich mit unserem (Cis)tem, das Normen setzt ((Cis)tem=System, gemacht von Menschen, die sich mit ihrem Geschlecht identifizieren. Weiter gefasst, ein System, das von Menschen, die sich ihrer selbst sicher sind, geschaffen wurde und sie darin bestätigt). Normen sind im Grunde Erwartungshaltungen, zum Beispiel in Bezug auf Geschlecht, gesellschaftliche Rollen, Interpretationen von Kolonialismus und Geschichte. Es geht um Narrative, die unsere Wirklichkeit festzurren und das sanktionieren, was dem (Cis)tem widerspricht.
Zevallos künstlerische Ausdruckformen sind Performances, Filme, Fotografien, Texte und Zeichnungen. Die unterschiedlichen Medien erinnern stilistisch an die „Wiener Aktionisten“ – körperbezogen, rasen sie wie ein Derwisch über die Bühne. Überladen mit Symbolik. Dünne Linien kratzen ins Papier, verletzen es wie Nadeln die Haut – gestochen scharf wird unsere Wirklichkeit umrissen, eingerissen, abgerissen. Warum sind die Werke so leiblich (leibhaftig), dem Körper verpflichtet? Unsere Körper werden von Diskursen der Macht geformt – wer diese Mächte und Gewalten thematisiert, agiert fast von selbst mit dem eigenen Körper.
Körper im Raum – zu Gast sein
Das HKW hat unter dem neuen Direktor Bonaventure Soh Bejeng Ndikung sein Image gewechselt. Sein Selbstverständnis ist, Botschaft anderer Narrative zu sein und sich abseits der westlichen Interpretation aufzustellen – also eine Leseübung: Wie entziffere ich die weltweiten Ereignisse mit einem anderen, nicht-westlichen, Alphabet? Das HKW zeigt nun in der unteren Halle eine Einzelausstellung mit Zevallos´ Werken. Vertreten sind vor allem Zeichnungen. Fotografien der Performances können wie in einem öffentlichen Archiv von den Besuchenden angefasst und durchstöbert werden. Dazu wurde ein runder Tisch aufgebaut, ein Werk in Textil dient als Schutz und ummantelt den zentral im Raum stehenden Platz. Ein roter Streifen läuft die gelblichen Wände entlang. Zavallos Werke erscheinen als Teil eines ganzheitlich mitgedachten Raumkonzeptes – sie sind nicht Gast einer weißen (neutralen) Zelle, sondern bilden mit den Wänden zusammen eine Einheit. Der Raum bindet ein, er grenzt nicht aus, er heißt Werke und Menschen willkommen.Verwandlung – Bewegung zum „Anderen“ und doch Vertrauten
Der Ausstellungstitel Übungen zur Verwandlung lässt etwas Spielerisches, noch Unfertiges anklingen. Könnten wir uns verwandeln, was wären wir dann? Ein Wesen, das schreien darf. Kein Monster, nicht unheimlich. Viel eher ein Wesen jenseits der Norm. Nicht böse, nicht gut. Etwas „Anderes“. Ein Wesen - ein Hybrid. Weder Mensch noch Tier, weder produzierend noch konsumierend. Trotzdem ist es keine Leerstelle, auch wenn es in keine Kartei passt und ihm keine Ziffer zugeordnet werden kann. Es tritt aus und ist doch da, unübersehbar. Es bleibt ganz bei sich und ist schon allen bekannt.Sergio Zevallos porträtiert keine schrecklichen Wesen. Er illustriert nicht das Grauen an sich - keinen kannibalistischen Kapitalismus, keine pervertierten Arbeitsstrukturen, keine maroden Gesetzgeber, keine alptraumhaften Zustände. Seine Werke sind nicht negativ, sie gehen über den Missstand hinaus und zeigen eine Fluchtbewegung, eine Wandlung hin zu einer neuen Wirklichkeit. Diese Bewegung umfasst alle ausgestellten Werke, sie verfolgen eine gemeinsame Agenda. Diese Agenda lässt sich vor Ort anhand eines sehr gut aufbereiteten Begleitheftes genau nachvollziehen.
Übungen zur Verwandlung – Sergio Zevallos
Ausstellungsdauer: 21. Oktober – 14. Januar
Öffnungszeiten
Mi.–Mo. 12:00–19:00
Freier Eintritt immer montags und jeden ersten Sonntag im Monat (Museumssonntag Berlin)
Längere Öffnungszeiten an Veranstaltungstagen
Haus der Kulturen der Welt (HKW)
John-Foster-Dulles-Allee 10
10557 Berlin
www.hkw.de








