Paul Klee, (Metamorphosen:) der Zusammenbruch der biblischen Schlange, 1940, 324, Kleisterfarbe auf Papier auf Karton, 34,2 x 49,3 cm, © Zentrum Paul Klee, Bildarchiv, Bern

600 Archivalien in 37 Vitrinen, dazu 180 Kunstwerke. Wer die neu eröffnete Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt besuchen will, sollte sich auf einen intensiven Aufenthalt einstellen. Wer alle drei Kapitel von „Neolithische Kunst. Kunst in einer falschen Gegenwart, ca. 1930“ abgeht und auch nur die Hälfte der Exponate studiert, leistet einen Kraftakt. Dessen sind sich die beiden Kuratoren Anselm Franke und Tom Holert offenbar auch bewusst: Das Ticket gilt für zwei Besuche und lädt somit zum Wiederkommen ein.

Der mysteriöse Titel (wieso falsche Gegenwart, wieso ca. 1930 und was meint überhaupt „Neolithische Kindheit“?) verrät zunächst wenig darüber, was die Besucher*innen in den beiden Ausstellungshallen erwartet. Kurz gesagt geht es um die Welt rund um Carl Einstein (1885–1940): Ein noch wenig bekannter „außerakademischer, polemischer, schwer vermittelbarer Dichter und Kunsthistoriker, Anarchist und Antifaschist“, der als Kanon-Kritiker paradoxer Weise den Kanon der Kunst des 20. Jahrhunderts stark geprägt hat. Der Begriff „Neolithische Kindheit“ stammt aus einem Essay Einsteins über die Kunst von Hans Arp, mit „ca. 1930“ ist die Zwischenkriegszeit und mit „falscher Gegenwart“ die Krise einer kapitalistischen, imperialistischen Moderne gemeint, mit der die zeitgenössischen Künstler*innen und Wissenschafter*innen fertigwerden mussten.


Carl Einstein, „Ethnologie de l´homme blanc“, Disposition im Konvolut „Manual of History of Art“ [Handbuch der Kunst],1930er Jahre, Manuskript Akademie der Künste, Berlin, Carl-Einstein-Archiv, Nr. 222, Blatt 10, © Akademie der Künste, Berlin

Der Anspruch der beiden Kuratoren ist es nicht, eine monographische Ausstellung zu Einstein zu machen, sondern eine Art Ausgrabungsstätte der 1930er- Jahre zu generieren, um so das geistige Material, die Schriften und die Kunstwerke zu zeigen, die Einstein und seine Zeitgenoss*innen umgaben. Holert und Franke verstehen die Ausstellung als „Einladung, im Kopf von Carl Einstein Platz zu nehmen“. Der Name Einsteins stehe dabei bewusst nicht im Titel, weil der jüdische Intellektuelle nicht Gegenstand, sondern vielmehr „Mit-Kurator“ der Ausstellung sei.

In drei Abschnitten bietet diese gigantomanische Schau Einblick in Primitivismus-Forschung, philosophische Überlegungen und (anti-)koloniale Haltungen aus der Zwischenkriegszeit. Abschnitt A) widmet sich der Forschung über und Auseinandersetzung mit „Weltkunst“ und prähistorischen Malereien: Der Rückgriff auf Archaik als Antwort auf den gegenwärtigen Krisenzustand. Inhaltliches Zentrum der Halle stellt Einsteins radikales, nie fertig gestelltes Mammutprojekt eines „Handbuchs der Kunst“ dar, in dem er als Kritiker der Primitivismus-Forschung (und gleichzeitig Teil derselben) die Kunstgeschichte neu schreiben wollte. Ausschnitte dieses auf fünf Bänden angelegten Werkes sind umgeben von zahlreichen Vitrinen, in denen Publikationen mit Titeln wie „Die Malerei der Eiszeit“, „Die Kunst der Primitiven“ oder Einsteins „Negerplastik“ gezeigt werden. An den Wänden hängen Reproduktionen von Hannah Höchs Serie „Aus einem ethnographischen Museum“ oder Fotografien von stilisierten, archaisierenden Gesichterdarstellungen aus Brassaïs „Graffiti“-Serie.


Carl Einstein, Thesen zum „Handbuch der Kunst“, 1930er Jahre, Fahne mit aufgeklebten Bruchstücken, Akademie der Künste, Berlin, Carl-Einstein-Archiv, Nr. 244_007, © Akademie der Künste, Berlin

In Sektion B) findet sich neben philosophischen, biologischen oder psychologischen Schriften, die in weitestem Sinne die Grenze zwischen Subjekt und Objekt verhandeln, eine riesige Bilderwand – in Petersburger Hängung auf engem Raum reich bestückt mit Werken von Paul Klee, Max Ernst, T. Lux Feininger und anderen berühmten und weniger berühmten Künstler*innen. Arbeiten aus dem Surrealismus und Kubismus werden hier versammelt, die allesamt von dem Streben gekennzeichnet sind, neue Möglichkeitsräume zu schaffen und Körperlichkeit und Subjektivität mit künstlerischen Mitteln zu entgrenzen. Eine Sammlung, wie sie laut den beiden Kuratoren Carl Einstein selbst hätte zusammenstellen können.
Abschnitt C) ist schließlich der anti-kolonialistischen Haltung von Einstein und anderen zeitgenössischen Intellektuellen gewidmet. Er erzählt in diversen Archivalien von der Kolonialausstellung in Paris im Jahr 1931 und den dadurch hervorgerufenen Protesten („Ne visitez pas l´exposition coloniale“ ist da auf einem Flyer zu lesen), von Kalifala Sidibés Einzelausstellung in Paris und deren unterschiedlicher Rezeption sowie vom Topos des Hafens als Austauschort, Transitzone und Umschlagplatz zu Kolonialzeiten.

Das Thema des Widerstandes gegen eine als falsch empfundene Gegenwart ist zweifellos ein spannendes und zudem hochaktuelles Thema. Höchst willkommen ist zudem eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Schriften von Carl Einstein, die im Rahmen dieses Forschungsprojektes von der Akademie der Künste digitalisiert (archiv.adk.de) und öffentlich zugänglich gemacht worden sind. Fraglich bleibt jedoch, ob eine Ausstellung als primär visualisierendes Medium die richtige Wahl für die Vermittlung derart komplexer Zusammenhänge ist, zumal die künstlerischen Arbeiten in dieser archivarischen Schau sowohl inhaltlich als auch räumlich ziemlich untergehen. Als Besucherin fühlt man sich von der schieren Masse von Archivmaterialien bald erschlagen. Zu dicht, zu wirr, zu verkopft und zu viel Material in Vitrinen, das aus vornüber gebeugter Haltung betrachtet werden will. Weniger wäre hier definitiv mehr gewesen! Im Juni erscheint eine Publikation zur Ausstellung, die – wenn sie gut strukturiert ist – eine willkommene Alternative zum ausgestellten Archivdschungel bieten könnte.

Ausstellungsdauer: 13.4. – 9.7.2018

Konferenz: 25.–27.5.2018

Haus der Kulturen der Welt
John-Foster-Dulles-Allee 10
10557 Berlin
hkw.de