Die Welt wird niedergebrannt, bröckelt und zerfällt. Doch was kommt, nachdem die Asche kalt ist? Die Ausstellung „Ceremony. Burial of an Undead World“ im Haus der Kulturen der Welt ruft nach Befreiung von Zwängen, Erneuerung und Auferstehung. Grundlage der tiefgreifenden Schau sind die Texte der Philosophin, Schriftstellerin und Dramatikerin Sylvia Wynter (* 1928 in Holguín, Kuba). Glaubensstrukturen und ihre Zeremonien drängten einzelne vielen auf, andere werden nicht gehört oder vergessen.
Dämmrig ist es in der großen Ausstellungshalle. Überall hängen schwarze Tücher wie Zelte von der Decke. Vor ihnen sind stationsartig Kunstwerke aufgebaut, Installationen, Videoarbeiten, Malerei, Skulpturen. Dazwischen immer wieder Vitrinen mit historischen Fotografien. Aus allen Richtungen kommen Klänge, einzelne Töne, Gespräche. Globale Themen, erschütternde Problematiken werden angesprochen. Verursacher*innen und Opfer des westlich-kapitalistisch geprägten Wertesystems stehen einander gegenüber. Nicht immer ganz einfach, sich in diesen zurechtzufinden. Doch hilft die andachtsvolle Stimmung, sich auf die einzelnen Themengebiete zu konzentrieren.
Wie bei einer Passion schreiten wir von Station zu Station und suchen nach einem Endpunkt, einer Erkenntnis, nach einer Lösung. Manchmal ist es schwierig, den vielen einzelnen Geschichten zu folgen, als würde die gesamte Welt an einem Ort sein. Hier kommen Wut, Schmerz, Trauer und Hoffnung aus unterschiedlichen Zeiten und Orten zusammen. Das Kurator*innenteam (Anselm Franke, Elisa Giuliano, Denise Ryner, Claire Tancons, Zairong Xiang) bietet eine Bühne für Geschichten, die überlebt haben und welche, die noch erzählt werden müssen. Ausgangspunkt bilden Wynters Schriften, die fordern, mit dem Kolonialismus zu brechen. Kolonialismus als ein Resultat der europäisch-christlich geprägten Welt, dessen Auswirkungen in Afrika, Australien, Amerika und Asien noch längst nicht der Vergangenheit angehören.
Das Kurator*innenteam hebt die Geschichten der über die Jahrhunderte Ausgegrenzten durch Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht hervor:
Ein Mensch schwarzer Hautfarbe, oberkörperfrei, steht vor einem hohen Drahtzaun. Wir mit ihm. Durch die eisernen Maschen reihen sich eine Zahl von weiß-beige gekleideten weißen Männern vor ihren weißen Jeeps auf. Die großformatige Malerei „Aliens“ aus dem Jahr 2022 stammt von Richard Bell, politischer Künstler und Aktivist, der für die Rechte der Aborigines einsteht. 1953 als Aborigine vom Stamm der Kamilaroi in Australien geboren, war Bell dieses Jahr auf der Documenta 15 vertreten. Die Mimik lässt der Künstler hier in seinen Figuren weg, doch spürt man die Anspannung, das Verharren im Moment. Durch ihre Körperhaltungen wird deutlich, dass sie abwarten und ihre Gegenüber inspizieren. Bell versinnbildlicht Erfahrungen der Gemeinden der Kamilaroi, Kooma, Jiman und Gurang Gurang, die die Menschen durch siedlungskoloniale Landteilungen als festen Bestandteil fortlaufender extraktiver Rohstoffgewinnung eines rassifizierenden Kapitalismus erleben.
Eine durchdringende Frauenstimme ruft immer wieder unclean. Im Hintergrund chorale Gesänge. Dazu schnell hintereinander christliche Symbole wie das Kruzifix oder ein Laib Brot im schaurigen Blitzlicht. Alles scheint zu pulsieren und löst Unbehagen aus. Dazwischen ausschnitthaft ein männlicher Körper, der sich auszieht und berührt. Ein Mann wird eingeblendet, der einen Text sehr emotional und zornig vorträgt. „A Fire in my Belly“ aus den Jahren 1986/87 von Dawid Wojnarowicz (*1954) thematisiert die AIDS-Epidemie der 1980er Jahre in den USA, die sich vor allem in der Homosexuellen-Szene rasant ausbreitete. Viele Menschen, darunter auch Freunde Wojnarowicz, verloren durch die Krankheit ihr Leben. Durch Ausgrenzung, Hass und Phobie gegenüber Homosexuellen in einer durch Ressentiments geprägten Gesellschaft, wurde die Krankheit mit einem Stigma belastet. Der amerikanische Künstler, der von 1954 bis 1992 lebte und maßgeblich zur AIDS Aufklärung beitrug, starb ebenfalls durch die Krankheit.
Epidemie, Tod und Verlust sind tiefgehende Themen. Aber es gibt in der Ausstellung auch Hoffnung. Tabita Rezaires, 1989 in Frankreich geboren, beschäftigt sich mit Gesundheit und Spiritualität, die sie in Kontext der Dekolonisierung, Sexualität und Technologie setzt. Auf schwarzem Untergrund knien elf kleine Keramikfiguren um eine einzelne Figur in der Mitte. Sie sind umringt mit einem Blumenkranz. Die zentrale Geburtsfigur sitzt unbekleidet mit weit geöffneten Beinen, geschlossenen Augen und die Arme gen Himmel. Um ihre Schulter wendet sich eine Schlange. Zu ihren Füßen liegen wie Medaillon Mond und Sonne, Tag und Nacht, Himmel und Erde. Die Geburtsfigur verkörpert eine Hommage an den Mutterleib, das dadurch entstehende Leben, die Erde und des ganzen Kosmos. Die Keramikarbeit, die ein Auftragswerk für die
Ausstellung war, entstand 2022 in Zusammenarbeit mit dem gemeinnützigen Kunstprojekt Amakaba. Dieses bezieht sich auf ein ökologisch bewirtschaftetes Land und einen spirituellen Schutzraum im Amazonasregenwald. Die Töpferinnen der Indigenen Gemeinschaft der Kalina verwendeten für ihre Figuren Ton aus dem Flussbett des Amazonas.
Noch immer entscheidet Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht oder Religion, wer die Macht hat, welche Geschichte sich durchsetzt. Die Ausstellung „Ceremony. Burial of an Undead World“ hält dagegen und fordert vielmehr ein Lautwerden, einen Paradigmenwechsel, ein Zurück zu den Ursprüngen, um die Vieldeutigkeit der Narrative offenzulegen.
Ausstellung mit weiteren Beiträgen von Leo Asemota, Shuvinai Ashoona, Raymond Boisjoly, Gaëlle Choisne, Pauline Curnier Jardin, Alice Creischer & Andreas Siekmann, Mario Cresci, Abraham Cruzvillegas, Mariana Castillo Deball, Stan Douglas, Albrecht Dürer, Léon Ferrari, Jermay Michael Gabriel, Luigi Di Gianni, Yervant Gianikian & Angela Ricci Lucchi, Leah Gordon, Nicolás Guillén, Ho Rui An, James T. Hong, Dapper Bruce Lafitte, Carlo Levi, Jane Jin Kaisen, William Kentridge, Will Kwan, Mary Reid Kelley & Patrick Kelley, Titina Maselli, Cecilia Mangini, Guadalupe Maravilla, Peter Minshall, Lemohang Jeremiah Mosese, Ernest Nash, Le Nemesiache, Rachel O’Reilly, István Orosz, Huang Yong Ping, Rosa von Praunheim, Elza Soares, Karlheinz Stockhausen, Jean-Marie Straub & Danièle Huillet, Kidlat Tahimik, Rosemarie Trockel, Joyce Wieland, Tania Willard, Xiyadie, Lawrence Paul Yuxweluptun u. v. m.
Ceremony (Burial of an Undead World)
23.10.–30.12.2022
Das Haus der Kulturen der Welt
John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin
Mo, Mi-Fr 16–21 Uhr, Sa 12-21 Uhr, So 12-19 Uhr, Di geschlossen
Eintritt frei
www.hkw.de








