Anzeige
Boris Lurie

logo art-in-berlin.de
Berlin Daily 21.04.2024
Kotti-Shop/SuperFuture. Formen der Verhandlung

14 Uhr: Urbanes Miteinander Kunst, Fürsorge und Raumaneignung am Kotti Berlinische Galerie | Alte Jakobstraße 124-128 | 10969 Berlin

Der Mensch in der Chronik des Planeten. Earth Indices. Die Verarbeitung des Anthropozäns im HKW

von Katja Hock (11.10.2022)
vorher Abb. Der Mensch in der Chronik des Planeten. Earth Indices. Die Verarbeitung des Anthropozäns im HKW

Earth Indices. Die Verarbeitung des Anthropozäns, © Giulia Bruno und Armin Linke (Nona Chiariello)

Jüngere Erdschichten archivieren das menschliche Tun. Sichtbar wird das in sogenannten Bohrkernen, die die Schichten ablesbar machen. Die Proben offenbaren optisch subtil, aber einmal ausgewertet schonungslos den Einfluss des Menschen auf die Welt. Was haben also das Flinders Korallenriff in Australien, der Karlsplatz in Wien und die Ernesto-Höhle in Italien gemeinsam? Sie sind alle Thema der aktuellen Ausstellung „Earth Indices. Die Verarbeitung des Anthropozäns“ im Haus der Kulturen der Welt. Die Fotograf*innen Giulia Bruno und Armin Linke begleiteten über zwei Jahre zwölf Teams der Anthropocene Working Group, verteilt über die Kontinente. Die Wissenschaftler*innen untersuchen seit Jahren intensiv das Anthropozän – die Erdschicht, die wir Menschen wesentlich geprägt haben.

In Kooperation mit der Gestalterin Linda van Deursen und der Kuratorin Katrin Klingan präsentieren Bruno und Linke eine Auswahl aus ihrer Foto- und Videodokumentation. Wie Karteikarten in einem Register hängen im Hauptfoyer Tintenstrahldrucke auf Papier in 135 Einzelbögen mit 1,9 Meter Höhe und 31 Diptychen an Metallrahmen. Die großen, weiß leuchtenden Plakate sind dicht hintereinander aufgestellt. Ihre räumliche Anordnung folgt den Zeitpunkten der Bohrkernentnahme. Die ein- oder doppelseitigen Steckbriefe mit tabellarischer Anordnung und Angaben zu Projekttitel, Institution, Abteilung, Stadt und Land sind sachliche, nüchterne Daten. Die Beleuchtung ist grell, sodass die abgedruckten Informationen einem entgegenspringen. Dazwischen wandeln wir Besucher*innen. Was den Laien Fragezeichen ins Gesicht zaubert, ist nicht nur auf wissenschaftlicher Ebene hochspannend.

„Unsere Position war dabei nicht neutral: Die überkommene Vorstellung, Dokumentationsfotografie sei eine Methode Dinge aus distanzierter und objektiver Perspektive aufzunehmen, ist Ideologie. Dokumentation kann nie neutral sein, dahinter steckt immer auch ein weltanschaulicher Kontext“, so die Künstler*innen im Interview. Für Bruno ist die Frage der Identität, Technologie, Sprache und Architektur mit Künstlichem und Natürlichem besonders wichtig. Linke dokumentiert in seiner Arbeit die menschliche Technologie und das Wissen, die Oberfläche der Erde zu verändern. Der technisch-wissenschaftliche Part im Vordergrund, doch wird nachträglich eingefügten Vermerken gespielt, die oftmals spontan wirken wie übergroße Notizzettel. Durch diese Kommentare wie „Wait, that´s no moon…“ entsteht ein Augenzwinkern, eine gewisse Leichtigkeit im Expertenthema.

Seit 2013 untersuchen Geolog*innen weltweit das Anthropozän. Der Begriff, ab 2000 durch Atmosphärenchemiker Paul J. Crutzen etabliert, bedeutet einen neuen geologischen Zeitabschnitt, der durch den Menschen geprägt ist. Das für uns Unsichtbare in Erdschichten macht die Ausstellung für eine breite Öffentlichkeit sichtbar. Amerika, Polen, Japan und der Antarktis waren nur einige der Länder, in denen Ablagerungen im Boden der letzten Jahrhunderte untersucht wurden. „In den Archiven der Erde lesen wir die Geschichte des Planeten“, so Klingan. Die Schau verdeutlicht, wie stark der Mensch in den letzten Jahrhunderten nachhaltig Spuren hinterlassen hat:


Zeilenscan vom Eisbohrkern des Anthropozän- GSSP-Kanidaten Palmer, Antaktis, Foto: Daniel Emanelsson, Fotomontage: NODE Berlin Oslo

Schutzbrille, Stifte und ein rätselhafter Plan, eine Zeitskala auf dem Tisch. Es zeigt ein Stimmungsbild der Forschung im Australian Institute of Marine Science am Flinders Riffs. Vor der nordöstlichen Küste Australiens entnahmen Forscher*innen wie lange gestreifte Zähne aussehende Korallenbohrkerne. Die zwischen 1980 und 2017 gesammelten Objekte eröffneten eine Zeitskala, die über 500 Jahre dokumentiert. An ihren Stickstoffisotopen lassen sich Veränderungen durch atmosphärische Kernwaffentests und Verbrennung fossiler Energieträger, aber auch regionale Wasseroberflächentemperatur ablesen.

Eine typisch städtische Baustelle mit aufgerissenem Boden, Absperrung, im Hintergrund die große Kuppel der Karlskirche in Wien. 2019 wurden am Karlsplatz in unmittelbarer Nähe zum Wien Museum urbane Ablagerungen freigelegt und auf anthropogene Spuren untersucht. Man fand Glasscherben und Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg. Durch die Zusammenarbeit aus Archäologie, Geschichte und Geologie konnten die Schichten der Ausgrabungen auf fünf bis zwanzig Jahre genau zugeordnet und datiert werden. Darüber hinaus weisen die Lagerungen ab 1959 eine hohe Konzentration an Radionukliden auf, die auf atmosphärische Atombombentests zurückzuführen sind.

Im grellbunten Ganzkörperanzug und Helm gekleidet kniet eine Person in der Ernesto-Höhle in Italien. Der niedrige Raum wirkt bedrückend. Die Person blickt zur Decke, an der sich Stalaktiten gebildet haben. Die Blickrichtung verstärkt ein gelb nachträglich eingezeichneter Pfeil, der sich auf die Gebilde an der Decke richtet. Über ihn wurde auf die Fotografie eine gelbe Denkblase gezeichnet, „1…2…3…“. In einer Hand hält der Forschende eine Uhr, auf die mit „Stop watch“ verwiesen wird. Die bearbeitete Aufnahme erinnert an einen Cartoon, der gerade einen Denkprozess einfängt. Die Ernesto-Höhle in Italien ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich und wurde erst 1983 bei Straßenbauarbeiten entdeckt. Mit Hilfe von Mikroskopen und hochauflösenden Analysetechniken konnten die Wissenschaftler*innen sehr präzise die Jahresschichten bestimmen und ermöglichen die Lesbarkeit von lokalen und globalen Ereignissen. Beispielsweise wurde im Ersten Weltkrieg oberhalb der Höhle der Wald gerodet. Auch die Emissionen zur Zeit der Industrialisierung lassen sich erkennen.

Die einzelnen Standorte sind Exempel für Fußabdrücke der Geschichte: von Kriegen, Industrialisierung und Umweltverschmutzungen. Die Schau bildet in diesem Sinne eine Aufarbeitung und künstlerische Auswertung einer langjährigen Forschungsarbeit unterschiedlicher Arbeitsgruppen weltweit. Sie hält uns den Spiegel vor, dass für uns Unsichtbares, Vergangenes nicht verschwunden ist, sondern nur tiefer liegt. Somit sollten wir es den Forscher*innen gleichtun. Nicht nur an der Oberfläche kratzen, sondern tiefer bohren. Am Grund wartet die Erkenntnis, dass die Erde die Auswirkungen unseres Tuns nicht stumm ertragen muss, sondern detailliert als Beweis aufzeichnet.

Earth Indices. Die Verarbeitung des Anthropozäns
Eine Ausstellung von Giulia Bruno und Armin Linke
19.5. bis 17.10.22
Haus der Kulturen der Welt, Foyer
John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin
Täglich, außer Dienstag: 12 bis 20 Uhr
Eintritt frei
www.hkw.de

Katja Hock

weitere Artikel von Katja Hock

Newsletter bestellen




top

Titel zum Thema HKW:

Eine Fluchtbewegung, eine Wandlung hin zu einer neuen Wirklichkeit. Sergio Zevallos im HKW
Am Sonntag endet die Ausstellung "Übungen zur Verwandlung – Sergio Zevallos". Sein Werk ist unsagbar vielseitig, sein Thema so weit gefasst, dass es uns alle betrifft und doch nicht konkret benannt werden kann. Mehr dazu in unserer Besprechung.

Haus der Kulturen der Welt wiedereröffnet
Erste Eindrücke ...

Was tun mit der Welt? HKW startet Plakatkampagne mit Wolfgang Tillmans
Plakatkampagne in Berlin

Die alte Welt zu Grabe tragen - Ceremony. Burial of an Undead World im HKW
Ausstellungsbesprechung: Die Ausstellung „Ceremony. Burial of an Undead World“ im Haus der Kulturen der Welt ruft nach Befreiung von Zwängen, Erneuerung und Auferstehung. Nur noch bis morgen.

Three Doors: Architektur des Widerstands
Ausstellungsbesprechung: Dort wo Staaten und Unternehmen bewusst oder unbewusst versagen, beginnt die Arbeit von Forensic Architecture ... Die Ausstellung Three Doors. Forensic Architecture/Forensis, Initiative 19. Februar Hanau, Initiative in Gedenken an Oury Jalloh im HKW.

Der Mensch in der Chronik des Planeten. Earth Indices. Die Verarbeitung des Anthropozäns im HKW
Läuft nur noch eine Woche ... hier unsere Besprechung

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung wird neuer Intendant am Haus der Kulturen der Welt
Personalien: Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Gründer und künstlerischer Leiter von SAVVY Contemporary, wurde heute vom Aufsichtsrat der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH zum neuen Intendanten am Haus der Kulturen der Welt berufen.

Bernd Scherer beendet seine Intendanz am Haus der Kulturen der Welt (HKW)
Personalien: Thematisch bestimmte Bernd Scherer das HKW durch die Auseinandersetzung mit postkolonialen Strukturen sowie Fragen der ökologischen und technologischen Umbrüche unserer Zeit.

Zwischen den Jahren: Von Januar bis Dezember 2019
Ein Blick zurück auf sehenswerte Ausstellungen, gute Besprechungen und schöne Erinnerungen. Heute: Ulrike Ottinger im Haus der Kulturen der Welt (von Daniela Kloock)

Das Neue Alphabet: Die Eröffnung des Projekts im HKW mit Alexander Kluge
Besprechung: Bei dem neu begonnenen Programm des HWK handelt es sich um den letzten Teil einer Trilogie von Langzeitprojekten, die sich mit gravierenden gesellschaftlichen Transformationen beschäftigen. ...

Im Kopf von Carl Einstein Platz nehmen ...
Nur noch dieses Wochenende "Neolithische Kindheit. Kunst in einer falschen Gegenwart, ca. 1930" im Haus der Kulturen der Welt.

Das Haus der Kulturen wird saniert
Nicht nur die Neue Nationalgalerie wird saniert, auch am Haus der Kulturen der Welt (HKW) werden ab diesem Monat Modernisierungsarbeiten vorgenommen.

Krieg Singen
Ab nächste Woche, den 14.1.2016, finden im Haus der Kulturen der Welt unter dem Titel "Krieg Singen" Konzerte, Installationen, Panels, Filme statt. Dabei gehen die Kruatoren Holger Schulze und Detlef Diederichsen der Frage nach wie Krieg und Musik (so gut) zusammengehen.

HKW erhält 10 Mio. Euro aus dem Etat für Kultur und Medien
Erfreuliche Nachrichten ...

Die Wirklichkeit hinter dem Schwarzweiß-Vorhang
Ausstellungsbesprechung: Die Ausstellung “A Blind Spot” im Rahmen des 2. Berlin Documentary Forums im Haus der Kulturen der Welt

Presse: Big Apple in der Auster SPIEGEL von Jenny Hoch

Presse: Wirr und irr - Berlins große New-York-Schau WELT ONLINE, Eckhard Fuhr

top

zur Startseite

Anzeige
artspring berlin 2024

Anzeige
Alles zur KI Bildgenese

Anzeige
Responsive image

Anzeige
SPREEPARK ARTSPACE

Anzeige
Magdeburg unverschämt REBELLISCH

Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Meinblau Projektraum




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Rumänisches Kulturinstitut Berlin




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Haus am Lützowplatz / Studiogalerie




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Freundeskreis Willy-Brandt-Haus e.V.




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
tunnel 19




© 1999 - 2023, art-in-berlin.de Kunstagentur Thomessen Hartlieb-Kühn GbR.