Gleich zum Auftakt der Ausstellung Metaxy: Zwischen Zerstörung und Wiederaufbau begegnet dem Publikum ein Triptychon aus Luftbildern – ein vermeintlich vertrautes Motiv: datiert auf 1941, 1941, 1945. Die Fotografien dokumentieren die Auslöschung eines ganzen Viertels, von Bild zu Bild verschwinden Häuser und Leben. Doch die Betroffenheit liegt an dieser Stelle schwerer in der Magengrube, denn die Bilder zeigen das Gebiet des Hansaviertels, auf dem die Akademie der Künste heute steht. Die Ausstellungsarchitektur zeichnet die Grundrisse früherer Wohnungen und Innenhöfe nach, die sich an dieser Stelle befanden. Mit dieser Selbstverortung setzen die Ausstellungsmachenden einen Rahmen, der alle künstlerischen Arbeiten in ein Spannungsfeld zwischen Gestern und Heute rückt. Ein gelungener Auftakt, der das titelgebende Metaxy (Dazwischen - Zustand oder Raum zwischen zwei Polen) der Kunstschau erfahrbar macht. Der Verlust von Haus, Boden und Leben aufgrund von militärischen Konflikten und den Folgen der Klimakrise betrifft Millionen von Menschen weltweit. Die in der Ausstellung versammelten Positionen stellen dazu Fragen: Was passiert mit einem Ort, wenn er verloren geht? Wer entscheidet, wem der Boden gehört? Wer kehrt zurück, wer baut wieder auf? Wie kann man Neues entstehen lassen und dennoch an den Verlust erinnern? Wie wäre das Heute, wenn es damals anders geschehen wäre? So entfaltet sich ein Kaleidoskop an Perspektiven auf das architektonische Erinnern an Räume und Gemeinschaften.
Wie macht man deutlich, was an einem Ort geschehen ist? Lebbeus Woods entwickelte die Serie War and Architecture während der Belagerung Sarajevos im Jahr 1993. Seine dekonstruktivistischen Entwürfe von Wohnhäusern schreiben die geschlagenen Wunden des Krieges in die Gebäudestrukturen ein. Wie der menschliche Körper scheint auch die urbane Textur ihren Narben nicht entkommen zu können.
Die Videoarbeit From Earth We Come, to Earth We Return, and from Earth We Shall Rise Again von Feda Wardak über die Karez, jahrtausendealte Wasserkanäle in Afghanistan setzt einen anderen Akzent. Die Arbeit ist ein Gedicht über die Kraft des Aushaltens und des Fortbestehens. Einfühlsam und leise berichtet Wardak von den Angriffen auf die lebensnotwendige Infrastruktur und die Unermüdlichkeit der Wassersucher, die in lebensgefährlicher Sisyphusarbeit für den Erhalt ihrer Lebensgemeinschaft kämpfen. Hier wird die Rekonstruktion zur Fortschreibung von Identität.
Beim Besuch der Ausstellung wird deutlich: Das Dazwischen ist ein Aushandlungsort, denn beim Wiederaufbau geht es immer um die Zukunft. Nicht nur Gebäude, auch gesellschaftliche Gefüge müssen aus Trümmern neu geformt werden.
Gerade in politisch polarisierten Zeiten stimmen diese Gedanken nachdenklich: auch unsere Gesellschaft ist in einem Dazwischen angekommen, in dem die Zukunft umkämpft ist. Die Ausstellung verschweigt den politischen Moment ihres Themas nicht, legt jedoch den Fokus auf die Empathie füreinander, die wir in den Ruinen finden können.
Die Installation Wartesaal des ukrainischen Künstler*innenkollektivs Open Group ist eine Nachbildung der Bahnhofsvorhalle aus der von Russland besetzten Stadt Lyssytschansk im Donbas. In ihm verfängt sich die Spannung des Ausharrens. Über dem Warteraum klackert ein Projektor – er wirft Zwischenrufe der Ungewissheit an die Wand: Vermisstenmeldungen aus Telegramchats der Region. So werden aus den Zahlen und Steinen und Plänen der verlorenen Orte plötzlich sehr eindrücklich einzelne menschliche Schicksale. Dieses Gefühl bleibt hängen. Der Wiederaufbau ist nie nur eine architektonische Frage, sondern eine menschliche.
Beteiligte Künstler*innen und Raumpraktiker*innen:
Hala Alnaji, Archigrest, Marina Tabassum Architects, Maja Bajević, Centre for Documentary Architecture, Kees Christiaanse, Tiffany Chung, Co-Haty, Salma Samar Damluji, Nir Evron, Ola Hassanain, Paul Hübner, Open Group, Anton Kolomieitsev, Omer Krieger, V. Mitch McEwen, megouem, Kioomars Musayyebi, Ute Richter, Sasha Marianna Salzmann, Immanuel Schumacher, Arinjoy Sen, Nurit Stark, Syrbanism, topoScape, Feda Wardak, Eyal Weizman, Ines Weizman, Julita Wójcik, Lebbeus Woods, Ina Wudtke
Laufzeit 10.09. bis 06.12.2026
Öffnungszeiten
Dienstag, Mittwoch, Freitag 14 – 19 Uhr
Donnerstag 14 – 21 Uhr
Samstag & Sonntag 12 – 19 Uhr
www.akd.de
Programm
Führungen in Deutsch: donnerstags 18 Uhr, sonntags 15 Uhr
Führungen in Englisch: samstags 15 Uhr
Kurator*innenführungen am 12.9., 14.10., 02.12. um 17 Uhr
Lecture Performance Walks durch das Hansaviertel
Am 27.09., 04.10., 18.10. um 14 Uhr
Mit Anmeldung über
Gespräche, Vorträge, Performances:
11.9. Häuser, 18 – 21 Uhr
13.10. Böden, 18 – 21 Uhr
06.12. Zeiten, 14 – 17 Uhr







