In der Mitte einer weißen Wand hängt ein kleiner, unscheinbarer Rahmen mit einer Fotografie. Darauf zu sehen ist eine Gruppe Frauen, um einen Tisch sitzend, zwischen ihnen Kinder, vielleicht eine Schule, vielleicht ein Abendessen. Es fällt schwer, dies genau zu identifizieren, denn das Bild ist zerstört. Lichtflecken, wie kleine Brandblumen, erblühen am unteren Rand. Ein großes Stück der oberen linken Ecke fehlt, wie herausgebissen. Gesichter verschwimmen in der schemenhafter Unerkennbarkeit. Did they stop destroying the images? ist der Titel der Serie von Mohamed Abusal, der noch weitere Bilder folgen. Doch dieser Auftakt fordert zum Nähertreten und zum Innehalten auf. So nah, wie bei der genauen Betrachtung des Bildes, lassen Außenstehende den Krieg in Palästina selten an sich heran. In jenem ersten Werk liegt bereits das Leitmotiv, zu der die gesamte Ausstellung aufruft: Schaut doch endlich her.
Palästina zwischen Augen in der nGbK wagt, was sich viele deutsche Kunstinstitutionen derzeit nicht trauen: eine Beschäftigung mit Palästina. Die versammelten künstlerischen Positionen sind vielfältig und persönlich. So setzt sich Stellar Meris in ihren Collagen mit ihrer Familiengeschichte auseinander – ihre Vorfahren kamen als christliche Siedler*innen 1870 nach Palästina, um im sogenannten Gelobten Land auf die Rückkehr Jesu Christi zu warten. Mit bunten Farben markiert sie Fotografien aus dem Familienarchiv und hebt somit die Gewalt hervor, die in der Migrationsgeschichte der Familie liegt. So steht auf einem Bild in dicken Buchstaben „We are good“, doch das Land, das die Familie besiedelte, war zuvor keineswegs unbewohnt.
Die Arbeit in the improvised memory of night von Natascha Sadr Haghighian zieht sich über eine ganze Wand. An einem dünnen Drahtgeflecht sind kleine Aquarelle befestigt: sie zeigen bunte Satteltaschen oder Karren, wie Esel sie ziehen. Zwischen ihnen dunkle Blätter, die sich im Laufe der Ausstellung mit weiteren Bildern füllen werden. Die Aquarelle verweisen auf die besondere Beziehung zwischen Mensch und Esel und lassen sich als subversiver Akt des Widerstands begreifen, der Migration und das Überwinden von Grenzen thematisiert. Die Tiere dienten in Gaza oft als letztes verbliebenes Transportmittel. Groteskerweise initiierte das israelische Militär in Kooperation mit einer Tierschutzorganisation deren Evakuierung aus dem Gebiet. Im europäischen Exil sollen die Esel Freiheit, Frieden und Sicherheit erfahren. Mit diesem Wissen scheinen die Aquarelle fast wie melancholische Postkarten aus dem Exil, von den Eseln an die Menschen, denen diese Erfahrung verwehrt ist.
Die Videoarbeit Die Rückkehr (A caption) von Joshua Schwebel erzählt vom Palästina-Institut in Greifswald. Der Besuch des jüdischen Künstlers vor Ort legt all die Widersprüche offen, in die sich die deutsche Gesellschaft beim Sprechen über Palästina verstrickt. In Schwebels Erzählung wird das Rauschen immer lauter und die Bilder immer kleiner – ein Sinnbild für den Bedeutungsverlust der Fakten im Archiv, die stattdessen überschrieben worden sind mit Deutungshoheiten, die das Erkennen von Wahrheiten erschweren.
Letztlich bleibt in der Konfrontation mit den künstlerischen Perspektiven genau diese Verunsicherung zurück. Im kuratorischen Statement zur Ausstellung lässt sich nachlesen, dass genau dieses Gefühl intendiert ist. Die Wahrnehmung, so die kuratorische Arbeitsgruppe, sei im deutschen Diskurs auf die Verweigerung der Empathie für palästinensische Perspektiven getrimmt. Durch die ästhetische Erfahrung hoffen die Kurator*innen, die Aufmerksamkeit zu schärfen – für die Lebensrealitäten der Palästinenser*innen und ebenso für den Akt der Verweigerung der deutschen Gesellschaft. Dies gelingt, indem die Ausstellung die Besuchenden mit drängenden Fragen entlässt: Was sehen wir? Was erkennen wir an? Und wo haben wir gelernt, wegzusehen?
Mit: Mohamed Abusal, Shiva Addanki, Basma al-Sharif, Sophie Ataya, Yuval Carasso, Pary El-Qalqili, Natascha Sadr Haghighian, Dirar Kalash, Talya Lubinsky, Jumana Manna, Stellar Meris, Joshua Schwebel
Veranstaltungen
Samstag, 31.Oktober, 17 Uhr
Zwischen Solidarität und Schweigen: Was bleibt? Palästinensische Stimmen in der DDR und heute
Samstag, 31.Oktober, 19 Uhr
The Return of the Palestinian – Question and the End of the Human Rights Discourse
Mittwoch, 4. November, 19 Uhr
Ich sehe was, was du nicht siehst 1 – Filmvorführung
Samstag, 14. November, 19 Uhr
A foreign Silence – Performance
Mittwoch, 18. November, 17 Uhr
Führung mit den Kurator*innen
Laufzeit: 17.10.2026 bis 03.01.2027
www.ngbk.de
nGbK
Karl-Liebknecht-Straße 11/13
1. Etage (Zugang über Rolltreppe)
10178 Berlin
Öffnungszeiten: Di–So 12–18, Fr 12–20 Uhr
--- English Version ---
The Contested Gaze – Palestine between Eyes at nGbK






