Eine Frage stellt sich bereits vor Beginn des Ausstellungsbesuches in der Akademie der Künste im Hanseatenweg: Warum zum jetzigen Zeitpunkt eine thematische Ausstellung, die sich mit der künstlerischen Interaktion zwischen Bild und realen Raum bzw. mit der Überschreitung von Bildgrenzen auseinandersetzt ?
Betrachtet man das aktuelle Kunstgeschehen wie es zum Beispiel die Berlin Biennale umkreist, so lässt sich das Thema “Aufbruch. Malerei und realer Raum” eher als kunsthistorisch solide beschreiben. Doch der Besucher stößt nicht auf eine chronologische oder nach kunsthistorischen Stilrichtungen gehängte Bilder-Ausstellung. Vielmehr stehen sich einzelne künstlerische Strategien und Methoden gegenüber und vermitteln - fast nebenher - einen umfassenden Überblick über die malerischen Versuche der letzten sechs Jahrzehnte, feste Grenzen der gerahmten Bildfläche zu durchbrechen.

Den thematischen Ausgangspunkt bildet Lucio Fontana, der Ende der 40er Jahre begann, die Leinwand mit Locheisen zu traktieren und in der Ausstellung mit zwei seiner sogenannten Concetto spaziale vertreten ist. Während Fontana über Löcher und später über Schnitte in die Leinwand, das heißt unmittelbar über die Materialität des Bildes, den Raum öffnet, finden sich in der Nachfolge Experimente mit Farbe und Form genauso wie mit Technik und Malerei fremden Materialien. Mal geht es um das Aufbrechen kompakter Bildkörper wie bei Gotthard Graubner, mal um die Überschreitung der Bildträger, so in den “Raumlinien”(1970) von Günther Uecker, mal um eine der Malerei inhärenter Entgrenzung von Bildinnenräumen wie bspw. bei Kuno Gonschior oder in Günter Fruhtrunks abstrakt geometrischen Kompositionen, die in ihrer Dynamik und in ihrem Spiel mit der Bildfläche auf den realen Raum übergreifen. Insgesamt werden über 50 Positionen von Arman über Lucio Fontana bis Herbert Zangs gezeigt. Keiner der bekannten Klassiker wie Frank Stella, Ellsworth Kelly, Eva Hesse, Bernard Schultze, Yves Klein, Imi Knoebel oder Robert Mangold fehlt.

Besonders anregend wird die Ausstellung durch die Ergänzung der Wandarbeiten mit wenigen Skulpturen und Installationen, die ihre Auseiandersetzung mit der Malerei in der Dreidimensionaltät suchen. So bildet die Arbeit “Continuum” (1963/2005) von Bridget Riley - eine begehbare, aus Aluminium, spiralförmig gebaute Schwarz-Weiß Op-Art Installation - oder die “Rauminstallation” (2012) von Gerwald Rockenschaub - eine umgreifende und grell farbig ins Auge stechende Raumskulptur, die in ihrer Massivität den realen Raum aus Bildfläche heraus behauptet, eine Erweiterung des Themas bis in die Gegenwart. Dennoch würde eine mutigere Einbindung gerade zeitgenössischer Tendenzen wie bspw. der Streetart oder virtueller Kunst aus dem Netz, wie es in der Arbeit “P-512 A 10”(1996) von Manfred Mohr anklingt, das spannende Thema stärker auch in der Gegenwart verorten.

Künstlerliste:
Arman, Bram Bogart, Ronald Davis, Ulrich Erben, Lucio Fontana, Sam Francis, Günter Fruhtrunk, Ulrich Gehret, Rupprecht Geiger, Kuno Gonschior, Ron Gorchov, Gotthard Graubner, Joachim Grommek, Noriyuki Haraguchi , Mary Heilmann, Eva Hesse, Charles Hinman, Gerhard Hoehme , Ellsworth Kelly, Yves Klein, Imi Knoebel, Rob van Koningsbruggen, Harriet Korman, Mischa Kuball, Norvin Leineweber, Morris Louis, Robert Mangold, Jürgen Meyer, Manfred Mohr, François Morellet, Ulrich Moskopp, Dounia Oualit , Alfredo Alvarez Plágaro, Arnulf Rainer, Staf Renier, Erich Reusch, Bridget Riley, Gerwald Rockenschaub, Robert Ryman, Bernard Schultze, Emil Schumacher, Leon Polk Smith , Henryk Stažewski, Frank Stella, Sabine Straßburger, Antoni Tàpies, Günter Uecker, Lee Ufan, Elisabeth Vary, Jan Wawrzyniak, Neil Williams, Yvaral, Herbert Zangs

Ausstellungsdauer: 4. Mai – 1. Juli 2012

Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 11-20 Uhr
Pfingstmontag (28.5.) geöffnet

Akademie der Künste
Hanseatenweg 10
10557 Berlin-Tiergarten
Tel. (030) 200 57-1000