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Matter of medicine? Matter of witchcraft?

von Lisa Rocke (09.07.2023)
vorher Abb. Matter of medicine? Matter of witchcraft?

Shu Lea Cheang/ Ewen Chardronnet: UNBORN0x9, installation, MU Artspace, Eindhoven, 2022

Künstliche Gebärmütter, Silikon-Brustbinder mit lebenden Krebszellen und Gewebezucht aus Menstruationsblut: Der Projektraum Art Laboratory Berlin zeigt vom 27. Mai bis 9. Juli mit MATTER OF FLUX eine Ausstellung, die queerfeministisch, erfrischend aufrüttelnd und hochaktuell ist. WhiteFeather Hunter, Lyndsey Walsh und Shu Lea Cheang, gemeinsam mit Ewen Chardronnet, verbinden dabei Kunst und naturwissenschaftliche Forschung auf besondere Weise.

Ich betrete einen klinisch weißen Raum, in dem ein künstlicher Fötus in einem durchsichtigen eiförmigen Gefäß schwimmt. Mit dicken Schläuchen ist er an eine Maschine angeschlossen, die leise vor sich hin summt und klackert. An den Wänden sind Begriffe wie "mother machine" (Gebärmaschine), "harvest" (Ernte) und "cyborg" zu lesen. Alles wirkt etwas unheimlich. Befinde ich mich in einer Science-Fiction-Vision von Multimediakünstlerin Shu Lea Cheang und dem Autor, Kurator und Journalisten Ewen Chardronnet? Die Installation UNBORN0x9 untersucht die Entwicklung von Föten in künstlichen Gebärmüttern. Wenn die menschliche Fortpflanzung zunehmend technologisiert wird, braucht es dann überhaupt noch den biologischen Körper? Das zu hörende Summen in der Installation sind übrigens in Klang übersetzte Ultraschallwellen. Auch wenn das alles im ersten Moment befremdlich wirkt, frage ich mich, ob diese Art der Geburtshilfe zum Beispiel eine Unterstützung für Menschen wäre, die biologisch keine Kinder austragen können. Zugegeben, UNBORN0x9 ist provokant - aber es hat durch die dahinterliegende Forschungsarbeit auch Hand und Fuß. Wird in Zukunft eine aus dem Körper ausgelagerte Baby-Produktion vielleicht zu unserem Alltag gehören?


WhiteFeather Hunter: The Witch in the Lab Coat, 2019 – ongoing, here: project Mooncalf: Prototype I, 2020

Gegenüber von UNBORN0x9 befindet sich das Projekt The Witch in the Lab Coat von WhiteFeather Hunter. Zu sehen ist eine Konstruktion aus verschiedenen miteinander verbundenen Glaskolben, durch die eine blutrote Flüssigkeit geleitet wird. An der Wand hängen Fotografien von Menstruationstassen und Blutstropfen in Petrischalen. Was wird hier untersucht? WhiteFeather Hunter ist Künstlerin und Wissenschaftlerin. Sie forscht unter anderem an Stammzellen, die sie aus ihrer Menstruationsflüssigkeit gewinnt. Wie bei Shu Lea Chang ist der künstlerische Aspekt ihrer Arbeit deutlich sichtbar. Die Werke sind visuell ansprechend und folgen durch ihre Anordnung, Materialauswahl und Farbgebung einer klaren Ästhetik. Die Gedanken, wissenschaftlichen Prozesse und vor allem Hindernisse, die hinter diesem Projekt stehen, erschließen sich allerdings erst so richtig im Gespräch mit der Künstlerin und durch das umfangreiche Begleitmaterial. Dass es beispielsweise 8 Monate bürokratischen Aufwand bedarf, um offiziell mit dem bis heute noch dämonisierten Blut in einem Labor arbeiten zu dürfen, ist erschreckend. Es ist ebenfalls beunruhigend, dass diese Flüssigkeit, die für so viele Menschen zum alltäglichen Leben gehört, immer noch viel zu wenig erforscht ist. Kann WhiteFeather Hunter also als Wissenschaftlerin, die mit Menstruationsblut arbeitet und damit gesellschaftliche Grenzen aufbricht, als moderne, feministische Hexe gesehen werden? Die Verbindung liegt nahe, und es ist für mich ermutigend zu wissen, dass es Menschen gibt, die sich trotz aller Barrieren mit dem Thema weiblicher Gesundheit auseinandersetzen und die wissenschaftliche Forschung in diesem Bereich vorantreiben.


Lyndsey Walsh: Self-Care, 2021 – ongoing, photo: Pavlina Belokrenitskaia

Im zweiten Raum der Ausstellung steht ein großer Inkubator, in dem eine warm gehaltene Brustbinde aus durchsichtigem Silikon hängt. In sie wurden feine Äderchen gestickt und eine rötliche Flüssigkeit injiziert. Lyndsey Walsh ein*e nichtbinäre Künstler*in und Forscher*in, präsentiert das Projekt Self Care. Dabei geht es um den persönlichen Umgang mit einer diagnostizierten, vererbten Genmutation, die bei Lyndsey Walsh mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit zu Brustkrebs führen wird. Wie geht man damit um, wenn man förmlich auf den Krebs wartet? Self Care besteht aus zwei Videoarbeiten, in denen Lyndsey Walsh unter anderem einen persönlichen Brief an die Mutter vorliest und die Pflegesysteme hinterfragt. Welche medizinischen und therapeutischen Prozeduren werden besprochen, besonders in Bezug auf einen weiblich gelesenen Körper?

In die Brustbinde wurden von Walsh Krebszellen injiziert, die am Leben erhalten werden sollen. Mir drängt sich die Frage auf, wieso Lyndsey Walsh die Krebszellen nicht töten will, um die Krankheit zu besiegen. Es geht aber eben darum, sich mit den zukünftigen Krebserkrankung zu arrangieren, sie auf eine Art im eigenen, kontrollierten Tempo anzuprobieren und kennenzulernen. Die Brustbinde kann auch als ein Coming-Out von Lyndsay Walsh als nichtbinär betrachtet werden.

Matter of Flux hat es in sich: Es passiert viel, ist visuell eindrücklich und spannend. Gleichzeitig fühlt es sich so an, als wäre ich in die Intimsphäre von drei Künstler*innen gleichzeitig eingedrungen. Der Ausstellungsraum ist zwar klein, aber man könnte Stunden dort verbringen. Wer den komplexen Inhalt hinter den Werken entdecken will, sollte sich Zeit für die ausliegenden Forschungsarbeiten der Künstler*innen nehmen. Die jahrelange, wissenschaftliche Forschung, die in allen ausgestellten Werken steckt und ein essentieller Teil dieser ist, wird erst dadurch in Gänze sichtbar.
Die Themen dieser Ausstellung sind ungeschönt und stellen vielleicht für manche Menschen eine Herausforderung dar, aber sie gehören in die Öffentlichkeit und auch viel mehr in naturwissenschaftliche Diskurse. Ist die weibliche und nichtbinäre Gesundheit endlich bald in der Öffentlichkeit und Medizin angekommen oder muss es weiterhin Hexen geben?

26. Mai - 9. Juli 2023
MATTER OF FLUX
Artistic Research

Künstler*innen:
WhiteFeather Hunter
Lyndsey Walsh
Shu Lea Cheang und Ewen Chardronnet

Art Laboratory Berlin
Prinzenallee 34
13359 Berlin
artlaboratory-berlin.org

Lisa Rocke

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