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Berlin Daily 17.06.2024
ARTS CLUB BERLIN: Diskussion

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Sound of Soil – Was aus dem Boden spricht. Saša Spačal bei Art Laboratory Berlin

von Katja Hock (03.02.2024)
vorher Abb. Sound of Soil – Was aus dem Boden spricht. Saša Spačal bei Art Laboratory Berlin

Saša Spačal: TERRA XENOBIOTICA. Gradients of Eternity, detail, 2023, exhibition view, Art Laboratory Berlin, photograph: Tim Deussen

Die slowenische Künstlerin Saša Spačal präsentiert bei Art Laboratory Berlin in einer umfassenden Rauminstallation ihre neue Arbeit TERRA XENOBIOTICA. Die Arbeit bewegt sich zwischen wissenschaftlicher Untersuchung des Verschmutzungsgrades des Berliner Flughafenbodens und einer poetischen Hommage an unsere Umwelt. Hier spricht der Boden mit uns und gibt seine ganz eigenen Töne wieder.

85 nummerierte Schallplatten hängen wie in einem Plattenstudio aufgereiht an einer Wand. Anders als üblich besteht ihr Kern aus bräunlich-grauem Filterpapier mit blütenartigen Musterungen. Keine Struktur gleicht der anderen, jede ist ein Unikat. Umgeben sind die Papiere von transparentem Plexiglas. Wir dürfen wählen, welche Platte als nächstes gespielt werden soll. Mit Handschuhen nimmt die Assistentin eine heraus und legt sie auf ein Gerät, das einem Plattenspieler ähnelt. Das Gerät steht auf einem weißen, in Schichten aufgestockten Tisch, dessen Oberflächenstruktur an die Reliefkarte einer Landschaft erinnert. Die Abspielnadel überträgt, zeichnet auf und gibt wieder. Auf einem kleinen Bildschirm entstehen beim Übertragen gebirgsartige Gebilde. Alles im Raum surrt und sirrt von Tönen, die aus dem Papier freigesetzt werden. Dazu kreisen sechs weiße 3D-Drucke rhythmisch um die eigene Achse an der gegenüberliegenden Wand. Der Raumeindruck: Ein Mix aus Labor und Tonstudio: irritierend und komplex.


Saša Spačal: TERRA XENOBIOTICA. Eternity Scanner (in front) and Aeroglyphs/ Selected Airports (on the wall), 2023, exhibition view, Art Laboratory Berlin, photograph: Tim Deussen

In TERRA XENOBIOTICA untersucht Saša Spačal die ambivalente Beziehung zu unserem Boden. Der Boden symbolisiert Halt und Zuflucht. Er garantiert unser Überleben, sichert unsere Existenz und ist doch permanent unseren Einflüssen ausgesetzt. Industriegebiete, Verkehrsadern, Kommunikations- und Transportwege weisen besonders hohe Bodenbelastungen auf, allen voran PFAS. PFAS, eine Abkürzung für per- und polyfluorierte Chemikalien, zu denen auch Teflon zählt. Sie gehören zu den forever chemicals. Diese Stoffe kommen in der Natur nicht vor und können unter anderem das Immunsystem schwächen, unfruchtbar machen, Leberschäden verursachen und das Diabetesrisiko erhöhen. Forscher*innen warnen schon längst davor, dass diese Giftstoffe über einen langen Zeitraum im menschlichen Körper verbleiben und schwer abbaubar sind. Kurz gesagt: Mit PFAS sollten wir uns und unsere Umwelt lieber verschonen.

Die Serie Gradienten der Ewigkeit entstand am Rillig-Labor für Pflanzenökologie der Freien Universität Berlin. Spačal wählte für ihre Untersuchung den Boden des stillgelegten Flughafens Tempelhof. Heute ein beliebter Ort für Grillfeste, Partys, Urban Gardening und Freizeitsport. Doch die Tempelhofer Erde vergisst nicht. „Giftstoffe sickern in den Boden und schaffen ungewohnte Landschaften, die nach anderen Verwalter*innen verlangen – nach solchen, die navigieren und pflegen, anstatt zu bewahren oder zu extrahieren“, so die Künstlerin. Die genannten Schallplatten gehören zu der Installation Gradients of Eternity, einer Datenbank aus den 85 Chromatogrammen Spačals. Jede einzelne grafische Darstellung der Messung verweist auf die Belastung von PFAS, die über die Jahre erheblich zugenommen hat.

Diese Chromatogrammdatenbank bildet die Grundlage für die Installation Eternity Scanner. Das Landschaftsmodell auf dem Tisch, in das das Auswertungsgerät integriert ist, zeigt eine Vergrößerung des Grundrisses des Tempelhofer Geländes. Das Tempelhofer Feld als ein dystopischer Ort? Nach seiner Umnutzung scheinen ihn die Menschen neu zu erfinden. Alles wächst und entwickelt sich, doch in seinem Grund ticken die gefährlichen Altlasten - unheilvoll und potentiell toxisch.
Wie wird es mit dem Boden und seinem Ort weitergehen? Können wir ihn retten? Wollen wir ihn retten? Die Zukunft ist ungewiss. In dieser Gefühlswelt gefangen, können die Besucher*innen mit Spačals Arbeit interagieren, einzelne Bodenchromaschalplatten auf den Eternity Scanner legen und auswerten lassen. Auf einem kleinen Bildschirm zeichnet der Scanner die PFAS-Belastung in gebirgsartigen Gebilden ab und gibt gleichzeitig sirrende Töne von sich. „Die Anweisung ist klar und überzeugend; unsere einzige erforderliche Handlung besteht darin, uns auf die fortwährenden Klanglandschaften des Scanners einzustellen“, so die Künstlerin. Jede*r kann sich ein eigenes Bild machen.


Saša Spačal, TERRA XENOBIOTICA / Holding Patterns, Filmstill, 2023

Nochmal zurück zu den 3D-Drucken an der Wand: Es handelt sich um sechs weitere Grundrisse, die in enger Flugverbindung mit Tempelhof stehen. Sie tauchen im hinteren Ausstellungsraum wieder auf, wo der dreißigminütige Film Holding Patterns gezeigt wird. In Zusammenarbeit mit der Kulturtheoretikerin Alison Sperling und eingesprochen von einer AI-Stimme, werden die einzelnen Themenblöcke zu einer Einheit zusammengeführt. Omnipräsent kündigt der Tempelhofer Grundriss die verschiedenen Kapitel an. Atmosphärisch gestaltete Ausschnitte zeigen Szenen der Bodenprobenentnahme oder der Laboruntersuchung. Ergänzend ist die Analyse der Bodenproben in einzelnen Stationen wie auf einem Gabentisch im Raum aufgebaut. Der Film erinnert eindrücklich an die Mensch-Umwelt-Beziehung und behandelt die Gegensätzlichkeit von Geerdet-Sein und den Holding Patterns - den menschlichen Verhaltensmustern - beispielsweise im Hinblick auf die Konzepte des Reisens, die mehr denn je ein Umdenken erfordern.
Die Ausstellung ist ein Gesamtkunstwerk, das uns schrittweise - im wahrsten Sinne des Wortes - auf den Boden der Tatsachen zurückbringt und uns zugleich ein künstlerisches Modell für Verantwortung gegenüber unserer Umwelt vorstellt.

TERRA XENOBIOTICA
11. November – 4. Februar 2024

Art Laboratory Berlin
Do – So, 14 – 18 Uhr
Prinzenallee 34, 13359 Berlin
https://artlaboratory-berlin.org/

Katja Hock

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