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Berlin Daily 21.07.2024
Foto-Session mit Foto Kotti: Bitte Lächeln

16 Uhr: Im Rahmen der Ausstellung Studio Rex. C/O Berlin | Hardenbergstr. 22–24 | 10623 Berlin

Schön schmutzig. Im Teufelskreis von Mikroplastik und anderen Umweltsünden

von Katja Hock (30.04.2023)
vorher Abb. Schön schmutzig. Im Teufelskreis von Mikroplastik und anderen Umweltsünden

Cammack Lindsey, Wem gehört die Welt, 2023, sound installation, PCB, hydrophone, Microcystis aeruginosa, water samples from Müggelsee, epoxy thermoplastic containers, vinyl map, photo, courtesy of Le CCINQ Miguel Pazó

Die vom Menschen verursachte Umweltverschmutzung ist zu unserem ständigen Begleiter geworden. Sie ist mal mehr, mal weniger sichtbar, gefährlich allemal und beeinflusst nicht nur unser Leben, sondern ebenso alles um uns herum. Welch ungewohnter und zugleich erhellender Blickwinkel sich durch die Kunst ergeben kann, zeigen die installativen Arbeiten von Cammack Lindsey, Gülşah Mursaloğlu und Sybille Neumeyer in der aktuellen Ausstellung „Vicious Cycle. Artistic Research on Climate Crisis“ bei Art Laboratory Berlin.

Es blubbert, surrt und brummt im Projektraum von Art Laboratory Berlin. Seltsame Schläuche, Kabel und Schnüre hängen von der Decke. Dazwischen schweben bergig anmutende Abformungen mit hellgrüner Flüssigkeit. Auf dem Boden gegenüber befindet sich eine rechteckige Metallwanne, in der Flaschen mit bunten Kügelchen stehen. Eigentlich schön anzusehen, doch aus einer ruhigen Vertiefung in das Werk wird nichts. In unregelmäßigen Abständen fängt das Gebilde rhythmisch an zu ruckeln und zu scheppern, so dass jedes Gespräch unterbrochen wird. Hinter einer Glastür flimmern auf einem blauen Screen Bilder von Insekten, Luftbildaufnahmen und 3D-Konstruktionen. Kleine pyramidenförmige UV-Leuchten flankieren die Leinwand. Die Ausstellung hat was von einem Science-Fiction-Filmlabor, aber es werden keine sonderbaren Kreuzungsexperimente durchgeführt. Statt eines Endzeitfilms findet hier die künstlerische Auseinandersetzung mit der beängstigenden Realität statt.

„Wem gehört die Welt?“ heißt die Arbeit Cammack Lindseys, diese beschäftigt sich mit der Wasserqualität des Berliner Müggelsees. Seit Jahrzehnten dient der See als Trinkwasserquelle für die Region. Die Wasserqualität leidet jedoch unter der Verschmutzung durch Industrie und landwirtschaftliche Düngemittel. Mit der Verschmutzung steigt auch die Zahl der Cyanobakterien. Diese Bakterien können Kohlendioxid in Sauerstoff umwandeln und unterstützen das ökologische Gleichgewicht. Mit zunehmender Vermehrung sind sie aber auch schädlich für die Wasserqualität. Cammack Lindsey (*1990) beschäftigt sich in der Installation mit diesen Cyanobakterien, die in einen direkten Zusammenhang mit der Ausbeutung durch Industrialisierung und Kapitalismus gestellt werden und die letztlich die Grundversorgung gefährden. Mit dem Titel „Wem gehört die Welt“ bezieht sich Lindsey auf den gleichnamigen Film von 1932, dessen Drehbuch von Bertolt Brecht stammt. Spielerisch inszeniert, hängen die grünlichen Wasserproben des Müggelsees in unförmigen Gefäßen wie ein Netzwerk von der Decke, das an die Kolonieformationen der Bakterien erinnert. Hin und wieder wird die Flüssigkeit durch Schläuche aufgewühlt und fängt an zu blubbern. Unter dem Gebilde befindet sich eine stilisierte Karte des Sees, die die Verbreitung der Cyanobakterien zeigt und der Orientierung dient. Lindsey hat unter anderem Kunst und Literatur an der University of Texas studiert und erweitert die gezeigte Arbeit durch Klangeindrücke in einer dazugehörigen Soundinstallation.


Gülşah Mursaloğlu, Devouring the Earth, in Perishable Quantities, 2020-ongoing, aluminium, washing machine filters, Arduino uno, motor, industrial and found microplastics, Photo: Tim Deussen

In unserem Trinkwasser tummeln sich nicht nur tänzelnde Bakterien, sondern auch Mikroplastik. Im März 2022 bestätigten wissenschaftliche Untersuchungen die Belastung des menschlichen Körpers mit Mikroplastik. Er dient als Katalysator, durch den die winzigen Partikel wandern - nicht nur im Blut oder in Organen, auch die Muttermilch gibt die Stoffe an Säuglinge weiter. Ein Teufelskreis, der nicht zu enden scheint. Gülşah Mursaloğlu (*1989 in Istanbul) greift diesen Gedanken in ihrer Arbeit „Devouring the Earth, in Perishable Quantities“ auf. Im Rahmen des SAHA Studio Programms beschäftigte sich Mursaloğlu während der Corona-Pandemie 2020 mit dem eigenen Immunsystem und dessen Stärkung durch Nahrung und Nahrungsergänzungsmittel. Der Einnahme folgte die Frage, welche Rückstände im Körper verbleiben oder über die Ausscheidung ins Wasser, letztendlich durch Aufbereitung und Wiederverwertung erneut in diesen zurückkehren. Auch naturwissenschaftlich ist noch nicht endgültig geklärt, inwieweit sich kleinste Plastikpartikel in unserem Gewebe anreichern.
Die Künstlerin, die sowohl in Chicago Malerei und Zeichnung als auch Soziologie in Istanbul studierte, stellt diesen Kreislauf anhand von dreißig Flaschen in einem Aluminiumbehälter dar. Die kleinen Fläschchen mit den harmlos wirkenden bunten Kügelchen sind Waschmaschinenfilter. In den Filtern befinden sich zwei Arten von Mikroplastik, das gefundene und das produzierte. Die eingekreisten, bunten Kügelchen sind das produzierte Mikroplastik für verschiedene Industrien, wie zum Beispiel die Textilproduktion. Freudig tanzen die Kügelchen bei jeder Drehbewegung, doch der Lärm lässt jegliche naive Betrachtung verfliegen.


Sybille Neumeyer, souvenirs entomologiques, videostill, 2020, Photo: Tim Deussen

Im separaten, abgedunkelten Nebenraum werden die Folgen des menschlichen Eingriffs in die Natur fortgesetzt. Die zwanzigminütige Videoarbeit „souveniers entomologiques #1: odonata/ weathering data“ legt digitalisierte Insektenkarteien, Wetter- und Luftbilder sowie Landkarten auf einer großen Fotoleinwand übereinander. Dazwischen sind Daten eingeblendet, die an die Eingabe eines Systembefehl erinnern. Sybille Neumeyer (*1982) untersucht die weitreichenden Zusammenhänge zwischen menschengemachter Klimakrise und dem Verlust der Artenvielfalt am Beispiel von Insekten. Ihre Arbeit, die vom ZKM in Auftrag gegeben und in Zusammenarbeit mit dem SMNK produziert wurde, setzt auf eine neue Untersuchung und Ordnung der einzelnen Gattungen, die global betrachtet werden sollte: Durch Eingriffe in die Natur sterben Insektenarten an einem Ort aus, an einem anderen entwickeln sie sich weiter. Mit UV-Licht, überdimensionalen Standlupen und 3D-Insektenskeletten überspitzt Neumeyer den kühlen, technischen Forschungsansatz, der eine Emotionalisierung des Themas sonst nicht zulässt.

„Vicious Cycle“ bei Art Laboratory bietet die Möglichkeit, ohne erhobenen Zeigefinger in verschiedene Bereiche der globalen Umweltverschmutzung einzutauchen. Zugleich sind die ausgestellten Arbeiten ein bemerkenswerter Einstieg in ein Thema, das einschüchternd, beängstigend und lähmend sein kann. Dem kuratorischen Team mit Tuçe Erel, Regine Rapp und Christian de Lutz gelingt es, anhand der künstlerischen Positionen einen Ansatz zu veranschaulichen, der die Angst vor der Auseinandersetzung mit dem übermächtigen Thema in neue Bahnen lenkt. Einmal mehr wird offenkundig, wie fruchtbar der Dialog zwischen Kunst und Wissenschaft funktionieren kann.
Neben den ausgestellten Objekten setzt der Projektraum auf nachhaltige Dokumentation. Für Besucher*innen liegen wissenschaftlich aufbereitete Essays der künstlerischen Arbeiten bereit und animieren zu einem Tiefgang in die einzelnen Untersuchungen. 

VICIOUS CYCLE. Artistic Research on Climate Crisis
3. März - 30. April 2023
Laufzeit: 4. März – 30. April 2023
(vom 7. – 9. April geschlossen)

Öffnungszeiten: Do – So, 14 – 18 Uhr
Eintritt frei

Art Laboratory Berlin
Prinzenallee 34
13359 Berlin
artlaboratory-berlin.org

Katja Hock

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