Der Weddinger Projektraum Art Laboratory Berlin widmet sein Ausstellungsprogramm in diesem Jahr dem Thema [macro]biologies & [micro]biologies - Kunst und Lebenswissenschaften im 21. Jahrhundert. Dabei geht es um die künstlerische Auseinandersetzung mit biologischen Ressourcen und deren Auswirkungen auf uns Menschen und unsere Umwelt.
Einen weiteren Teil in dieser Reihe bildet aktuell die Ausstellung [micro]biologies I: the bacterial sublime mit Arbeiten der britischen Künstlerin Anna Dumitriu. Dumitrius Installationen, Videos und Objekte wurden bereits vielfach im internationalen Kontext gezeigt und sind in renommierten Sammlungen vertreten wie beispielsweise im Science Museum in London.
Während in den vorausgegangenen Ausstellungen u.a. das Verhältnis zwischen Mensch und Organismus neu ausgelotet wurde oder das Zusammenspiel zwischen Kultur und Natur, untersucht Anna Dumitriu das historisch Narrative im Kontext von biomedizinischen Fragen. Im Zentrum ihres Interesses stehen hierbei ethische Aspekte.
Wer eine verkopfte Auseinandersetzung zwischen Kunst und Naturwissenschaft befürchtet, dürfte überrascht sein von dem sinnlichen Ambiente, das den Besucher der Ausstellungsräume von Art Laboratory Berlin umgibt. Die Künstlerin ist zwar Dauergast als Artist-in-Residency an der Oxford Universität (sie ist mit der Abteilung UK Clinical Research Consortium Project: Modernising Medical Microbiology im Austausch, http://www.modmedmicro.ac.uk), dennoch offenbart sich schnell, dass sich in der bildlichen Sprache Dumitrius ein bioethischer Ansatz artikuliert, der über das rein Wissenschaftliche hinausgeht.
So ist in der Ausstellung bspw. die Serie "Romantic Disease" zu sehen, die sich mit der Geschichte der Tuberkulose (TB) aus künstlerischer, sozialer sowie wissenschaftlicher Perspektive auseinandersetzt. Literarische Bezüge und Aspekte des Aberglaubens werden hierbei genauso beleuchtet wie die Entwicklung der Antibiotika und jüngste Forschungsergebnisse über die Erbgut-Entschlüsselung von Mykobakterien.
Dumitriu macht anhand historischer Fundstücke wie Kleidungsstücken oder medizinisch fragwürdigen - und aus heutiger Sicht - kuriosen Gerätschaften deutlich, dass TB eben nicht nur als Krankheit ihre Geschichte hat, sondern in einen kulturspezfischen Kontext einzuordenen ist. In der künstlerischen Umsetzung heißt das, dass Dumitriu bspw. "The Romantic Disease Dress" – ein Umstandskleid aus der Romantik und Teil der gleichnamigen Serie - mit Walnussschalen gefärbt und mit ebenfalls gefärbter Seide bestickt hat. Die verwendeten Farbstoffe wurden wiederum in der damaligen Medizin genutzt. Ebenfalls aus medizinischer Sicht wurden TB Patientinnen teilweise zur Abtreibung genötigt – ein Hinweis auf die ethische Dimension, die bei allen Arbeiten der Künstlerin eine Rolle spielt.
Was also teilweise kurios oder filigran schön scheint, kehrt sich beim näheren Betrachten in sein Gegenteil, wie auch die Arbeit „Where there’s dust there’s danger“. Kleine, graue Filzknäule, in Form menschlicher Lungen hat die Künstlerin aus Wolle und aus Haushaltsstaub ihrer Wohnung vermischt und gefärbt mit dem extrahierten DNA toter TB-°©-Mykobakterien. Die ästhetisch wirkenden Filzobjekte veranschaulichen unterschiedliche Zustandsformen menschlicher Lungen bei Tuberkulose. Historisch gesehen führte man Anfang des 20. Jahrhunderts die Übertragung von TB auf Hausstaub zurück.
Sichtbar wird auch hier die temporäre Gültigkeit von medizinischer Erkenntnis. Offensichtlich kommt in den Arbeiten von Anna Dumitriu ein Gedankenkonstrukt zum Vorschein, dessen Wahrheit sich immer wieder neu konstituiert.
28. September, 15 Uhr - Künstleringespräch
30. November - Workshop mit Anna Dumitriu
Ausstellungsdauer: 27. September – 30. November 2014
Art Laboratory Berlin
Regine Rapp, Christian de Lutz
Prinzenallee 34, 13359 Berlin
artlaboratory-berlin.org
Und zur Künstlerin:
normalflora.co.uk/
Berlin Daily 02.03.2026
Klassismus und mangelnde Bildungsgerechtigkeit
18 Uhr: Vortrag von Prof. Dr Jutta Allmendinger im Rahmen der Finissage von Ausstellung „Milieudinge – von Klasse und Geschmack“. Werkbundarchiv | Leipziger Str. 54 | 10117 Berlin
Where there´s dust there´s danger
von chk
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