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Berlin Daily 17.04.2024
Kuratorische Führung

17:30 Uhr: mit Viola Bendzko, Ute Faber, Claudia Hartwig und Jürgen Kellig im Rahmen der Ausstellung "ÄTZEN - KRATZEN - STECHEN. Druckkunst im Dialog 2024". Kommunale Galerie Berlin | Hohenzollerndamm 176 | 10713 Berlin

Geschriebene Bilder - écrites الصور Etel Adnan und Simone Fattal im KINDL

von Maximilian Wahlich (27.12.2023)
vorher Abb. Geschriebene Bilder - écrites الصور Etel Adnan und Simone Fattal im KINDL

Etel Adnan
Untitled, 2016
Öl auf Leinwand / Oil on canvas
24 x 33 cm
courtesy der Nachlass der Künstlerin und Sfeir-Semler Gallery Beirut / Hamburg /
courtesy the estate of the artist and Sfeir-Semler Gallery Beirut / Hamburg
© The Estate of Etel Adnan / VG Bild-Kunst, Bonn, 2023


Die Ausstellung Voices without borders im KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst setzt Werke der Künstlerinnen Etel Adnan (1925 in Beirut – 2021 in Paris) und Simone Fattal (* 1942 in Damaskus, lebt in Paris) in einen engen Dialog.

Zu Beginn der Ausstellung werden beide Künstlerinnen mit jeweils einem Zitat und einem Einblick in ihr multidisziplinäres Schaffen vorgestellt. Fattals Verlagsprogramm The Post-Apollo Press, das auch Bücher Adnans herausgebracht hat, ist mit mehreren Publikationen und Auszügen einsehbar. Ebenso ist ein Gespräch mit ihr zu lesen, das von der Entstehungsgeschichte des Verlags, seiner Autor*innen und Dichter*innen aus der arabischen Welt, aus den USA und Europa erzählt.
Von Adnan sind zwei kleinere Gemälde zu sehen und im Videoraum nebenan werden Interviews mit ihr abgespielt, die über den Kontext ihre Bilder und bspw. den Zusammenhang von(technischen) Utopien informieren. Adnan und Fattal werden gleichberechtigt als starke Akteurinnen gezeigt. Es erscheint komplett klar und logisch, sie in einer Ausstellung zu vereinen – neben der Tatsache, dass sie eine langjährige Zusammenarbeit und Beziehung verbunden hat.

In den nächsten Räumen werden von Etel Adnan zahlreiche kleinformatige und leuchtende Ölbilder, große Teppiche, Zeichnungen, eine auf Wandfläche vergrößerte Wachsarbeit sowie Seiten aus Texten ausgestellt. Adnans Werk hat eine hohe Wiedererkennbarkeit. Vermutlich erklärt dies ihre große internationale Popularität und auch die vielen großen Einzelausstellungen, unter anderem im Münchner Lenbachhaus und im Düsseldorfer K20. Ihre Bilder changieren zwischen colour blocking und einem farbenfrohen Reduktionismus – kein Ornament, keine Zierde. Stattdessen Konzentration auf ein wesentliches Quantum Abstraktheit, simple Formen, kräftige Farben und gekonnt gesetzte Kontraste. Dabei erinnern die weitgehend einfachen Formen aus Linien, Wellen und Kreisen an Landschaften und Planeten. Sie strahlen eine Leichtigkeit und Schwerelosigkeit aus, die Kleinstlebewesen unter dem Reagenzglas ähneln.


Etel Adnan & Simone Fattal 
Voices without borders
Ausstellungsansicht, Maschinenhaus M1, KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst /
Exhibition view, Maschinenhaus M1, KINDL – Centre for Contemporary Art
v.l.n.r. / left to right:
Simone Fattal, Wozu Dichter in dürftiger Zeit? (What are poets for in these destitute times?), 2011
Simone Fattal, Walking Man III, 2021
Etel Adnan, Untitled, 2021
Foto / Photo: Jens Ziehe, 2023
© Simone Fattal / The Estate of Etel Adnan / VG Bild-Kunst, Bonn, 2023
Courtesy Sfeir-Semler Gallery Beirut / Hamburg


Etel Adnan und Simone Fattal verbindet in der Ausstellung die gleiche Gestaltung des Mobiliars aus Naturholz und beide sind durch eine klare Raumzuteilung getrennt, die Demarkationslinie verläuft von Tür zu Tür. Adnans Werke hängen so, dass sie vom natürlichen Licht und von Sichtachsen profitieren.
Fattal, die mit deutlich weniger Werken vertreten ist, bekommt den Bereich auf der Fensterseite. Von ihr werden Radierungen und Plastiken aus Ton oder Steingut gezeigt. Die Werke sind erdfarben oder in milden Kontrasten gehalten. Die Bearbeitung ist roher, Formen sind offensichtlich von ihren Fingern ausgebildet worden. In der Gegenüberstellung unterstreicht ihr Werk eine spezifische Perspektive auf das Werk von Adnan. So wird dadurch unter anderem deren textuelle und kalligrafische Arbeitsweise betont. Radierungen und Zeichnungen greifen Symbole und Schriftbilder aus dem Arabischen auf. Ihre großen Wandteppiche sehen aus der Ferne aus, wie mit dem Textmarker und Edding bemalt – wenn sich dünnhäutige Farbflächen aus dicken Linien bilden. Verdunkelte Streifen ziehen über das aufgeraute Blatt und manchmal scheint es, als würde der Filzstift bereits quietschen und leer werden. Doch täuschen die vermeintlich mühelos gemalten Motive. Ihre Teppiche wurden nicht im Nachhinein gefärbt. Die Flächen und Linien sind gewebt und ergeben sich aus dicht aneinandergereihten, einzelnen farbigen Fäden. Diese Arbeitsweise ist enorm zeitaufwendig, vor allem erlaubt sie aber keine nachträglichen Korrekturen.


Etel Adnan & Simone Fattal 
Voices without borders
Ausstellungsansicht, Maschinenhaus M1, KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst /
Exhibition view, Maschinenhaus M1, KINDL – Centre for Contemporary Art
v.l.n.r. / left to right:
Etel Adnan, Le poids du monde 31, 2017
Etel Adnan, Le poids du monde 24, 2016
Etel Adnan, Untitled, 2017
Etel Adnan, Untitled, 2017
Etel Adnan, Le poids du monde 33, 2017
Etel Adnan, Untitled, 2018
Etel Adnan, Untitled, 2017
im Vordergrund / Foreground:
Etel Adnan, Soleil de feu, 1960’s / 2022
Foto / Photo: Jens Ziehe, 2023
© The Estate of Etel Adnan / VG Bild-Kunst, Bonn, 2023
Courtesy Sfeir-Semler Gallery Beirut / Hamburg & Galerie Lelong & Co.


Der Auszug aus Adnans Gedichtzyklus The Arab Apokalypse (1980) ist voll mit Überschreibungen. Kleinteilig, mit Rotstift kommentieren kalligrafische Zeichen den Text. Es wird nicht erklärt, von wem diese Anmerkungen stammen. So stehen sie für einen vertrauten und innigen Dialog – zwischen und innerhalb der Persona Autor*in, Lektor*in und Übersetzer*in.
Die Ausstellung Voices without borders nimmt sich dieser Bindung an und verharrt – in einer festen Gegenüberstellung, als ginge es um orthografische Richtigkeit. Dabei geht es um Prosa, um Gedichte, um Hoffnungen und Träume. Ebenso wird die Geschichte und die Rolle von Kultur im arabischen Raum thematisiert und Diskurse um Gender und Kolonialismus aufgegriffen. Dafür wählen beiden eben keinen rein sachlich-faktischen, prosaischen Zugang, sondern einen poetischen.
Fernab einer reinen Arbeitsbeziehung zwischen Etel Adnan und Simone Fattal bleibt unsichtbar, was ihre Miteinander noch auszeichnete – eine enge Freundschaft und Lebensgemeinschaft, flirtende Gedichte, mit Witz, Dramatik sowie ein nonchalanter Sprachenfluss. Schwer abzubilden, aber wie schön die Vorstellung einer solch schillernden Ausstellung! Der Auftakt ist gemacht.

Etel Adnan & Simone Fattal – Voices without borders
27.8.23 – 1.1.24
KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst
Am Sudhaus 3
12053 Berlin

Öffnungszeiten
Mi, 12:00 – 20:00
Do – So, 12:00 – 18:00

www.kindl-berlin.de

Maximilian Wahlich

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