THIS IS POOR! (2024)
Videostill / Video still
© Kerstin Honeit / VG Bild-Kunst, Bonn 2024
Zurzeit ist im Neuköllner Kindl die Videoarbeit „THIS IS POOR! Patterns of Poverty“ der Berliner Künstlerin und Filmemacherin Kerstin Honeit (* 1977 in Berlin) zu sehen. In dem 20-minütigen Film schauen wir einem Making-Off zu: Was dabei genau entstehen soll – unklar. Ist es ein Theaterstück oder eine Alltagssituation, die hier erprobt werden muss? Fünf Personen kommen für einen Protest zusammen und sagen programmatisch: Wir wollen den Aufstand. Ein Aufzug fährt abwärts – jedenfalls für die meisten. In kryptischen, artifiziellen Aussagen verkapselt Kerstin Honeit Themen zu Klasse, Architektur und gesellschaftlichen Hierarchien.
Es gibt ein Unten und damit auch ein Oben. Das Vertikale ist eine Frage der Perspektive. Beugen wir uns weit nach links, wird aus dem Hochhaus ein horizontaler Block. Dann wird der wuchtige Steglitzer Kreisel, einer der drei Schauplätze des Videos, ein Klotz in der Landschaft. Der Kreisel ist stadtbekannt und steht exemplarisch für den Ausverkauf Berlins. Einst war er Standort des Bezirksamtes und damit auch Vergabestelle für Sozialhilfe. Dann kaufte es die Adler Group - ein Immobilienunternehmen, das mit fragwürdigen Versprechen und Geschäftspraktiken operiert. Sie bewarben das Projekt mit dem Namen „Überlin“: Aus dem hässlichen Zweckbau, einem Verwaltungsmonstrum, sollte ein schicker Neubau werden. Hochpreisige Wohnungen mit Blick über die Stadt, der selbst den König der Löwen neidisch gemacht hätte.
Bis zum Horizont wird einmal alles dir gehören. Der Ausblick ist nicht schlecht. Doch wir schauen nicht in die Ferne, sondern zoomen tief hinein: Wir begleiten Honeit in ihre Gedankenwelt. Ihr assoziativer Bogen lässt sich schwer nachskizzieren. Die Videoarbeit zeigt drein miteinander verschränkte Sequenzen: Bereits beschrieben der Aufstand vor dem Kreisel. Zweite Szene in einem kleinen Raum bei der Probe des Making-Offs, Alltagskleidung, Lachen, Fehler werden gemacht. Eine entspannt sympathische Produktion.
Szene drei ist auf der Bühne. Drei weiß gekleidete Personen (darunter Honeit und ihre Mutter) betreten die Szenerie. Auf ihrer Rückwand – und damit auch auf die Darsteller*innen – werden Muster, Strukturen projiziert. Honeit vermeidet Zuschreibungen, sie sagt nicht: Das Muster steht für Prekariat, jenes für Reichtum, dieses für Bildung... Sie verbildlicht vielmehr eine Metaebene: Regelmäßigkeiten, die das Fehlerhafte und Auffällige sofort sichtbar machen. In diesem Raster wird strukturelle Armut als das Unregelmäßige herausgestellt, perfide zum Mitesser im geschliffen beigen Sandstein erklärt.
Der Kreisel erscheint in den Randerings der Adler Group als ein Neubau mit einer Fassade aus stupider Wiederholung. Fensterschlitz, Mauerstreifen, Fensterschlitz, Mauerstreifen, Fensterschlitz, ... Doch heute sehen wir hier nur ein gigantisches Gerüst, das den gesamten Bau ummantelt. Die dünnen Netze flattern um die Metallstreben wie ein modriges Spinnennetz um das Versprechen exquisiter Wohnungen. Doch der Bau wurde nie veredelt und gleicht einem längst verlassenen Wrack.
Der Kapitalismus hinterlässt Trümmer, er verroht Landschaft und dörrt aus. Er nimmt, was ihm nicht gehört; hält am Leben, obwohl er tötet. Der Kapitalismus braucht eine Heerschar von Konsument*innen, lässt aber keinen Aufstand zu. Er ist ein Ungetüm, das sich in alle Strukturen eingräbt, sie infiltriert und im Zweifel schlicht aufkauft. Er macht Reiche reicher und Arme ärmer. Er schafft eine Logik, die soziale Verhältnisse als gegeben erscheinen lässt. Kann man nix machen, bist halt arm :(
Karl Marx hätte sicher eine Meinung zu diesem Thema, und so bekommt er einen kurzen Auftritt. Sein Name wird erwähnt, seine Lebensdaten genannt und die soziale Situation seiner Familie wird umrissen. Dazu werden einzelne Sequenzen aus English for you - einer Serie aus dem ostdeutschen Bildungsfernsehen zum Englischlernen - herangezogen. Honeit und die beiden anderen Personen auf der Bühne sprechen einzelne Sätze nach. Regieanweisungen sind zu hören. Das Video geht in die zweite Runde. Wiederholung.
Die Videoarbeit bleibt auf einer abstrakten Ebene. Konkret ausgesprochen wird wenig. Dialoge und Szenen sind steif und aus der Welt gefallen. Sie sind verfremdet. Ein Theaterstück. Was wird gezeigt? Humorvolle Kapitalismuskritik oder die Ohnmacht gegenüber einer brutal omnipräsenten Gesellschaftsordnung? Können wir im solidarischen Miteinander Muster durchbrechen und wie funktioniert ein Aufstand? Wie viel Kritik kann im Perspektivwechsel stecken? Nicht zuletzt müssen sich solche Arbeiten auch der Frage stellen, welchen Einfluss sie in einem exklusiven Kunstraum überhaupt haben können – und wie viel sie eigentlich ändern wollen?
Ausstellungsdauer: 24.3.24 – 14.7.24
Kerstin Honeit
THIS IS POOR! Patterns of Poverty
KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst
Am Sudhaus 3
12053 Berlin
Mi, 12:00 – 20:00
Do – So, 12:00 – 18:00
www.kindl-berlin.de







