© Stadtmuseum Berlin | Foto Michael Setzpfandt
Spielzeug ist meist klein. Es fühlt sich gut an und die Größenverhältnisse scheinen harmlos. Wie wir jedoch spätestens seit dem Barbie-Film gelernt haben, sind diese Dinge alles andere als naiv. Die putzigen Objekte, gerne in quietschig bunten Farben und mit niedlich lächelnden Figuren, imitieren unsere Realität – auch ihre weniger vergnüglichen Schattenseiten.
Über 70.000 solcher Objekte befinden sich in der Spielzeugsammlung des Berliner Stadtmuseums. Initiiert von dem outreach-Team des Museums stellte der der US-amerikanische Sammler, Objekt- und Installationskünstler Mark Dion gemeinsam mit den Junior-Kurator*innen aus der Klasse 9a (heute 10a) des Gymnasiums Tiergarten die Ausstellung aus der Sammlung zusammen. Zu sehen ist sie unter dem Titel "Delirious Toys" im Museum Nikolaikirche.
Thema sind nicht das spielerische Lernen à la Reformpädagogik oder das Improvisieren-Lernen durch das Spiel. Kreatives Herantasten – Fehlanzeige und so wundert wenig, dass die Besuchenden selbst nicht mitspielen können. Die Ausstellung behält die Wissenshoheit und informiert mittels einer zugänglich aufgemachten Broschur über die Hintergründe.
Eine Rundschau in neun Stationen klassifiziert eine Auswahl an Objekten und verbindet sie mit einem Stück Berliner Geschichte. Die Sektion Auto punktet direkt mit Infos über die ersten Autofabriken der Hauptstadt. So werden kleine Fahrzeuge in unmittelbaren Zusammenhang mit der wirtschaftspolitischen Entwicklung gebracht. Zu der Rennstrecke gesellen sich Schultafeln zur Lehre von Mensch, Natur und Physik. Die großen Planen veranschaulichen ihr Wissen in altbackenen Schaubildern. Fauna und Flora wirken etwas vergilbt, ihre Farbigkeit ist jedoch satter als in der Natur. Erstes Befremden stellt sich ein. Ist das Spielzeug doch nur eine verzerrte Spiegelung? Die Abteilung der Puppen bedient jedenfalls genau dieses Narrativ. Der Psychoanalytiker Sigmund Freud wird zitiert, die Puppe wird zum fratzenhaften Baby einer 8-jährigen Mutter.
© Stadtmuseum Berlin | Foto Michael Setzpfandt
Das Kind kreischt und ich auch – absurd, wie diese Dinge, Kinder, Babys, Tiere eine vermeintliche Realität nachahmen. Dabei verkleinern sie nur – schaffen aber keine eigene (ontologische) Form. Es sind Monsterchen mit Kulleraugen und immerwährend gleichem Lachen. Doch wie verhält sich dieses Bild zu Krieg in den Gewinn- und Brettspielen?
Der Ausstellungstext skizziert die historische Entwicklung der klassischen Gesellschaftsspiele. Sie werden als eine Erziehungsmethode vorgestellt. Kinder erlernen Regeln für den Alltag. Sie müssen sich in einem Umfeld beweisen, das nicht ernst ist. Verhaltensregeln, Strategie und Geschick werden vermittelt. Im Grunde eine Vorbereitung auf das Alltagstheater und eine erste Zuweisung der späteren Rollen. Es ist eben doch mehr als nur Spiel... und aus Spaß wird dramatisch-brutaler Ernst, wenn bei „Risiko“ nach waghalsigen Siegeszügen ganze Kontinente verloren gehen. Krieg – in vielen Kinderzimmern ein alltägliches Spielset mit Holzschwert, Plastikpistole und Computerspielen wie „Call of Duty“. Unsere heutige Gegenwart wird großräumig umgangen. Die ausgestellten Spielsachen lassen sich grob auf einen Zeitrahmen von 1750 bis 1950 datieren. Die zeitliche Einordnung wird auch vom anachronistischen Stil der Ausstellungsdisplays übernommen. Sie entsprechen der Farbigkeit und Einfachheit von Zirkusattributen um 1900.
Einerlei. In einer Kiste sitzen Teddybären. Daneben ist eine Stufenpyramide mit Tieren aus Holz, Stoff, Keramik, Blech. Mark Dion schafft eine Neuordnung der Tiere – obenauf sitzt kein Mensch, sondern ein Kamel (?). Die Anordnung der Tiere lässt sich nur schwer nachvollziehen. Herkömmliche Sammlungspräsentationen nach Chronologie, Nation, … werden damit aufgehoben und in eine neue Logik gebracht. Die Logik kommt aus einer Zeit, aus der auch die meisten der ausgestellten Exponate stammen. Manche von diesen Spielsachen befinden sich in einer Art Giftschrank. Mit Bitte um Zugang wird er vom Personal geöffnet und die Besuchenden erhalten Einblick in eine kleine Welt voller Rassismen, kolonialer Zuschreibungen, grausamer Gewalt und politischer Indoktrination.
© Stadtmuseum Berlin | Foto Michael Setzpfandt
Die Ausstellung versucht den Spagat zwischen historischer Ausstellung und klassischer Wissensvermittlung via Broschur, der künstlerischen Intervention mit Mark Dion und einem partizipativen Projekt mit einer Schulklasse. Allerdings wird der Eindruck erweckt, dass gerade die Schüler*innen mit einer wilden Ansammlung eigener Spielsachen in eine Grotte gleich beim Ein-/Ausgang verbannt wurden – ihre Position wirkt somit randständig. Der Vorwurf des Ageismus (Diskriminierungsform einer Altersgruppe) könnte laut werden. Dabei hätten sie ganz direkt aus ihrem Schulalltag beispielsweise über diese Lehrtafeln schreiben, reden können? Zweifelsfrei hätte – und das schreibe ich in meiner Rolle als Rezensent für ein Kunstmagazin – auch Mark Dion deutlicher vortreten können. Manchmal scheint es, als hätte Dion lediglich die Fahrtrichtung der Autos auf dem Korso entscheiden dürfen oder die Farbwahl der Ausstellungsbauten verantwortet.
Mark Dion "Delirious Toys"
Ausstellungsdauer: 7. Oktober 2023 bis 11. Februar 2024
Museum Nikolaikirche
Nikolaikirchplatz
10178 Berlin
www.stadtmuseum.de







