Foto: kennedy+swan
Vor dem Projektraum der Schering Stiftung werden weiße Überschuhe aus Papier ausgegeben, bevor man den Raum betreten darf. „Sockig ist aber auch okay.“ Ob dies lediglich den sattroten Teppichboden schonen soll oder bewusst das Labor- und Krankenhausszenario der Installation verstärkt, bleibt offen – beides wirkt.
Wer kurz anstehen muss, fühlt sich beim Eintreten wie durch ein Nadelöhr gepresst. Einmal im Inneren entsteht der Eindruck, man sei in einen fremden Organismus eingedrungen. Zentral erhebt sich eine mit Teppich ummantelte Sitzbank. Weiße Fliesen mit roten Fugen rahmen vier Bildschirme, die Wände sind in warmes Rot getaucht. The Red Queen Effect heißt die Arbeit des Künstler:innen-Duos kennedy+swan, das in seiner Praxis nicht-menschliche Intelligenz und deren Einfluss auf die organische Materie – also Mensch, Tier und Natur – untersucht.
Die Vier-Kanal-Videoinstallation, die bis Ende November in dem Projektraum Unter den Linden zu sehen ist, nähert sich der KI zunächst als Hoffnungsträgerin einer sozialen Utopie. Alice, Avatar einer künstlichen Intelligenz, verspricht nichts weniger als die Heilung aller Krankheiten. Auf den Screens wechseln sich 3D-Renderings eines Labors – dessen Ästhetik der Raumgestaltung spürbar eingeschrieben ist – mit fiktiven Bewerber:innen ab, die um Aufnahme in das „Projekt“ Alice bitten.
Diese Figuren sind in Aquarelltechnik gemalt: an den Rändern zerfließend, weich und verletzlich, im Kontrast zur kantigen Pixelhärte des 3D-Labors, das an frühe Videospiele erinnert. Allzu menschlich erscheinen sie, gerade in ihrer Fehlbarkeit. Ihre Aquarell-Gesichter zieren reale menschliche Augen und Münder, die sich beim Reden bewegen. Mal ein Blinzeln, mal zeigen sie Zähne, mal pausieren sie ihre Bewerbung, um kurz nachzudenken. Ihre Monologe kreisen um Schmerz, Krankheit, Alter und Tod. Die Weitergabe ihrer intimsten Daten scheint ein geringer Preis für ein ewige Leben in Bestform.

Ein Soundtrack begleitet die Erzählungen: Ambient-Klänge, die mal Hoffnung, mal Unbehagen hervorrufen. Welche Haltung können wir als Spezies entwickeln? Ist überhaupt ein Konsens möglich, wenn wir unsere Vorstellungen von Gesundheit, Schönheit und Ewigkeit mit der kontinuierlichen Evolution künstlicher Intelligenz verhandeln müssen? „This body has seen it all“ – auch das klingt nach einer Form Evolution, nach einem persönlichen Triumph.
Während Alice Unfehlbarkeit verspricht, zeigt sich die heutige KI als alles andere als perfekt. Ergänzend zur Videoinstallation hängen im Kreis angeordnete Aquarelle auf Glas. Kennedy+Swan haben sie für ein KI-Modell geschaffen, das eigentlich auf die Erkennung von Lungenkrebs im Gewebe spezialisiert ist. Die gemalten Strukturen erinnern an mikroskopische Präparate – und werden von der KI selbstbewusst, aber fehlerhaft diagnostiziert.
Die titelgebende Red-Queen-Hypothese geht zurück auf eine Passage aus Alice im Wunderland: „Now, here, you see, it takes all the running you can do, to keep in the same place“, mahnt die Rote Königin. Evolutionsbiologisch heißt das: Geh mit der Zeit, oder du gehst mit der Zeit. Stelle die KI in deinen Dienst, oder du bleibst stehen. Oder aber: Stelle dich in den Dienst der KI – und du bleibst trotzdem stehen? „I for one intend to keep the pace“, sagt eines der Aquarellgesichter.
kennedy+swan
The Red Queen Effect
11. September – 30. November 2025
Öffnungszeiten:
Do - Fr, 14–20 Uhr
Sa & So, 12–20 Uhr
Projektraum der Schering Stiftung
Unter den Linden 32-34
10117 Berlin
scheringstiftung.de






