Installationsansicht der Ausstellung „Rehearsal Room“ im Projektraum der Schering Stiftung, Berlin 2026, Foto: Timo Ohler

Treppenknarzen, Flüstern, Regenwald und Wasserrauschen – all diese in der Kindheit Abenteuer verheißenden Geräusche mischen sich in den überwältigenden Soundteppich, der einen umschließt, wenn man dieser Tage in den Projektraum der Schering Stiftung tritt. Der Rehearsal Room der chilenischen Künstlerin Nicole L’Huillierm ist eine Übung im Zuhören – eine nicht ganz einfache Aufgabe, denn in jeder Ecke des Raums tönen Klangskulpturen und führen Besuchende an den Rand der sinnlichen Überreizung. Die erste Erkenntnis im "Proberaum" lautet daher: Zuhören erfordert Zeit und Konzentration.

Erst allmählich schälen sich aus dem Stimmen- und Tongewirr Wörter und Erzählungen zum übergreifenden Thema der Ausstellung: Träumen. The Whisperers (Dream Sharing Choir) in der Mitte des Raumes erzählen persönlich erlebte Traumerfahrungen nach. Die entstammen einer Onlinedatenbank, der man selbst seine Träume für die nächsten Lauscher hinterlassen kann. An der Rückwand reihen sich mehrere Kopfhörer auf – sie bieten eine gute Gelegenheit, sich auf eine Stimme im Chaos der Klänge zu fokussieren. Dream Baby Dream: Sleep Expert’s Voices versammelt Perspektiven verschiedener Künstler*innen und Wissenschaftler*innen zum Thema Schlaf und Träumen und dem aktuellen Stand der Forschung dazu. Mit diesen theoretischen Hintergründen ausgestattet, ist es Zeit, selbst ins Schlaflabor einzutauchen: The Convoluted Mattress ist eine Liegelandschaft in der dunkelsten Ecke des Raumes. Gebettet auf Akustikschaummatratzen schnurren und schnarchen einem hier die Kissen ins Ohr (die sogenannten Sonic Pillows) und über den Köpfen rekeln sich Lautsprecher, aus denen das Musikstück Circulaciones (Dreamscapes) des kolumbianischen Musikers und DAAD-Stipendiaten Nyksan ertönt. Eine Komposition, welche durch sanfte Klänge und knochenvibrierende Schwingungen Kaskaden der Ruhe in den Raum spült und in einen meditativen Zustand zwingt.

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„Spiral Dream-Drum“, Nicole L'Huillier, im Projektraum der Schering Stiftung, Berlin 2026, Foto: Timo Ohler

Zwischen Schlafen und Wachen fällt es leichter, sich auf die utopische Vision des Versuchsraums einzulassen – das kollektive Träumen. In ihrer Rede am Eröffnungsabend der Ausstellung hielt Nicole L’Huillier ein Plädoyer auf die Kraft des Sounds als Treibstoff des gesellschaftlichen Wandels. Sound habe die Macht uns zu leiten – wenn wir dies zuließen und vertrauten, sei Sound ein Vehikel, mit dem wir durch Dimensionen reisen könnte. Auch Träume können als eine Form des interdimensionalen Reisens verstanden werden – führen sie uns alle doch in neue Gedankenwelten. Die Soundinstallationen im Rehearsal Room scheinen die Traumerfahrung in einen Wachzustand zu übertragen und körperlich spürbar zu machen, auch ohne Schlaf. Hier verwandeln uns unsere Träume und die gemeinsame Klangerfahrung in einen kollektiven Resonanzkörper – eine Gemeinschaft auf der Schwelle des Utopischen. Allen Besuchenden, die noch an ihre Laufzettel geklammert an der Tür stehen, bedeuten wir, die hier schon seit ungezählten Minuten träumen, mit verschworenem Nicken einfach loszulassen und sich der Flut der Töne hinzugeben.

Laufzeit
24.04. bis 05.07.2026

Öffnungszeiten
Donnerstag & Freitag: 14 bis 20 Uhr
Samstag & Sonntag: 12 bis 20 Uhr

Schering Stiftung
Unter den Linden 32-34, 10117 Berlin
www.scheringstiftung.de

Gallery Weekend, 02.05.26
Klänge, Stimmen und Membranen – Führung und Gespräch mit Nicole L’Huillier und Çağla Ilk

28.05.26
Powernap Workshop in Kooperation mit der Deutschen Stiftung Schlaf