Martha Stolt, Slug/Nacktschnecken (Intervention 1) 2021, roher Ton, verschiedene Größen (ca. 20x20x70cm, © Martha Stolt)

Schrebergärten, Bankfilialen, Versicherungsgebäude: Einen Monat lang zeigte das Kulturfestival artspring, wie vielfältig der Stadtraum für Kunst genutzt werden kann und stellte damit die dringende Frage, wem dieser gehört.


Sharon Paz, The Rats do sleep at night (Wolfgang Borchert), Audioarbeit ,© Sharon Paz

Auf einem verwunschenen Friedhof nur einen Fußmarsch entfernt vom Alexanderplatz ist eine Audioarbeit der israelischen Video- und Performancekünstlerin Sharon Paz zu hören: Während auf verwucherten Wegen vorbei an alten Bäumen und Mausoleen geschlendert werden kann, liest Ali Abeer Mohamed die Kurzgeschichte Nachts schlafen die Ratten doch (1947). Als eines der bekanntesten Beispiele für die deutsche Trümmerliteratur gilt Wolfgang Borcherts Erzählung, in der ein Junge seinen bei einem Bombenangriff getöteten Bruder bewacht und vor Ratten zu schützen versucht. Auf dem Gelände des St. Nicolai- und St. Marien-Friedhofs hallen die Worte anders nach, schärfen und machen achtsam für die stille, nur von Vogelgezwitscher erfüllte Umgebung. Alle Geräusche der Außenwelt werden vom dichten Grün verschluckt, und die Zeit scheint still zu stehen: Es fällt nicht schwer, sich an diesem Ort zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts zurückzudenken. Gleichzeitig scheint die Arbeit, auf Englisch gelesen, einer Vergangenheit nicht nur zu gedenken, sondern ihre Verknüpfungen in der Gegenwart zu mahnen. Wie vieles des reichhaltigen Programms für das Kunstfestival artspring, das in diesem Jahr einen ganzen Monat lang Kunst an mehr als 100 öffentliche Orte in Prenzlauer Berg, Pankow und Weißensee brachte, entfaltet sich die Kraft der Arbeit in ihrem engen Zusammenspiel mit der sie umgebenden Szenerie.


Beate Tischer, Atelieransicht: links: SBCAST no. 01, 2020, Öl auf Leinwand, 200 x 158 cm | rechts: R.O.M., 2020, Öl auf Leinwand, 200 x 158 cm, © Beate Tischer

Das Konzept des Festivals ist eines, das gänzlich in Berlin verortet ist. Neben klassischen Teilnehmenden wie Galerien und Ateliers, wo neben Ausstellungen auch Filmvorführungen und Performances stattfanden, waren es für den diesjährigen Artwalk vor allem Orte des Alltags, die zu Kulturstätten umfunktioniert wurden. Zwei Sparkassenfilialen an der Schönhauser Allee zeigen abstrakte Malerei: In Popartfarben wirken die Bilder von Beate Tischer wie stark vergrößerte Fotoausschnitte.


Marion Ehrsam, Gouache/Kreide auf Reispapier/Gaze, ca. 100 x 140 cm, 2018, © Marion Ehrsam

Marion Ehrsam hingegen bewegt sich mit Gouache und Kreide auf Reispapier irgendwo zwischen Pollock und Hokusai. Gerade in der Betrachtung durch Fensterscheiben und vor Sichtschutzlamellen – im Vorübergehen, bei einem kurzen Innehalten – geht von den Arbeiten lokaler Künstler*innen ein immenser Charme aus. Als würde sich die Kultur jene Orte der öffentlichen Sichtbarkeit zurückerobern, an denen sie Kapitalismus und Gentrifizierung weichen musste. Kiezkneipen, Versicherungen und Einkaufszentren – überall dort im Stadtraum, wo dieser Tage auch oft Corona-Testzentren zu finden sind – richten den Blick von sich und lassen so fast performativ einen vorübergehenden Raum für Kunst entstehen. Es sind nicht vorrangig Kulturinteressierte, die sich nach 15 Monaten Abstinenz ausgehungert vor Ladenfenstern drängen, sondern jene, denen der Zugang zu Kunst in der Regel vorenthalten bleibt.


Ingeborg Lockemann und Elke Mohr, Licht auf Bornholm, Videoarbeit, 2018, © Ingeborg Lockemann und Elke Mohr

Gemeinschaft und Sichtbarkeit sind die vordergründigen Themen, die sich wie ein roter Faden durch das Programm von artspring ziehen: Zu DDR-Zeiten verliefen die historischen Bornholmer Gärten entlang der Berliner Mauer. Als digitale Spurensuche angelegt verknüpften Studierende des Fachbereichs Kommunikationsdesign der Hochschule für Technik und Wirtschaft in der Posterserie Mauern und Gärten Grenzerfahrungen der Kleingärtner*innen mit denen von Betroffenen, die international betrachtet auf Mauern stoßen. Die Videoarbeit Licht auf Bornholm (2018) von Ingeborg Lockemann und Elke Mohr befasst sich mit der drohenden Verdrängung der rund 125 Jahre alten Gärten durch Investorenprojekte. Überall auf dem Gelände von Bornholm I und II sind in blühenden Parzellen Skulpturen und Interventionen zu sehen: Die Nacktschnecken von Martha Stolt nehmen ein Gemüsebeet ein, an einer anderen Parzelle hängt Saatgut zum Mitnehmen bereit, eine temporäre Galerie inmitten der Gärten kann besichtigt werden: Der Zugang zu der Auseinandersetzung mit Kunst, den artspring gewährt, ist niederschwellig und spielerisch, nicht aber seicht. Getreu dem diesjährigen Motto setzt das Festival Signale, indem es Kultur als eine lebensnotwendige und verbindende Gemeinschaftsform versteht.