Detailansicht / Sparkasse Schönhauser Allee: Margarethe Ucinski, Foto kuag

Mythen gibt es viele, sie kommen und gehen, manche bleiben. Das Kunstfestival artspring berlin, das sich der zeitgenössischen Kunst widmet, hat sich in diesem Jahr auf das Motto „der mythos ist hin“ festgelegt. Der Titel ist ein Zitat aus einem Film über den Prenzlauer Berg in der Umbruchszeit 1990. Der Film flaniert mit seinen Protagonist*innen, ohne zu kommentieren. Es bedarf keines kommentierenden Textes, um zu zeigen, worum es geht. So eröffnet „der mythos ist hin“ ein vielfältiges Spektrum von inhaltlichen Bedeutungsfeldern, die sich auf den Bereich der Kunst ebenso wie auf ihren Kontext beziehen lassen.


Detailansicht / Galerie Pankow: Vanessa Cardui, Der Knüller, Mixed Media, 2021, Foto: Kuag

Das Kunstfestival wurde in diesem Jahr bereits zum 6. Mal in den Stadtteilen Pankow, Weißensee und Prenzlauer Berg gefeiert. Ähnlich wie das Festival 48 Stunden Neukölln will auch artspring berlin neben dem Zeigen von Kunst außerhalb gängiger Kunsteinrichtungen auf die steigenden Mieten, die Immobilienspekulation und die damit einhergehende Verdrängung der Bildenden Künstler*innen aus den Stadtbezirken aufmerksam machen. Die mythenbehafteten Bezirke sind schon längst in einer profitorientierten Gegenwart verankert.


Detailansicht / Galerie Pankow: Nicole Woischwill, Familienbande, Fotografie, 2016, Foto: Kuag

Über mehrere Wochen fanden zahlreiche Lesungen, Performances und Ausstellungen statt. Seit zwei Jahren ergänzt zusätzlich das Filmfestival artspringnale das Programm, das in diesem Jahr Themen wie den Umgang mit Ausgrenzung und Teilhabe oder die Aufarbeitung der jüngeren deutsch-deutschen Geschichte aufgriff. Auch hier lässt sich als Subtext ein Spiel mit politischen und gesellschaftlichen Mythen erkennen.
Den Höhepunkt bildete dann das letzte Wochenende, an dem über 300 Künstler*innen in ihre Ateliers einluden, um mit den Interessierten ins Gespräch zu kommen. Eine Gelegenheit, einzelne Ateliers zu besuchen, die normalerweise nicht auf den üblichen Kunstpfaden liegen. Aber vor allem eine Chance, sich in den großen Atelierhäusern wie der Prenzlauer Promenade, der Ateliergemeinschaft Milchhof e.V. oder den verschiedenen Pankower Atelierhäusern über künstlerische Aktivitäten umfassend zu informieren. In der Galerie Pankow war schließlich die diesjährige Festivalausstellung zu sehen, die 80 Positionen auf und aus Papier versammelte .


Detailansicht / Colosseum: Chuz Lopez Vidal, aus der Reihe Ich trage mein Schicksal, Collage 2021, Foto: kuag

Wie auch bei den letzten Ausgaben des Festivals wird Kunst als eine lebensnotwendige und verbindende Gemeinschaftsform verstanden. So bot bspw. die Reihe „artwalk berlin“ die Gelegenheit, die künstlerischen Aktivitäten unmittelbar in den öffentlichen Raum zu tragen. Ein möglicher Schritt, dadurch die Sichtbarkeit von Kunst ganz unmittelbar im Stadtraum zu stärken. So lassen sich in Schaufenstern und auf Displays entlang der Schönhauser Allee zwischen den unendlich vielen Verkaufs- und Restaurantketten noch immer zahlreiche Werke entdecken. Wir sind noch da! scheint es durch den Straßenlärm zu tönen. Und niemand, der sie sieht, käme auf die Idee, dass Kunst ein Mythos ist, man muss nur genau hinschauen.

artspring berlin wird getragen von der Ateliergemeinschaft Milchhof e.V.
www.artspring.berlin


Foto: kuag