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Berlin Daily 26.02.2024
Diskussion: Architektonische Rekonstruktionen

19 Uhr: mit HG Merz (Architekt), Aleida Assmann (Literatur-/Kulturwissenschaftlerin), Harald Bodenschatz (Stadtplaner), Max Czollek (Schriftsteller), Philipp Oswalt (Architekt /Publizist), Mod: Johanna M. Keller Akademie der Künste | Pariser Platz 4 | 10117 B

Alle zählen. Werkpräsentation JUNGE AKADEMIE in der Akademie der Künste.

von Katja Hock (09.04.2022)
vorher Abb. Alle zählen. Werkpräsentation JUNGE AKADEMIE in der Akademie der Künste.

Lucie Sahner
You’ve Got Something Between Your Teeth, 2022
Latex, Silikon, Stoff, Holz
Foto © Peter Wolff


Die Akademie der Künste zeigt im Hanseatenweg die Werke von 29 internationalen Künstler*innen ihres Residenzprogramms Junge Akademie. Die Ausstellung What matters liefert Antworten. Es zählen Hinterfragen, Partizipation und Engagement.

Zu sehen gibt es viel: Eine aufgeblasene menschliche Figur, deren Oberkörper sich zu einer verknoteten Röhre zieht, ist kopflos. Hintereinander gehängte, bemalte transparente Scheiben suggerieren Tiefe, erscheinen aber beim Verlassen der optimale Perspektive simpel. An der Decke läuft ein Video, aber niemand sieht hoch; betrachtet wird es von den meisten durch einen Spiegel am Boden. Bilder an der Wand sind wie Vorhänge in Streifen gestritten. Sie bewegen sich erst beim Vorbeigehen. So willkürlich die aufgezählten Objekte zu sein scheinen, so passend ist der Ausstellungstitel What matters. Die Kurator*innen Clara Hermann (Leitung der Jungen Akademie) und Arkadij Koscheew (Kulturhistoriker) geben der Vielfalt und individuellen Herangehensweise Raum: was zählt im Leben und in unserer Welt – vom Kleinen ins Große, vom Alltäglichen zum Weltpolitischen, vom Mikrokosmos zum Makrokosmos. Das Publikum wird regelrecht herausgefordert, herauszufinden, was unter den künstlerischen Positionen überzeugt und heraussticht, einen erst auf den zweiten Blick berührt oder völlig kalt lässt.

Sind unsere Welten so unterschiedlich, unsere Geschmäcker so verschieden? Kommen wir überhaupt mit den ganzen Reizen zurecht? Neben Malerei, Zeichnung, Fotografie, Grafik und skulpturalen Werken werden auch Video- und Soundarbeiten gezeigt, manche davon dauern bis zu 50 Minuten. Überfordert? Gut möglich! Was zählt also? Was spricht uns an? Was nehmen wir von dieser riesigen Bandbreite an künstlerischen Ideen mit nach Hause?

Die Installation You´ve got something between your teeth von Lucie Sahner (*1986) stellt deutlich die Loslösung der Körpergrenzen dar. Der breitbeinig stehende Unterkörper kippt nach vorne, während ihn ein Latex-Schlauch vor dem Fallen bewahrt. Sahner wählt für ihre Arbeiten häufig Latex, welches aus dem Sekret von Bäumen entsteht, als ein organisches Material, das durch seine Formbarkeit an die menschlichen Bedürfnisse angepasst wird. Gleichzeitig erscheint das gummiartige Gebilde wie ein riesiger Parasit, der vom Körper Besitz ergreift. Skurrilität und Bedrohendes prallen aufeinander. Wie kopflos, erstarrt oder doch munter wir sind?


Nazanin Noori
APOLOGY, 2022
Hörspiel, Installation
Foto © Peter Wolff


Apology ist ein 45-minütiges englischsprachiges Hörspiel, das als Installation mit einem siebenminütigen Hörausschnitt in der Ausstellung zu sehen ist. Die Arbeit der aus dem Iran stammende Künstlerin Nazanin Noori (*1991) sticht durch ihre atmosphärische Erzählung hervor. Aufgebaut als lyrisches Drama in zwei Akten und ursprünglich als Theaterstück gedacht, spielt die Szenerie in den Überbleibseln eines Vergnügungsparks in der christlichen Vorhölle. Die Protagonist*innen warten auf die Entscheidung des Totengerichts. So stehen die Besucher*innen vor einem Bühnenraum, der durch weiße abwaschbare Vorhänge und Linoleumboden klar von den anderen Ausstellungsbereichen abgegrenzt ist. Als Sitzgelegenheit dienen mit schwarzem Kunstleder überzogene Patientenliegen. In Mitten des hell erleuchteten Raums schwebt und dreht sich ein Fragment einer Röhrenrutsche. Farbe, Töne und Atmosphäre lassen einen die Nackenhaare hochstellen. Die Installation erinnert an ein Science-Fiction-Szenario, in dem sich unheilvoll Fremdes aus dem Weltall seinen Weg gebahnt hat.

Oder sind es die geräuschlosen, statischen Gegenstände ganz aus Papier, die die Illusion von Vertrautem auslösen, doch das Filigrane und Zerbrechliche in den Vordergrund rücken lassen, die zählen? Das Künstlerkollektiv Jennifer O´Donell und Jonathan Janssens kommen aus der Architektur und präsentieren in der Werkschau die dreiteilige Installation Machine (2022). In der Arbeit wird auf die irischen „Magdalene Laundries“ aufmerksam gemacht. Frauen und Mädchen aus römisch-katholischen Institutionen, die vermeintlich die Moralvorstellungen missachteten, wurden als Buße dauerhaft und ohne Bezahlung zu Wasch- und Näharbeiten gezwungen. Die Stipendiat*innen greifen dieses gesellschafskritische Thema auf, indem sie eine Bügelmaschine, ein Bett und ein Architekturelement einer Kapelle in weißem Buchbinderpapier nachbauten. Die hohe Realitätstreue überrascht. O´Donnell und Janssens inszenieren die damalige Lebenswelt der jungen Frauen auf subtile Weise. Arbeit sollte doch dem Überleben und dem Vorankommen dienen und keine Repression darstellen. Aber bei dieser Aussage weiß ein Teil der Welt nicht, ob es lachen oder weinen soll.


Jennifer O’Donnell und Jonathan Janssens (plattenbaustudio)
Machine, 2022
Installation aus Buchbinderpapier und Holz, 3 Teile
Foto © Peter Wolff


What matters - was zählt also? Sind es die politischen Themen, Faschismus, Terror, Krieg? Oder sind es gesellschaftliche Themen, wie Religion, Geld und Währungen, unsere eigene Sicherheit? Ist es die Pandemie, als wir uns im Lockdown neu erfinden mussten oder die Zeit Berlins nach der DDR, als Deutschland versuchte langsam zusammenzuwachsen? Ist es das eigene Körperempfinden, die eigene Sexualität, die Räume, in denen wir uns aufhalten, das Hell und das Dunkel? Was zählt? So schwer diese Frage zu beantworten ist, so vielschichtig stößt diese Werkschau die Gedanken dazu an. Denn das Gezeigte belehrt nicht plump, sondern lädt uns durchaus spielerisch ein, eigene Antworten zu finden.

Mit den Stipendiat*innen:
Christin Berg, Ferhat Bouda, Yvon Chabrowski, Farhad Delaram, Tony Elieh, Olivier Foulon, Annette Frick, Simone Haug, Miguel Hilari, Meena Kandasamy, Ruth Kaaserer, Sasha Kurmaz, Fabian Lippert, Friederike Meese, Nida Mehboob, Ada Mukhina, Moritz Nitsche, Nazanin Noori, Jennifer O’Donnell, Sophia Pompéry, Mykola Ridnyi, Lucie Sahner, Mia Sanchez, Fabià Santcovsky, Mohamed Mbougar Sarr, Anna Slobodnik, Aled Smith, Undine Sommer, Philipp Valente

What Matters – Werkpräsentation JUNGE AKADEMIE
13.03. bis 10.04.2022

Ort: Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Berlin-Tiergarten
Öffnungszeiten: Di - So 11:00 - 19:00 Uhr

Eintritt frei
Finissage: 09.04.2022, 19:00 Uhr

Katja Hock

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