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Berlin Daily 18.05.2024
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16 Uhr: mit Marcelina Wellmer und Karolina Majewska-Güde im Rahmen der Ausstellung "You are among us, we are among you" Kunstbrücke am Wildenbruch | Weigandufer Ecke Wildenbruchbrücke | 12045 Berlin

Artist Talk zum Weltfrauenmonat

von Frank Lassak (21.03.2024)
vorher Abb. Artist Talk zum Weltfrauenmonat

links: Rubica von Streng, rechts: Sara Lily Perez, Galerie SLP, 2024, Foto: Efacts Photography

Im Rahmen der Ausstellung zum Weltfrauenmonat, „Grace & Valor – The Dual Essence of Femininity“, veranstaltet die Galerie SLP im Bikinihaus am Samstag, dem 23. März (Beginn: 16 Uhr) einen Artist Talk mit Rubica von Streng , die in der Schau mit vier Gemälden vertreten ist. Die Berliner Künstlerin wird über ihren aktuellen Werkzyklus „PortLand“ und über ihre Arbeit als Künstlerin sprechen. Gastautor Frank Lassak hat mit ihr und der Galeristin Sara Lily Perez vorab gesprochen.

Frank Lassak: Laut einer jüngst veröffentlichten artnet-Studie können nur 22 Prozent der zeitgenössischen Künstlerinnen von ihrer Kunst leben. Bei den männlichen Kollegen sind es immerhin 37 Prozent. Worin sehen Sie die Hauptgründe für dieses Missverhältnis, Frau Perez?

Sara Lily Perez: Lange Zeit wurde Künstlerinnen nicht so viel Aufmerksamkeit und Wertschätzung entgegengebracht wie Künstlern. Erst seit Kurzem verdienen Frauen etwas besser mit ihrer Kunst. Was nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass die Arbeit von Frauen noch immer nicht angemessen bezahlt wird. Diese Einkommensunterschiede sind das Ergebnis einer tief verwurzelten Ungerechtigkeit. In unserer Galerie möchten wir – bisweilen auch mit Ausstellungen, in denen ausschließlich Werke von Künstlerinnen gezeigt werden, wie jetzt, während des Weltfrauenmonats – die Situation von Frauen in der Kunst verbessern.

Frank Lassak: Von Frauen erschaffene Werke verkaufen sich zudem nach wie vor schlechter als jene von Männern. Zwischen 2009 und 2020 trugen Arbeiten von Künstlerinnen beispielsweise nur zwei Prozent zu den Einnahmen großer Auktionen bei.

Sara Lily Perez: Hauptverantwortlich für den niedrigeren Marktwert ist meines Erachtens, dass Künstlerinnen in hochkarätigen Ausstellungen, Galerien und Sammlungen noch immer unterrepräsentiert sind. Die Konsequenz: Was nicht sichtbar ist, wird weniger nachgefragt.

Rubica von Streng: Das hat wohl historische Gründe, da im Lauf der Zeit mehr Männer als Frauen künstlerisch tätig waren. Vermutlich wird es noch eine Weile dauern, bis das Verhältnis ausgeglichen ist.

Frank Lassak: Anderseits investieren bedeutende Sammlungen zurzeit zunehmend in Werke von Künstlerinnen. Ist das als positives Signal zu werten? Was halten Sie davon, dass Galerien und Museen Ausstellungen zeigen, in denen nur Werke von Künstlerinnen zu sehen sind?

Rubica von Streng: Es ist verständlich, dass Frauen derzeit verstärkt gefördert werden. Ich bezweifle aber, ob das auf Dauer eine wirklich gute Lösung ist.

Sara Lily Perez: Wenn wir spezielle Ausstellungen exklusiv mit Künstlerinnen machen, ist das ein Schritt in die richtige Richtung, um dadurch Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. Aber es kann auch dazu führen, dass wir zu viel darüber nachdenken, dass Künstlerinnen eben Frauen sind, anstatt uns allein auf die Werke zu konzentrieren. Es gilt sicherzustellen, dass alle fair behandelt werden und die Chance bekommen, dass ihre Arbeiten gesehen und gewürdigt werden. Kunst darf nicht mehr nach dem Geschlecht der Kunstschaffenden eingestuft werden.

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Sara Lily Perez, Foto: Efacts Photography

Frank Lassak: Welche Mittel setzen Sie als Galeristin und Kuratorin ein, um weibliche künstlerische Positionen in Ihrem Programm gleichwertig zu berücksichtigen?

Sara Lily Perez: Um Künstlerinnen bei uns die gleichen Chancen zu geben wie Künstlern, suchen wir aktiv nach Kunst von Frauen und unterstützen sie. Wir sorgen dafür, dass in Gruppenausstellungen genauso viele Künstlerinnen wie Künstler vertreten sind. Und wir helfen Frauen, die am Anfang ihrer künstlerischen Laufbahn stehen, indem wir sie beraten und ihnen die Möglichkeit geben, ihre Kunst zu zeigen. Zudem kommunizieren wir transparent, wie wir Werke auswählen. So können alle verstehen, dass wir Werke zeigen, weil sie gut sind und nicht, weil sie von einem bestimmten Künstler oder einer bestimmten Künstlerin stammen. Auf diese Weise stellen wir sicher, dass alle, egal ob Mann oder Frau, eine faire Chance haben.

Frank Lassak: Die Kunsthistorikerin Britta Kadolsky kommt in ihrem Blog-Beitrag „Frauen in der Kunst“, der im Dezember 2023 erschien, zu dem Schluss, dass es „keine typisch weibliche Kunst“ gebe. Wie sehen Sie das?

Rubica von Streng: Das stimmt an sich. Es bräuchte anerkannte künstlerische Kriterien, die es meines Wissens nicht gibt.

Sara Lily Perez: Man hat oft versucht, Künstlerinnen in eine Schublade zu stecken und ihnen zu sagen, welche Art von Kunst sie machen sollen. Das ist nicht fair und letztlich nur ein weiteres Vorurteil gegenüber dem weiblichen Geschlecht in der Kunstwelt. Zu sagen, dass Kunst nur auf eine bestimmte Art und Weise sein kann, weil sie von einer Frau oder einem Mann gemacht wird, ist zu einfach und geht völlig an der Sache vorbei. Alle Künstlerinnen und Künstler haben ihre eigene Art, Kunst zu erschaffen, und sie sollten für ihre einzigartigen Ideen und das Besondere, das sie der Kunstwelt hinzufügen, bekannt sein.

Frank Lassak: Die Stiftung Advancing Women Artists hatte vor, die Werke von „vergessenen“ Künstlerinnen aus vergangenen Jahrhunderten in Ausstellungen sichtbar zu machen und zu katalogisieren. Ein millionenschweres Projekt, das den Kunstkanon weiblicher machen sollte, wie die 2018 verstorbene Initiatorin Jane Fortune sagte. Wäre solch eine Aufarbeitung beziehungsweise Revision wichtig, um die Stellung der Frauen in der Kunstwelt zu verbessern? Oder sollte nicht viel mehr in aktuelle Kunst und deren Produzentinnen investiert werden?

Rubica von Streng: Fehler aus der Vergangenheit aufzuarbeiten, ist immer wichtig. Insofern sollte man dieses Projekt durchführen. Keinesfalls sollte man aber das eine gegen das andere ausspielen: Beides – die historische Aufarbeitung und die Förderung zeitgenössischer Künstlerinnen – kann ein Bewusstsein für den derzeitigen Missstand schaffen.

Sara Lily Perez: Die Aufarbeitung und das historische Gedächtnis sind entscheidend für ein umfassenderes und genaueres Verständnis der Kunstgeschichte. Projekte, die darauf abzielen, Werke von früheren Künstlerinnen sichtbar zu machen, stellen den traditionellen Kunstkanon in Frage und tragen zu einer umfassenderen Darstellung bei. Damit werden nicht nur die Beiträge von Frauen zur Kunst gewürdigt, sondern auch das kulturelle Erbe für die Öffentlichkeit reicher und vielfältiger. Solche Bemühungen können zu systemischen Veränderungen in der Art und Weise anregen, wie Kunst geschätzt, studiert und gefeiert wird – und letztlich die Position von Frauen in der heutigen Kunstwelt verbessern.

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Rubica von Streng, Foto: Efacts Photography

Frank Lassak: Die griechische Künstlerin Leda Papaconstantinou sagte kürzlich: „Ich kann Frau und zugleich Künstlerin sein, wenn ich will. Für diese Freiheit habe ich stets mit erhobener Faust gekämpft – und tue es weiterhin.“ Geht es nur in Form eines Kampfes, oder können sich Künstlerinnen auch mit anderen Mitteln ihren Platz in der Kunstwelt schaffen? Wie sehen Sie das, Frau von Streng?

Rubica von Streng: Nachhaltige Gleichstellung braucht einen Bewusstseinsprozess, der ihr vorausgeht. Eine Veränderung in der Besetzung der Entscheidergremien würde sicher etwas bringen. Man könnte an Kuratierende appellieren, mehr Kunst von Frauen auszustellen, sodass deren Werke in gleichem Maße sichtbar und ebenso wertgeschätzt werden wie die von Männern.

Artist Talk: Rubica von Streng Galerie SLP im Bikinihaus
Samstag, 23. März 2024, 16 Uhr Budapester Str. 48
10787 Berlin

Frank Lassak

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