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Die Stimmungen der Zeit festhalten. Die Künstlerin Rubica von Streng im Interview.

von chk (28.10.2022)
vorher Abb. Die Stimmungen der Zeit festhalten. Die Künstlerin Rubica von Streng im Interview.

Rubica von Streng, Hidden Diversity, Öl auf Leinwand, Foto: Efacts Photography

Rubica von Streng (*1992 in Berlin) studierte an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe und an der Universität der Künste in Berlin (UdK). Dort schloss sie 2018 das Studium als Master of Arts ab. Seither hat sie an verschiedenen Ausstellungen teilgenommen. Aktuell stellt die Künstlerin im Musee Dezentral, einem Kunstmuseum im Metaverse aus und demnächst in der Berliner Inselgalerie. Im folgenden Interview gibt sie Auskunft über ihre künstlerische Herangehensweise.

Carola Hartlieb-Kühn: Liebe Rubica von Streng, Sie nehmen im November an einer Ausstellung in der Berliner Inselgalerie teil und zeigen dort Werke Ihrer Serie „Limits of Portland“. Aktuell sind einige Arbeiten der Serie erstmals im Musee Dezentral ausgestellt, einem Kunstmuseum im Metaverse. Was ist das Thema von „Limits of Portland“?

Rubica von Streng: „Limits of Portland“ ist der zweite Teil des 2018 begonnenen Werkzyklus „PortLand“. Während der erste Teil, „Towards PortLand“, die von Individualismus und Entfremdung geprägte Gegenwart sezierte und die Verwurzelung der Protagonisten zwischen inneren und äußeren Landschaften zeigte, wendet sich „Limits“ der unmittelbaren Zukunft zu. Zu sehen sind Portraits der künftigen Erde, Momentaufnahmen der Topographie unseres Planeten, dessen Erscheinungsbild das Ergebnis einer jahrhundertelangen Domestikation durch die Menschheit ist. Thematisiert werden der Verlust von Biodiversität, die Zerstörung von Biotopen, Migration und Heimatverlust in Folge von Kriegen oder Katastrophen. Mithilfe eines universellen Formen- und Farbcodes, der wesenhafte Landschaften entstehen lässt, werden sich verändernde Stimmungen sichtbar – inspiriert von der Natur, deren Erhalt und dem Weltgeschehen. Stimmungen, die überdauern und die fest mit dem Land verbunden sind.

Sie arbeiten nicht-figurativ, dennoch tauchen in „Limits of Portland“ Momente des Erzählerischen auf. Das liegt daran, dass Ihre Malerei Erinnerungen an unbekannte Landschaften hervorruft. Aber auch an den Bildtiteln und den Figurenfragmenten, die flüchtig erscheinen und wieder verschwinden, ohne Konkretes zu behaupten. Thematisieren Sie Geschichten?

Die Bilder zeigen teils organische Formen, teils Landschaften. Gut zu erkennen ist dies etwa in „Garden of Earthly Desires“ oder „Natural Dignity“. Die Titel deuten an, dass es sich um Orte handelt, die nur noch selten zu finden sind. „Limits of PortLand“ zeigt unter anderem eine Reihe von Porträts dieser Landschaften – nicht als klassische Landschaftsmalerei, sondern in Form abstrakter, imaginierter Orte. Die darin auftauchenden Figuren sind insofern Bestandteil der universellen Geschichte des Werdens und Vergehens: So unvermittelt, wie sie auftauchen, verschwinden sie auch wieder. Das narrative Element steht jedoch nicht im Vordergrund.

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Rubica von Streng, Burn II, Öl auf Papier, Foto: Efacts Photography

Augenfällig ist an Ihren Bildern die Farbzusammenstellung. Oft herrschen warme Farbtöne vor, dann ein kühles Blau, Grün fehlt hingegen völlig. In anderen Werken, wie beispielsweise in der „Totentanz“-Serie, kombinieren Sie Schwarz-, Grau- und Rottöne. Wie gehen Sie bei der Farbwahl vor? Folgen Sie einem Konzept oder einer intuitiven Eingebung?

Die Farben geben Hinweise auf die Beschaffenheit der Landschaften, die dadurch trotz des Verzichts auf Texturen erkennbar bleiben. Das Spektrum der verwendeten Farben unterscheidet sich in beiden Werkzyklen deutlich: Bei „PortLand“ dominieren erdverbundene Töne. Bereits im ersten Teil des Zyklus habe ich bewusst auf die Farbe des Lebens verzichtet: Grün kommt daher auch im zweiten Teil nicht vor. Erdverbundene Farbtöne, etwa starkes Rot, Gelb und Blau, waren mir hingegen wichtig. Denn auch sie spiegeln die Schönheit der Natur. So gibt es in „PortLand“ zwar kein Grün – aber man kann es mitunter erahnen. Die im „Totentanz“-Zyklus verwendeten Farben Schwarz und Grau habe ich dagegen aus geprilltem Beinschwarz hergestellt – sozusagen als Sinnbild dessen, was vom Leben übrigbleibt. Hinzu kommt ein kräftiges Rot als Substrat des Lebens selbst.

Welche Bedeutung hat das Arbeiten in Schichten hierbei? Beziehungsweise inwieweit loten Sie strategisch das Verhältnis zwischen Form /Linie etc. und Grund über die Schichten aus?

Schichten bieten Dialogmöglichkeiten: Die Bilder bekommen unterschiedliche Ebenen, die aufeinander Einfluss nehmen, sich gegenseitig bedingen. Über jede einzelne Ebene kann man in die Bildwelt einsteigen, sodass nicht nur der Bildvordergrund Bedeutung hat. Aus den Bezugnahmen zwischen den Ebenen und Behauptungen ergibt sich der Gesamteindruck. Bei den Werken des „Totentanz“-Zyklus verhält es sich anders: Dort wollte ich bewusst auf einen Ort- und Zeitbezug verzichten und die Beschaffenheit des Hintergrunds auf das wirken lassen, was im Vordergrund geschieht.

Betrachtet man den Bildaufbau bei der Serie „Limits of Portland“, so fällt auf, dass sich der Schwerpunkt des Bildgeschehens zumeist auf die unteren zwei Drittel der Leinwand verlagert. Wie beurteilen Sie das Spannungsverhältnis zwischen der Leichtigkeit und der Transparenz, die Ihre Farbschichtungen transportieren, und auf der anderen Seite das Erdverbundene, das in den Bildraum verwurzelt ist?

Die Bildebenen sind Gegenpole und weisen typische Merkmale der Landschaftsmalerei auf. Die Erdverbundenheit wird in den Werken aber etwas stärker thematisiert als üblich – daher der Fokus auf das untere Bilddrittel.

Sie arbeiten häufig in Serien. Welches Potenzial bietet Ihnen die Serie gegenüber dem Einzelbild?

In Serien ist es mir möglich, verwandte Inhalte zueinander in Bezug zu setzen oder auch sehr diverse Ansichten nebeneinander aufzuzeigen. Der Fokus wird breiter; dennoch funktioniert jedes Werk auch für sich allein.

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Rubica von Streng, Paradise, Öl auf Papier, Foto: Efacts Photography

Wenn Sie eine neue Serie oder auch eine neue Arbeit beginnen: Gibt es vorweg ein Ziel, das Sie bildnerisch umsetzen wollen?

Bei manchen Werken steht für mich zu Beginn eine klare Vision, ein Schwerpunkt oder eine Farbe. Manchmal entwickelt sich das Bild aber auch aus einem besonderen Impuls heraus in einer in den meisten Fällen zielorientierten Richtung. Spontane Ausformulierungen können dennoch vorkommen.

Im Zyklus „Totentanz“, der nächstes Jahr u. a. in Stralsund ausgestellt wird, bevölkern zeichenhaft fragile Wesen ihre Bildwelten. Wie der Titel andeutet, greifen Sie ein Thema auf, das seit dem frühen Mittelalter in der Kunst kommuniziert wird. In welcher Beziehung steht das Motiv des Totentanzes für Sie zur Gegenwart?

Tod ist immer mit dem Menschen oder dem Individuum verbunden, wie die Geburt auch. Früher oder später muss, sollte, wird sich jeder damit auseinandersetzen. Mich interessiert indes die Auseinandersetzung mit bereits dagewesenen thematischen Zusammenhängen, die anders als gewohnt definiert werden können. Frei von religiösem Kontext, nach dem Motto: Jeder stirbt seinen eigenen Tod. Das tun die Protagonisten im „Totentanz“-Zyklus ebenso. In den Bildern kann man erkennen, wie dies genau geschieht.

Spielt für Sie die Auseinandersetzung der Kunst mit der Kunstgeschichte im Allgemeinen eine Rolle?

Die Auseinandersetzung mit Themen verändert sich von Epoche zu Epoche beziehungsweise wird weiterentwickelt und steht jeweils im Kontext der Zeit. Es ist sicher wichtig zu wissen, wo etwas herkommt, um Zusammenhänge besser zu verstehen. Mich interessiert dabei vor allem, universelle Ansätze zu finden. Die Stimmungen der Zeit festzuhalten, erweist sich gerade bei einer so facettenreichen Gesellschaft wie der des 21. Jahrhunderts als sehr komplex. Ich arbeite deshalb auch gern mit Fragmenten. Für mich sind Themen bedeutsam, die auch Jahrhunderte vor uns Menschen interessiert haben, etwa die Wissenschaft, der soziale Zusammenhalt oder der mediale Fortschritt.

Apropos Medien: Ihr Instagram-Account ist sehr sorgfältig gestaltet. Welche Rolle spielen die Sozialen Medien beziehungsweise das Internet in Ihrer Arbeitswelt?

Social Media und das Internet bieten mir die Möglichkeit, mich mitzuteilen und direkte Reaktionen auf meine Werke zu erleben. Ich kann mich dort mit Menschen auf der ganzen Welt austauschen – weltweite Vernetzung ist unglaublich wichtig. Die Einflüsse, die ich dadurch gewinne, sind großartig. Und ich erhalte Feedback zu meinen Werken und kann bei Interesse den Austausch vertiefen. Gelegentlich gebe ich dem Publikum bei Instagram Einblicke in meine Arbeit im Atelier. Solche Posts finden meist großen Anklang. Auch die Ausstellung im Musee Dezentral bringt in erster Linie mehr Sichtbarkeit. Das ist momentan sehr wichtig, denn in den vergangenen zwei Jahren der Pandemie wurden viele Ausstellungen abgesagt.

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Portrait Rubica von Streng, Foto: Frank Lassak

Können Sie uns zum Schluss noch etwas über Ihre aktuellen Projekte erzählen?

Zurzeit beschäftige ich mich mit dem dritten Teil des „PortLand“-Zyklus: In „Beyond PortLand“
erweitere ich die Perspektive und erkunde, welche Gestalt unser Planet und unsere Gesellschaft annehmen können, wenn die derzeit und in naher Zukunft drohenden Krisen und Katastrophen vorüber beziehungsweise überwunden sind. Bildtechnisch – und im übertragenen Sinn – eröffnen sich ganz neue Horizonte, etwa in Bezug auf die verwendeten Medien. Everything goes beyond!

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chk

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Titel zum Thema Interview:

Die Stimmungen der Zeit festhalten. Die Künstlerin Rubica von Streng im Interview.
Die Stimmungen der Zeit festzuhalten, erweist sich gerade bei einer so facettenreichen Gesellschaft wie der des 21. Jahrhunderts als sehr komplex. Ich arbeite deshalb auch gern mit Fragmenten. (Rubica von Streng)

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