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"Heimat: ein universelles und zugleich persönliches Konzept"

von Frank Lassak (30.05.2024)


"Heimat: ein universelles und zugleich persönliches Konzept"

Aleksandra Sascha Belozerova: „Babushka“, digitale Fotografie, 2018, © Aleksandra Sascha Belozerova

In einer temporären Galerie unweit des Bahnhofs Gesundbrunnen zeigen 40 Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt vom 1. bis 12. Juni ihre Positionen zu kultureller Identität und Zugehörigkeit. Frank Lassak sprach mit Kuratorin Georgina Magklara über die Ausstellungsidee.

Frank Lassak: Sie haben Künstlerinnen und Künstler aus dem In- und Ausland eingeladen, in der Ausstellung „Home: A Journey of Identity and Belonging“ Arbeiten zum Begriff „Heimat“ zu präsentieren. Was hat Sie zu diesem Thema inspiriert, Frau Magklara?

Georgina Magklara: Die Idee entstand aus meiner tiefen Überzeugung heraus, dass Heimat ein universelles und zugleich sehr persönliches Konzept ist. Jeder Mensch hat eine individuelle Vorstellung davon, was Heimat für ihn oder sie bedeutet – sei es ein Ort, eine Gemeinschaft oder ein Gefühl. Besonders in unserer globalisierten und fragmentierten Welt ist das Thema von großer Bedeutung. Viele Menschen erleben Migration und kulturelle Verschiebungen, wodurch die Frage nach Zugehörigkeit und Identität noch relevanter wird. Ich wollte einen Raum schaffen, in dem Künstlerinnen und Künstler ihre Erfahrungen zu diesem Thema teilen können. Die Vielfalt der Arbeiten in dieser Ausstellung spiegelt die unterschiedlichen Interpretationen und Emotionen, die mit dem Begriff Heimat verbunden sind. Von Erinnerungen an die Kindheit über die Auseinandersetzung mit kulturellen Wurzeln bis zur Erfahrung von Migration und Entwurzelung – all diese Facetten finden dort Ausdruck. Ein Zitat, das mich besonders inspiriert hat, stammt von Maya Angelou: „The ache for home lives in all of us, the safe place where we can go as we are and not be questioned.“ Dieses Gefühl der Sehnsucht nach einem Ort, an dem man ganz man selbst sein kann, zieht sich wie ein roter Faden durch die Schau.

Frank Lassak: Neben Ihnen als Kuratorin sind noch weitere Menschen an der Planung beteiligt gewesen. Wer macht was in Ihrem Team?

Georgina Magklara: Da wirkt ein engagiertes Team junger Menschen mit, denen ich die Möglichkeit bieten wollte, sich in der Kunstszene zu etablieren. Ich denke, dass es wichtig ist, Chancen zu schaffen und Zugänge zu dieser oft geschlossenen Branche zu eröffnen. Im Team herrscht eine flache Hierarchie, die Zusammenarbeit auf Augenhöhe und kreativen Austausch fördert. Simona Velitsko und Giulia Cavallo unterstützen mich als kuratorische Assistentinnen. Sie sind für die Auswahl und Betreuung der Künstlerinnen und Künstler zuständig und koordinieren die Logistik. Ignacio Daniel Garrido Balut ist verantwortlich für das Ausstellungsdesign. Unsere Kooperation zeichnet sich durch offene Kommunikation und gegenseitigen Respekt aus.

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Rubica von Streng: „Dance With Me“; aus dem Zyklus „Totentanz“, Öl auf Leinwand, 2017; Credit: Rubica von Streng; Foto: Efacts Photography

Frank Lassak: Neben der bildenden Kunst bieten Sie auch darstellenden Künstlerinnen und Künstlern eine Bühne in den Ausstellungen. Wie kommt das beim Publikum an?

Georgina Magklara: Die Integration darstellender Kunst stößt beim Publikum auf eine äußerst positive Resonanz. Ob Tanz, Theater, Performance-Kunst oder Musik – all diese Disziplinen bringen Dynamik und Emotionalität in die Ausstellung. Sie ermöglichen es den Gästen, die Kunstwerke auf neue Weise zu erleben. Die Verbindung von visuellen und auditiven Reizen schafft eine Erfahrung, die lange nachwirkt. Überdies bieten die Auftritte darstellender Künstlerinnnen und Künstler eine Möglichkeit zur Interaktion und zum Dialog zwischen ihnen und dem Publikum. Das fördert nicht nur das Verständnis und die Wertschätzung für die Kunst, sondern auch die gemeinschaftliche Atmosphäre. Indem wir Kunstschaffenden aus unterschiedlichen Genres und mit diversen kulturellen Hintergründen eine Plattform bieten, schaffen wir eine inklusive und vielfältige künstlerische Landschaft.

Frank Lassak: Die Themen der von Ihnen kuratierten Ausstellungen haben meist politische oder gesellschaftspolitische Relevanz. Sind Sie der Meinung, dass aktuelle Kunst politisch Position beziehen sollte?

Georgina Magklara: Auf jeden Fall! Kunst hat seit jeher die Kraft, gesellschaftliche Missstände aufzuzeigen, Diskussionen anzuregen und Veränderungen zu bewirken. In einer Zeit, in der wir mit zahlreichen globalen Herausforderungen konfrontiert sind, kann und sollte Kunst eine bedeutende Rolle spielen, indem sie Themen wie soziale Gerechtigkeit, Menschenrechte, Umweltfragen und politische Freiheit beleuchtet. Kunst kann komplexe und kontroverse Themen auf eine Weise in den Fokus rücken, die emotional und intellektuell berührt. Sie kann Empathie fördern, Perspektiven verändern und Menschen dazu anregen, aktiv zu werden und sich für positive Veränderungen einzusetzen.
Durch die Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftspolitischen Themen geben Künstlerinnen und Künstler wichtige Impulse und schärfen das Bewusstsein für drängende Probleme. Zudem reflektiert Kunst die Zeit und die Gesellschaft, in der sie entsteht. Indem sie aktuelle Themen und Probleme aufgreifen, halten Künstlerinnen und Künstler der Gesellschaft einen Spiegel vor und tragen dazu bei, dass wir uns unserer Rolle und Verantwortung bewusst werden. Dies ist besonders wichtig in Zeiten des Wandels und der Unsicherheit, in denen Kunst als Sprachrohr für jene dienen kann, die vielleicht keine eigene Stimme haben. In meinen Ausstellungen möchte ich daher nicht nur ästhetische Erlebnisse schaffen, sondern auch Diskussionen fördern.

Frank Lassak: Wie leicht fällt es Ihnen, mit den Ausstellungen Gehör zu finden? Gerade über Berliner Ausstellungsorte wird ja gelegentlich gesagt, dass sie vor lauter politischen Inhalten oft den Sinn für das Schöne und Erbauliche aus den Augen verlieren. Resultiert das in einem Überangebot an politischen Ausstellungsthemen? Wie sehen Sie das?

Georgina Magklara: In Berlin gibt es eine Vielzahl von Ausstellungsorten, die politische Themen ansprechen und Raum für kritische Diskussionen bieten. Diese Vielfalt ist eine Stärke der Stadt. Dennoch kann es manchmal schwierig sein, Gehör zu finden, vor allem wenn politische Themen als übermäßig präsent wahrgenommen werden. Ich denke, es ist wichtig, dass Ausstellungen, die politische Inhalte behandeln, eine ästhetische und künstlerische Qualität aufweisen, um nicht nur informierend, sondern auch inspirierend zu sein. Der Verlust des Sinns für das Schöne und Erbauliche kann dazu führen, dass politische Kunst als einseitig wahrgenommen wird, was die Bereitschaft des Publikums beeinträchtigen kann, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Als Kuratorin sehe ich es als meine Aufgabe, politische Themen in einen breiteren künstlerischen und philosophischen Kontext zu stellen und einen Raum zu schaffen, der auch ästhetische Aspekte anspricht. Wenn politische Inhalte mit ästhetischer Raffinesse und künstlerischer Innovation verbunden sind, können Ausstellungen einen nachhaltigeren Eindruck hinterlassen.

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Ausstellungsplakat

Frank Lassak: Ihre aktuelle Schau findet in einem Temporary Art Space statt, den Sie über die Plattform Culterim gemietet haben. Sehen Sie es als probate Möglichkeit, leer stehende ehemalige Gewerbeflächen zu vorübergehenden Orten der Kunst umzufunktionieren? Oder wäre es nicht besser, aus diesen Flächen permanente Ausstellungsräume zu machen?

Georgina Magklara: Temporary Art Spaces bieten eine Reihe von Vorteilen. So werden die Räume sinnvoll genutzt, und die Kunstszene erhält Plattformen, ohne finanziell und administrativ stark belastet zu werden. Zudem ermöglichen temporäre Räume eine größere Freiheit bei der Gestaltung von Ausstellungen, da sie oft weniger formale oder restriktive Anforderungen haben. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, nomadisch zu agieren und unterschiedliche Räume auszuprobieren. Selbstverständlich gibt es auch gute Argumente für die Schaffung permanenter Ausstellungsräume als langfristige Investition in die lokale Kulturinfrastruktur. Die beiden Ansätze müssen nicht konkurrieren, sondern können einander gut ergänzen.

Frank Lassak: Welche Themen und Orte stehen als Nächstes auf Ihrem Programm?

Georgina Magklara: Für mein nächstes Projekt arbeite ich mit der Künstlerin Maria Salouvardou zusammen. Wir planen eine Soloschau, die in einer Kirche in Brandenburg stattfinden wird. Dieser Ort bietet eine faszinierende Kulisse, um Marias Werke zu präsentieren, die sich durch ihre Tiefe und Emotionalität auszeichnen und Themen wie Identität, Erinnerung und Spiritualität aufgreifen.
Zudem verfolge ich weiterhin meinen Traum, eine Ausstellung zu organisieren, die sich mit dem Thema Missbrauch auseinandersetzt: ein sehr wichtiges und dringendes Thema, das leider noch zu oft tabuisiert wird. Die Ausstellung böte eine Plattform, um Geschichten von Betroffenen zu teilen, das Schweigen zu brechen und Solidarität zu zeigen.

Home: A Journey to Identity and Belonging
1.6. – 12.6. 2024.
Eröffnung am 1.6., 19.00 Uhr

Chromart Art Space
Temporary Gallery
Brunnenstraße 107
13355 Berlin

Frank Lassak

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