In der historischen Halle des Hamburger Bahnhofs schichten sich derzeit 400.000 Holzklötze aus Fichte und Kiefer, 10x10x10 cm groß. Es riecht nach Harz. Es wird gestapelt, gebaut und Gebautes wieder umgestoßen und das beständige Klackern der Klötze wird erst unterbrochen, als jemand anfängt zu singen. 12 Performer*innen versammeln sich im Raum und stimmen in die sanften Töne ein – sind sie ein sakraler Chor im Kirchenschiff, Arbeitende auf der Schwelle zur Erfindung des Sozialismus?
Lina Lapelytės performative Ausstellung We Make Years Out of Hours ist die zweite CHANEL Comission im Hamburger Bahnhof und ein Highlight zur Feier seines 30-jährigen Bestehens. Die Zeiger deuten Richtung Zukunft. Motto des Jubiläums ist das „offene Museum“ – und als zukunftsorientierte, utopische Erfahrung ist auch die Arbeit Lapelytės zu verstehen. Vor allem ist ihre Kunst, die Performance, Partizipation und Polyphonie miteinander verschränkt, ein Experiment zum Thema Resonanz.

Auf der physischen Ebene setzt der poetische Gesang die Holzkuben unter den eigenen Füßen in Schwingungen und macht den Museumsbesuch zu einer sehr sinnlichen Erfahrung. Auch stellt die Installation gesellschaftliche Fragen zum Zusammenhalt in den Raum: Wie bildet man eine Gemeinschaft aus Einzelnen? Wie könnten wir als Kollektiv die Welt gestalten? Wer entscheidet, was gebaut und was abgerissen wird? Die Idee dahinter, so die Künstlerin, ist es, den Prozess der Beziehungsbildung sicht- und erfahrbar zu machen. Die Performer*innen laden Besuchende ein, sich ihrer Gemeinschaft anzuschließen, zu spielen, zu bauen, zu singen. Das Museum wird zum Ort der Begegnungen auf Probe, die Besuchenden zu Testenden menschlicher Verbindungen. Lina Lapelytė möchte uns mitgeben, dass das Streben nach Resonanz das urmenschlichste aller Bedürfnisse ist.
Physikalisch funktioniert das mit der Resonanz so: ein schwingungsfähiges System wird durch einen äußeren Reiz in Bewegung gebracht. Dies funktioniert jedoch nur, wenn der äußere Reiz die richtige Frequenz für den entsprechenden Körper trifft. Auch in der Musik, Psychologie und Soziologie wird der Resonanzbegriff verwendet: Hartmut Rosa beschreibt durch den Begriff der Resonanz, wie Subjekte mit ihrer Umwelt in Beziehung treten. Dabei ist die Resonanz positiv besetzt – sie hat die Macht zu inspirieren, zum Innehalten anzuregen und das Individuum in seiner Identität zu transformieren. Resonanzachsen bilden sich zwischen Subjekt und seinen Mitmenschen, zwischen Subjekt und seinen Tätigkeiten sowie zwischen dem Subjekt und dem Kollektiven: die Gesellschaft, die Natur, die Kunst.

Offen bleibt, wie diese schöne Theorie eigentlich in die Praxis übertragbar ist. Eins ist klar, der Raum verändert sich täglich. Die Besuchenden hinterlassen Spuren ihrer Resonanzerfahrungen. Wenn man nicht zu lange darüber nachdenkt, wer in den heiligen Hallen des Hamburger Bahnhofs überhaupt die Chance bekommt in Beziehung zueinander zu treten, kann sich zwischen sphärischen Klängen und monumentalen Holztürmen Visionen gesellschaftlicher Utopien hingeben.
Laufzeit
01.05. bis 10.01.2027
Öffnungszeiten
Dienstag bis Mittwoch & Freitag 10 bis 18 Uhr
Donnerstag 10 bis 20 Uhr
Samstag & Sonntag 11 bis 18 Uhr
Das Museum ist am Freitag, 1. Mai und Samstag, 2. Mai 2026, bis 22 Uhr geöffnet.
Die Performances finden während der Laufzeit der Ausstellung dienstags, donnerstags, samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr statt.
www.smb.museum
Sonntag, 10.05.26, 12 Uhr
Lina Lapelytė – Werkgespräch – Öffentliche Führung (Zutritt mit gültigem Ticket) auf Deutsch
Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart
Invalidenstraße 50
10557 Berlin







