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Demokratie üben als Performance - eine subtile Provokation. Tania Bruguera im Hamburger Bahnhof

von Katja Hock (11.02.2024)
vorher Abb. Demokratie üben als Performance - eine subtile Provokation. Tania Bruguera im Hamburger Bahnhof

Ausstellungsansicht Where Your Ideas Become Civic Actions (100 Hours Reading The Origins of Totalitarianism), Detail, Foto: art-in-berlin

Leider musste die Performance aufgrund massiver Störungen abgebrochen werden, wie der Hamburger Bahnhof mitteilte.
Mehr dazu auch unter: Propagandistische Interventionen im Kunstkontext zerstören den Diskurs

Die Künstlerin und Aktivistin Tania Bruguera liest zusammen mit anderen rund 100 Stunden aus Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft von Hannah Arendt. Die Performance Where Your Ideas Become Civic Actions (100 Hours Reading The Origins of Totalitarianism) bringt ein Buch aus den 1950er Jahren in den Hamburger Bahnhof – Galerie der Gegenwart und provoziert ein Nachdenken über das eigene Demokratieverständnis.
Heute ist noch bis 23 Uhr die letzte Gelegenheit, die Performance live zu verfolgen.

Wenige Jahre nach der Ausarbeitung des Grundgesetzes 1949 erschien 1951/55 Hannah Arendts Buch. Seit Mittwochabend, dem 07. Februar 2024, mehr als 70 Jahre später, steht ein unendlich klein wirkender Schaukelstuhl im hinteren Teil der riesigen Halle des Hamburger Bahnhofs vor dutzenden Sitzsäcken. Es wird „ununterbrochen“ gelesen. Das lange Vortragen muss anstrengend sein, das Zuhören bei der Akustik ist es jedenfalls. Aber das Konzept der Ausstellung setzt alles daran, es so bequem und zugänglich wie möglich zu machen. Der Eintritt zur Performance ist frei, die Bewegungsfreiheit in der Halle kaum eingeschränkt. Es gibt Getränke und Gebäck. Der Raum ist angenehm geheizt, die Sitzsäcke einladend – für mehrere Tage, rund um die Uhr. Alles ist geregelt. Sich am Lesen zu beteiligen, dafür gibt es eine Anleitung. Verhaltensregeln? Freundlich und bestimmt in einem Handzettel erläutert. Helfendes Personal? Direkt ansprechbar. Ablauf? Redner*innen können sich anmelden, in eine Liste eintragen. Die Menschen fotografieren. Sie hören zu, applaudieren oder lesen in ihren eigenen mitgebrachten Büchern das mit, was soeben vorgetragen wird: Hannah Arendt.

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Ausstellungsansicht Where Your Ideas Become Civic Actions (100 Hours Reading The Origins of Totalitarianism), Detail, Foto: art-in-berlin

Hannah Arendt (1906–1975) von den Nationalsozialisten in Berlin 1933 inhaftiert und später in die Vereinigten Staaten emigriert, gilt als eine der wichtigen politischen Theoretiker*innen und Philosophinnen des 20. Jahrhunderts und darüber hinaus. Ihre Analysen zu Macht, Totalitarismus und Freiheit, ihre Debatten über Verantwortung in einer demokratischen Gesellschaft - aktueller denn je. In den vergangenen Wochen demonstrierten hunderttausende Menschen in Berlin und ganz Deutschland gegen Rassismus und Rechtsextremismus und setzten ein Zeichen.

Die historische Halle des Hamburger Bahnhofs bietet dafür den Ort, einen safe space. Politik ausüben unter dem Schutz der Kunstfreiheit. Tania Bruguera bietet ihre Stimme, liest und kommentiert Arendts Werk zu Macht, Gewalt, Moral und Politik. Es ist ein Zusammenkommen wie in einem Forum, jede Person hätte die Chance sich zu äußern. In einem Open Call und während der Performance werden weitere Personen zum Vorlesen eingeladen. Beteiligte sind Interessierte, darunter beispielsweise Dr. Lutz Fiedler vom Moses Mendelsohn Zentrum Potsdam oder Dr. Juliane Rebentisch, Professorin für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main.

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Ausstellungsansicht Where Your Ideas Become Civic Actions (100 Hours Reading The Origins of Totalitarianism), Detail, Foto: art-in-berlin

Das Museum verwandelt sich in eine uneindeutige Mischung aus Markthalle und Plenarsaal. Es kommt, wer kommt. Reden darf, wer will, aber zu einem bestimmten Zeitpunkt. Einzig die freie Rede wird weitgehend durch das Vorlesen aus dem Buch ersetzt. Es scheint, als müsse erst ein gemeinsamer Wertekanon, ein gesellschaftliches Fundament wiederhergestellt oder an Vorhandenes erinnert werden. Die Besucher*innen werden wenig aktiv, sie bleiben für sich und lauschen. Das Klatschen gilt mehr den Lesenden für ihre Bereitschaft als den vorgetragenen Argumenten. Hat Bruguera uns damit schon entlarvt? Als Konsument*innen, die lautstark weder Befürwortung noch Kritik lautstark äußern?

Ganz anders bei der ersten Performance der Künstlerin im Mai 2015. In ihrem Haus in Havanna, Kuba, las sie und rund 50 weitere Personen ebenfalls aus Arendts Buch. Bruguera stand in dieser Zeit unter Hausarrest. Die Lesung richtete sich gegen Zensur und Repression. Sie endete darin, dass die Künstlerin von den kubanischen Behörden festgenommen wurde. Damals wie heute wurde und wird die Performance nach draußen übertragen. Auf Instagram werden Interessierte über den aktuellen Lesestand geupdated. Vor dem Eingang des Hamburger Bahnhofs an der Straße haben es die Lautsprecher allerdings leichter; statt gegen staatliche Repression müssen sie gegen Verkehrslärm ankommen. Hannah Arendts Werk handelt von der Entstehung des Totalitarismus im 20. Jahrhundert, der Untersuchung ideologischer Grundlagen von Diktaturen und totalitären Regimen. Bruguera macht sich zum Sprachrohr, spricht über Unterdrückung von Freiheit und Entmenschlichung und der bedeutenden Rolle bürokratischer Strukturen.

Wir sollten nicht leise sein, nicht einmal während wir Tania Bruguera zuhören. Es gibt sie, diese Möglichkeit, immer wieder aufs neue Teil dieser Performance zu sein. Jede einzelne Stimme zählt. Demokratie kann anstrengend sein, und sie findet immer statt; das Interesse an der liberalen Demokratie sollte sich jedenfalls nicht auf die Dauer einer Ausstellung beschränken.

Künstlerin: Tania Bruguera. Kuratiert von Alice Koegel.

Tania Bruguera. Where Your Ideas Become Civic Actions
(100 Hours Reading “The Origins of Totalitarianism”)

07.02., 19 Uhr bis 11.02.2024, 23 Uhr

Eintritt zur Performance frei

Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart
Invalidenstraße 50/51
10557 Berlin-Mitte
www.smb.museum

Katja Hock

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