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Berlin Daily 02.02.2023
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Konflikte gibt es so viele, wie es Menschen gibt

von Maximilian Wahlich (30.06.2022)
vorher Abb. Konflikte gibt es so viele, wie es Menschen gibt

Tita Salina, 1001st Island – The Most Sustainable Island in Archipelago, 2015 (Still), HD-Video, Farbe, Ton, 14‘ 11“, © Tita Salina

Aktuell ist im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart die Ausstellung „Nation, Narration, Narcosis – Collecting Entanglements and Embodied Histories“ zu sehen. Hierbei haben die Sammlungen der Galeri Nasional Indonesia, des MAIIAM Contemporary Art Museum, des Singapore Art Museum und der Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin zusammengearbeitet. Beleuchtet wird das Verhältnis von Kunst und politischen Protesten, historischen Traumata oder gesellschaftlichen Narrativen vom 19. Jahrhundert bis in unsere Zeit hinein.

Mit der Nationalgalerie soll zunächst der nationale Mythos hinterfragt werden, in dessen Namen Schlachten geführt werden und Kunstraub verübt wurde. Dies findet im Miesschen Bau neue Gestalt. Ein gläserner Quader, transparent und doch verschlossen. Glas ist ein hartes Material und so sind weit gespannt die sichersten Grenzen der Welt jene von Europa. Niemand kommt rein, aber alle dürfen reinschauen und wissen, wie es hier aussieht: aufgeräumt, ordentlich, bürokratisch und reich. Ein leerer, riesengroßer Raum, Platz scheint vorhanden. Die Ausstellung lässt den Assoziationen freien Lauf. Wie kommt´s?

Die Diskursausstellung im Hamburger Bahnhof spart sich jeden Text. Es fehlen inhaltliche Angaben zu den einzelnen Werken. Aber vor allem mangelt es an Kontextualisierung zu den thematisierten Konflikten und Traumata. Diskutiert wird hier nicht. Lediglich ein Faltplan über das gesamte Gebäude informiert, wo sich die Ausstellung befindet. Dort angelangt gibt es keinen Einleitungstext. Das mag als Freiheit empfunden werden, birgt aber zugleich die Gefahr, sich zu verlieren, Arbeiten zu übergehen. Die Werke erscheinen sperrig, die Zusammenhänge sind zu verknotet. Erst bei längerem Ausstellungsaufenthalt lassen sich die Kontexte erahnen – konkret oder greifbar werden sie jedoch nicht.

Beispielsweise hängen im Obergeschoss Videoarbeiten von Amanda Heng und Melati Suryodarmo neben einer Collage von Gülsün Karamustafa. Es gibt stilistische Parallelen, und tendenziell geht es in allen drei Fällen um Migration, Weiblichkeit und eine bestimmte Generation. Ausgesprochen werden diese Zusammenhänge aber nicht. So fragt man sich, was die rare Betextung beabsichtigt?
Wenig Text kann positiv sein. Oft wirkt zu viel Erklärung überfrachtend und wird als belehrend wahrgenommen. Doch in diesem Fall werden schlicht die Bezüge ausgelassen und so singularisiert die Ausstellung die Besuchenden. Womöglich erkennt der*die Einzelne Referenzen, die andere wiederum nicht sehen. Damit erleben zwei Besuchende auch zwei völlig verschiedene Präsentationen. Diese Ausstellung verbindet nicht, vermittelt kein gemeinsames Wissen als Grundlage zur weiterführenden Debatte.
Thematisiert wird zwar Protestkultur, doch verhindert diese Gestaltung jede Gemeinschaft, jeden Anfang eines Protests.
Anders interpretiert ließen sich die fehlenden Kontexte auch als mögliche Schutzräume begreifen, sprich: „safe spaces“. In diesen schreibt keine übergeordnete Stimme in Form von Museumstexten vor, in welche Richtung es zu denken gilt. So gibt es eben keine Texte, und das Wissen zu einem Exponat oder Kontext bleibt dann bei der einzelnen Person. Die konkrete Vermittlung von Wissen, das Reden „über etwas“ erscheint als Gefahrenquell. Doch ist es sicherer, das Wissen im Vagen zu belassen?


Ausstellungsansicht „Nation, Narration, Narcosis. Collecting Entanglements and Embodied Histories“, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin, 2021 © Joseph Beuys / VG Bild-Kunst, Bonn 2021 © Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / Thomas Bruns

Der zweite Ansatz in der Ausstellung ist Beuys‘ Konzept der Sozialen Plastik. Seit Jahrzehnten befinden sich die Werke des Künstlers in einem separaten Flügel. Ganz am Ende der Hallen, nach den Schienen, den wattigen Styroporbergen und den zahllosen Tafeln, werden seine Werke mit der Videoarbeit „1001st Island - The Most Sustainable Island in Archipelago“ (2015) von Tita Salina konfrontiert. Sie dokumentiert in dramatischer Kamerafahrt die aberwitzige Vermüllung unseres Planeten, wo sich ganze Inseln aus schwimmendem Plastikschrott bilden. Beuys´ epochemachende Botschaft wird um einen aktuellen Diskurs erweitert und spitz kommentiert: Sein künstlerischer Ausdruck fußt auf einem enormen Materialverbrauch. Und so kommt´s: Ohnmacht. Stilllegung. Vollbremse. Narkose. Die Folgen politischen Protests erscheinen absurd, unvorhersehbar: Wird ein Missstand bekämpft, generiert der Protest einen neuen. Wird dieser Mechanismus einmal erkannt, bleibt nur die Resignation. Das Schweigen, ich finde keine Worte. Vielleicht ist das das Schweigen der Ausstellung?

Nation, Narration, Narcosis
Collecting Entanglements and Embodied Histories
28.11.2021 bis 03.07.2022
Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin
Invalidenstraße 50-51
10557 Berlin
www.smb.museum


Maximilian Wahlich

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