MAURIZIO CATTELAN. NIGHT, Ausstellungsansicht, Neue Nationalgalerie, 2026, Foto: art-in-berlin

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Wer die Glashalle der Neuen Nationalgalerie betritt, durchschreitet bis März 2027 eine Miniatur des Brandenburger Tors aus Lindenholz. Der Eingang zur Ausstellung wird zum Akt des Überschreitens. Purgatory (2026) – Fegefeuer – nennt Maurizio Cattelan diesen Auftakt, der die Erwartungshaltung des Publikums unmittelbar herausfordert. Der Titel des Werks bricht mit dem Bild des Tores als visueller Ikone eines wiedervereinten, geheilten Berlins. In Cattelans Inszenierung fungiert es als Schwelle, an der historische Zuschreibungen neue Möglichkeitsräume für die Zukunft öffnen.

Mit der Bezeichnung „Fegefeuer“ wird auf die Geschichte des Tores während der Teilung Berlins verwiesen, als es unzugänglich für die Bevölkerung im Sperrgebiet zwischen Ost- und West-Berlin lag. Zugleich bezeichnet das Fegefeuer selbst einen Zustand des Übergangs, der Läuterung im Vollzug. Von staatlicher Seite wurden dem Monument immer wieder unterschiedliche Bedeutungen eingeschrieben – vom Frieden zum Sieg, von der Teilung zur Wiedervereinigung. Wer seine Schwelle in der Ausstellung überschreitet, bringt die eigenen Denkmuster an den Bau mit.

NIGHT, die erste große Einzelausstellung von Maurizio Cattelan in Deutschland, findet im Rahmen des Preises der Nationalgalerie statt, der in diesem Jahr erstmals in dem von Ludwig Mies van der Rohe entworfenen Bau verliehen wird. Dass der Ort dabei über diese institutionelle Setzung hinaus eine zentrale Rolle für die Schau spielt, zeigt eine Inszenierung, die die Architektur der Neuen Nationalgalerie aktiv in die Präsentation einbezieht.
Die Auseinandersetzung mit dem Ort trägt dazu bei, dass die Ausstellung nicht in Gestalt einer Retrospektive daherkommt. In enger Zusammenarbeit mit dem Künstler haben Kuratorin Lisa Botti und Direktor Klaus Biesenbach ausgelotet, welche von Cattelans Arbeiten sich für eine Umsetzung in der Glashalle eignen.

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MAURIZIO CATTELAN. NIGHT, Ausstellungsansicht, Neue Nationalgalerie, 2026, © Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David von Becker

Eine zentrale Blickachse strukturiert den Raum: Das Durchschreiten des Brandenburger Tors gibt den Blick auf drei hintereinander angeordnete Werke frei. Den Anfang macht ALL (2007): neun auf dem Boden positionierte Marmorskulpturen – Körper, gehüllt in Leichentücher, still und erschütternd in ihrer Symmetrie, angeordnet wie liegende Betende in einer Kapelle. Die Assoziation des Betens verstärkt die Wirkung dessen, was auf ALL folgt.
Kniend und unscheinbar, weil dem Boden so nah, sehen Besuchende die kindgroße, vollplastische Figur zunächst von hinten. Hyperrealistisch in einen grauen Anzug gekleidet, mit schmalen Schultern und seitlich gescheiteltem hellbraunem Haar, entpuppt sich die Statue – HIM (2001) – erst im Profil als Darstellung Adolf Hitlers. In situ betet dieser, zerbrechlich und im Kniefall verewigt, zu dem Werk, das den Fluchtpunkt dieser Blickachse bildet.

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MAURIZIO CATTELAN. NIGHT, Ausstellungsansicht, Neue Nationalgalerie, 2026, © Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David von Becker

Mit Dawn (2007) – einer weiteren hyperrealistischen skulpturalen Installation – kulminiert die Werkfolge in einer Kreuzigung. Gezeigt wird eine weibliche Figur, eingeschlossen in eine Kiste, Beine, Torso und Arme von rechteckigen Holzelementen gehalten. Ihr Gefängnis hängt von der Decke, der weibliche Körper mit dem Rücken zum Publikum. Die Platzierung der Arbeit auf Höhe eines Kreuzes sowie die Positionierung der Arme und die Seitenlage des Kopfes machen einen gewollt sakralen Aufbau der Abfolge deutlich.

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MAURIZIO CATTELAN. NIGHT, Ausstellungsansicht, Neue Nationalgalerie, 2026, © Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David von Becker

„Wie einer Kirche“ habe sich Cattelan dem weitläufigen Erdgeschoss des flachen Baus angenähert. Passend für einen Werkkomplex, in dem die Religion immer wieder eine wichtige Rolle einnimmt. Und von allen Arbeiten, die mit den räumlichen Gegebenheiten wie mit dem Sakralen spielen, ist People (2026), wenn nicht die eindringlichste, dann wohl diejenige, die am nachhaltigsten im Ausstellungsraum wirkt. Im Christentum symbolisiert die Taube den Heiligen Geist. Wer die Tausenden präparierten Tauben, die sich an das stählerne Deckengitter der Halle reihen, einmal gesehen hat, richtet seinen Blick immer wieder gen Decke – oder gen Himmel?“

Im urbanen Raum direkt vor den Türen der Neuen Nationalgalerie verlieren Tauben im Stadtbild ihre visuelle Wirkung; so gewohnt ist ihr Anblick. Hier, im Inneren, lassen die präparierten Vögel die Grenzen zwischen Innen und Außen, menschlicher Intervention und Ursprungszustand verschwimmen. People zeigt, dass in einem Raum, der der Kunst gewidmet ist, die geistige Erhebung des Profanen möglich und das Hoffen der Betrachtenden im Angesicht historischer Unvereinbarkeiten zu einer tragfähigen Praxis werden kann.

Maurizio Cattelan verwebt mit seinen Arbeiten Geschichten unterschiedlicher Zeitlichkeit, Schlagkraft, Tragik und Komik. Dabei schreckt er nicht davor zurück, seine Präsentation in der Glashalle der Neuen Nationalgalerie zum Politikum zu machen. In den Menschen, die die Ausstellung nach ihrem Besuch verlassen, hallt sie nach – mindestens als Trommelschläge der animatronischen Figur, die als Never (2003) auf dem Dach der Neuen Nationalgalerie sitzt. Das Kind aus Günter Grass’ Roman Die Blechtrommel (1959), das vor der Kulisse des aufsteigenden Nationalsozialismus nicht erwachsen werden wollte, spielt ihnen hinterher, wenn sie sich – während die Tage kürzer werden – in die Berliner Nacht aufmachen.

Maurizio Cattelan
NIGHT

Preis der Nationalgalerie 2026

10.09.2026 bis 07.03.2027

Öffnungszeiten:
Di – Mi 10 – 18 Uhr,
Do 10 – 20 Uhr,
Fr – So 10 – 18 Uhr

Neue Nationalgalerie
Stiftung Preußischer Kulturbesitz
Potsdamer Straße 50
10785 Berlin
www.smb.museum
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NIGHT. Maurizio Cattelan at the Neue Nationalgalerie
von Carla Huttenloher

Until March 2027, anyone entering the glass hall of the Neue Nationalgalerie will pass through a miniature of the Brandenburg Gate made of lime wood. The entrance to the exhibition thus becomes an act of crossing a threshold. Maurizio Cattelan calls this prelude Purgatory — a title that immediately challenges the audience’s expectations. It breaks with the image of the gate as a visual icon of a reunified, healed Berlin. In Cattelan’s staging, it functions as a threshold where historical attributions open up new spaces of possibility for the future.

The designation "Purgatory" refers to the history of the gate during the division of Berlin, when it stood inaccessible to the population in the restricted zone between East and West Berlin. At the same time, purgatory itself denotes a state of transition, of purification in progress. Different meanings have repeatedly been inscribed upon the monument by the state—from peace to victory, from division to reunification. Those who cross its threshold in the exhibition bring their own patterns of thought to the structure.

NIGHT, Maurizio Cattelan's first major solo exhibition in Germany, takes place as part of the Preis der Nationalgalerie, which is being awarded this year for the first time in the building designed by Ludwig Mies van der Rohe. The fact that the location plays a central role for the show beyond this institutional setting is evidenced by a staging that actively integrates the architecture of the Neue Nationalgalerie into the presentation.

This engagement with the site ensures that the exhibition does not take the form of a retrospective. In close collaboration with the artist, curator Lisa Botti and director Klaus Biesenbach explored which of Cattelan's works were suitable for implementation in the glass hall.

A central visual axis structures the space: passing through the Brandenburg Gate reveals three works arranged one after the other. It begins with ALL: nine marble sculptures positioned on the floor—bodies wrapped in shrouds, silent and shattering in their symmetry, arranged like reclining figures in prayer in a chapel. The association with prayer heightens the impact of what follows ALL.

Kneeling and inconspicuous because it is so close to the floor, visitors initially see the child-sized, fully sculpted figure from behind. Dressed hyper-realistically in a grey suit, with narrow shoulders and side-parted light brown hair, the statue — HIM — is only revealed in profile as a depiction of Adolf Hitler. In situ, he prays, fragile and immortalized in a kneeling position, toward the work that forms the vanishing point of this visual axis.

With Dawn — another hyper-realistic statue — the sequence of works culminates in a crucifixion. It shows a female figure enclosed in a crate, her legs, torso, and arms held by rectangular wooden elements. Her prison hangs from the ceiling, the female body with its back to the audience. The placement of the work at the height of a cross, as well as the positioning of the arms and the tilted head, makes a deliberately sacral composition of the sequence clear.

Cattelan approached the vast ground floor of the low-slung building "like a church." This is fitting for a complex of works in which religion repeatedly plays an important role. And of all the works that play with the spatial conditions as well as the sacral, People is, if not the most poignant, then perhaps the one with the most lasting effect in the exhibition space. In Christianity, the dove symbolizes the Holy Spirit. Anyone who has seen the thousands of taxidermied pigeons lining the steel ceiling grid of the hall will find themselves repeatedly casting their gaze toward the ceiling—or toward the heavens?

In the urban space directly outside the doors of the Neue Nationalgalerie, pigeons lose their visual impact within the cityscape; their sight is too familiar. Here, inside, the taxidermied birds blur the boundaries between interior and exterior, human intervention and original state. People shows that in a space dedicated to art, the spiritual elevation of the profane is possible, and the hope of the viewer in the face of historical incompatibilities can become a viable practice.

Through his works, Maurizio Cattelan weaves together stories of varying temporality, impact, tragedy, and comedy. In doing so, he does not shy away from making his presentation in the glass hall of the Neue Nationalgalerie a political issue. It resonates within the people who leave the exhibition after their visit—at the very least as the drumbeats of the animatronic figure installed on the roof of the Neue Nationalgalerie as Never. The child from Günter Grass's novel Die Blechtrommel (1959), who did not want to grow up against the backdrop of rising National Socialism, drums after them as they head out into the Berlin night while the days grow shorter.