Ausstellungsansicht: Véréna Paravel & Lucien Castaing-Taylor, Breathing Matter(s), Foto: Bernd Brundert

Der Regen hüllt das silent green im Berliner Wedding in ein besonderes Schweigen. Der Blick schweift über den Friedhof, der das Gelände umgibt. Das Kulturquartier war einst ein Krematorium. Seit 2015 zählt es zu den kulturellen Zentren des Stadtteils. Bereits 2013 setzten sich Véréna Paravel und Lucien Castaing-Taylor erstmals künstlerisch mit dem Ort auseinander. Die aktuelle Ausstellung Breathing Matter(s) ist daher nicht nur eine Rückschau auf ihre Zusammenarbeit, sondern auch eine Rückkehr an einen Ort, der diese Retrospektive auf besondere Weise zu tragen scheint.

Paravel und Castaing-Taylor sind akademisch ausgebildete Anthropolog*innen – in Genesung, wie Lucien Castaing-Taylor scherzt. Sie wollen Arbeiten schaffen, die Fragen aufwerfen, anstatt Antworten zu geben, und die Erfahrungen jenseits vertrauter Erzählformen ermöglichen. Im Rahmen ihrer Arbeit am Sensory Ethnography Lab (SEL) der Harvard University entwickeln sie Medienprojekte, die anthropologische Perspektiven mit ästhetischen Mitteln verbinden – fernab von (anspruchsvollen) Textformen oder didaktischer Medienvermittlung.

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Ausstellungsansicht: Véréna Paravel & Lucien Castaing-Taylor, Breathing Matter(s), Foto: Bernd Brundert

Wer plant, die eigene Arbeit auszustellen, sei zu einem Dialog mit dem Ausstellungsort gezwungen, so Véréna Paravel. Das silent green sei ein „Ort der vielen Geister“. Es überrascht nicht, dass die Intensität dieses Ortes, an dem Leben und Tod räumlich wie symbolisch eng beieinanderliegen, die Ausstellung durchdringt und mit dem Publikum gemeinsam den Raum betritt.

Der Abstieg in die Betonhalle ist dunkel. Sofort werden Besuchende in einen Tunnel aus flirrenden Projektionen und Geräuschen gehüllt. Die Sound-Video-Installation basiert auf Material, das Paravel und Castaing-Taylor 2012 mit ihrem experimentellen Dokumentarfilm Leviathan bekannt machte. Ohne sich bei ihrem experimentellen Dokumentarfilm an eine lineare Handlung zu halten, begleiteten sie über ein Jahr hinweg Menschen, die in der amerikanischen Fischereiindustrie arbeiten. Dieses filmische Material durchzieht die vorderen Räume der Ausstellung – mal als raumfüllende Projektionen, mal als plötzlich auftauchende Film-Stills, die wie Lichtflecken an den dunklen Wänden aufscheinen, mal als längere, scheinbar fragmentarische Episoden. Trotz ihrer formalen Offenheit erzählen sie von der Beziehung zwischen Mensch und Natur. Der Mensch ist hier jedoch nicht Zentrum seines Anthropozäns, sondern existiert als Teil eines vielschichtigen Ganzen.

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Ausstellungsansicht: Véréna Paravel & Lucien Castaing-Taylor, Breathing Matter(s), Foto: Bernd Brundert

Auch im weiteren Verlauf oszilliert die Ausstellung zwischen Schärfe und Auflösung des Blicks auf den Menschen. Manchmal verschwindet er ganz aus dem Bild oder tritt als Teil der Natur auf, dann wieder als ihr Gegenspieler – oder als sein eigener Feind. Eindringlich schön, mitunter grotesk und abstoßend, verdichtet sich die Schau schließlich in einer 8-Kanal-Installation: einer audiovisuellen Kakophonie aus Pariser Krankenhäusern. Orte, an denen Leben und Tod ebenso unmittelbarer kaum aufeinandertreffen könnten. In De Humani Corporis Fabrica wird gekämpft, gelitten, gefürchtet, aber auch gefeiert. Mehrmals täglich erreicht die Tonspur eine Lautstärke, die die gesamte Halle wie bei einem Fest klingen lässt. Selbst oben auf dem Gelände ist sie dann deutlich hörbar.

Ein flüsternd-murmelnder Epilog zweier intimerer Arbeiten beschließt die Ausstellung nah am Menschen. Er lässt die lauteren und verstörenderen Momente nachhallen und bereitet zugleich den Aufstieg aus dem Dunkel vor. Was nehmen die Besucher*innen mit, wenn sie das Licht wieder betreten? Welche Bilder und Geräusche bleiben: eindrücklich, verstörend, schön?

Véréna Paravel
& Lucien Castaing-Taylor
Breathing Matter(s)

Ein Projekt der silent green Film Feld Forschung GmbH

17. Juli – 24. August 2025

Die Ausstellung wird von einem umfangreichen Programm begleitet.

Der Eintritt ist frei.

Öffnungszeiten:
Mo–Fr, 14–20 Uhr
Sa–So, 11–20 Uhr

silent green
Betonhalle
Gerichtstraße 35
13347 Berlin
zur Ausstellung