Kinga Kiełczyńska courtesy of infinity 09 blue sit, © Kinga Kiełczyńska, courtesy Exile Gallery

Der titelgebende, einem Berliner Plakat der 1970er-Jahre entlehnte Ausspruch Berlin Made Me Glad Sad Mad, beschreibt die Dialektik der Stadt – froh, traurig und verrückt. Es ist diese widersprüchliche Energie, welche die Hauptstadt zu einem kreativen Anziehungspunkt macht, insbesondere für Kunstschaffende. Ein Phänomen, dem die diesjährige Sektion Kunst im Kino im Rahmen der 20. Ausgabe des Filmfestivals filmPOLSKA (10. bis 17. September 2025) eine Hommage widmet.
Für polnische Künstlerinnen und Künstler war Berlin schon immer ein kreativer Fluchtpunkt, oft auch ein Ort des politischen Asyls. Und diese Bereicherung der lokalen Szene, die sich über die letzten vier Jahrzehnte angesammelt hat, steht nun im Fokus. Die Kuratorin der diesjährigen Schau, Weronika Adamowska, konzentriert sich dabei auf eine Filmauswahl, die Experimentelles und Videokunst vereint – Werke, die überwiegend von polnischen Künstlerinnen bzw. Filmemacherinnen geschaffen wurden.

Einem breiteren Publikum dürfte Agnieszka Polska bekannt sein, die 2017 den Preis der Nationalgalerie erhielt. In der Sektion Kunst im Kino ist von ihr der 9-minütige Science-Fiction-Film The Book of Flowers (2023) zu sehen. Eine mit Künstlicher Intelligenz gestützte Animation, die mit analoger 16-mm-Filmtechnik verbunden ist, verweist auf eine alternative Lebenswelt, in der Menschen und Pflanzen in symbiotischer Beziehung existieren. In der Auseinandersetzung mit der Frage der individuellen sozialen Verantwortung und den Ideologien des technologischen Determinismus spiegelt der Film den Aufstieg des techno-kapitalistischen Komplexes und dessen Ausbeutung ökologischer Ressourcen wider. Auf der Suche nach neuen Erzählformen nutzt Polska dafür eine verführerische Erzählstrategie, um die Verflechtung von Mensch und Blume – von der Symbiose bis zur Hierarchie – nachzuzeichnen.
In Zeiten des Klimawandels, der Umweltzerstörung und des Artensterbens verweist die Künstlerin auf Möglichkeiten, die Kunst jenseits politischer und ökonomischer Strategien offenbart.

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Marcelina Wellmer, Solid Landscapes, Videostill

Thematisch ähnlich, von der Machart allerdings völlig verschieden, visualisiert Marcelina Wellmer in ihrem Video Solid Landscapes das Wachstum menschlicher, funktionaler Landschaften als Allegorie für die zunehmende Beschleunigung gesellschaftlicher Prozesse. Unendlich trostlose Containerareale, gefilmt von oben, zerstörte Natur, keine Menschen und wirtschaftlich doch als Fortschritt gepriesen. Offensichtlich weist Solid Landscapes genau auf diesen Widerspruch und versucht, die Zuschauenden einmal mehr zum Nachdenken über Wirtschaftswachstum, Funktionalität und Verlust anzuregen. Doch was würde mit unserer Welt geschehen, wenn es plötzlich tatsächlich keine Menschen mehr gäbe? Courtesy of Infinity von Kinga Kiełczyńska geht dieser Frage nach. Zu hören Vogelgezwitscher und im Hintergrund ertönen monotone Computerstimmen. Dazu Bilder einer umsichgreifenden Pflanzenwelt in all ihrer Vergänglichkeit, die durch Morphing von einer Naturlandschaft in eine andere wechselt. Alles vom Menschen Geschaffene wie Architektur, Computer, Elektroschrott ... wird überwuchert. Dystopisch entwickelt sich eine Welt, die auch ohne Menschen nichts Verheißungsvolles verspricht.

Zurück zum Menschlichen: So erforscht Ania Nowak Verletzlichkeit und Begehren, um Körper und Sprache neu zu denken. In ihrem Video Lip Service nutzt Nowak zusammen mit der schwerhörigen Künstlerin Athena Lange die Bildsprache des Stummfilms, um Kommunikationsformen jenseits verbaler Sprache zu erforschen. Durch einen Rollentausch von Hörender und Nicht-Hörender geben die beiden einen Einblick in die Gehörlosenkultur und Gebärdensprache. Das Werk ist ein Plädoyer gegen die Gewohnheiten der hörenden Mehrheit. Dabei versucht der Film, Begriffe wie Lust, Erotik, Intimität, Schmerz, Sexualität, Klasse und Zugänglichkeit als Orte für vielfältige, nicht normativ festgelegte Lebensweisen zu öffnen.

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Ania Nowak, LipService, Janne Ebel

Das Programm am 14. September 2025 im Wolf Kino (Weserstraße 59, 12045 Berlin) verspricht eine zeitgemäße Auswahl, die aktuelle Themen beleuchtet. Wer hier klassisches Arthouse-Kino erwartet, liegt falsch. Adamowska setzt auf Positionen, die Grenzen hinterfragen, unterlaufen und erweitern. Die Bandbreite der präsentierten Arbeiten klingt dabei so vielfältig wie Berlin selbst, ohne dass die Stadt einen inhaltlichen Fokus bildet. Das Publikum darf sich auf alles gefasst machen: von der analogen, zarten Oberfläche bis zur überschäumenden Videoperformance, von immersiven 3D-Animationen bis hin zum dokumentarisch-beobachtenden Blick.

Apropos Berlin: Einen direkten Berlinbezug gibt es dann doch, um noch ein letztes Video zu erwähnen: Shooting Stars von Magda Jaroszewicz zeigt Momentaufnahmen einer Silvesternacht in Berlin. Durch die Kamera folgen wir dem Geschehen auf der Straße, zunächst einzelne Leuchtfeuer, dann vereinzelt Menschen auf der Straße. Der Kamerablick scheint festgefahren, wir wissen nicht genau, was wir wirklich sehen. Und genau dadurch entwickelt der Film seine Sogkraft. Es sind Ausschnitte, in denen mal Jugendliche zusammenstehen, mal eine Mutter ihr Kind fester an die Hand nimmt. Doch die Gefahr liegt nicht auf der Straße, sondern in dem, was wir zwischen den Bildern zu erkennen glauben und was in fest verankerten Denkmustern seinen Platz hat. So dürfte Berlin Made Me Glad Sad Mad mehr als nur ein interessantes Extra des Festivalprogramms von filmPOLSKA sein. Mit seinem Fokus auf experimentelle und subversive Werke bietet die diesjährige Schau einen relevanten Einblick in die polnische Kunstszene in Berlin.

filmPOLSKA wird vom Polnischen Institut Berlin veranstaltet, es ist in unterschiedliche Rubriken unterteilt. Zahlreiche Gespräche mit Filmschaffenden runden das Festival ab. (siehe Programm)

Vertretene Künstler*innen der Sektion Kunst im Kino: Eternal Engine (Martix Nawrot & Jagoda Wójtowicz), Karolina Grzywnowicz, Magda Jaroszewicz, Kinga Kiełczyńska, Jasmina Metwaly, Ania Nowak, Agnieszka Polska, Alicja Rogalska, Ewelina Rosińska und Marcelina Wellmer

Kuratorin des Programms 2025: Weronika Adamowska