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Berlin Daily

(Einspieldatum: 18.02.2020)

Wozu Filmfestivals? - Eine Diskussionsveranstaltung in der Akademie der Künste

von Daniela Kloock
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Jeanine Meerapfel, Carlo Chatrian, Eva Sangiorgi, Karel Och,Andreas Kilb, © Marcus Lieberenz

Kurz vor Beginn der 70. BERLINALE, die nach 18 Jahren Dieter Kosslick jetzt mit einer neuen Führung antritt, über das Thema "Wozu Filmfestivals?" zu diskutieren, liegt nahe. Der Einladung von Jeanine Meerapfel, Filmregisseurin und Präsidentin der Akademie der Künste Berlin, waren gleich drei Direktoren verschiedener Festivals gefolgt: Carlo Chatrian, der für neue Impulse und Konzepte der BERLINALE sorgen soll, Karel Och (Direktor des größten tschechischen Filmfestivals/ Karlovy Vary) und Eva Sangiorgi, die seit 2018 künstlerische Leiterin der Filmfestspiele Wien (VIENNALE) ist. Andreas Kilb (FAZ) moderierte den Abend und versuchte redlich, aber tendenziell vergeblich, vor allem aus Chatrian Programmatisches für die Zukunft „herauszukitzeln“. Auf die entscheidenden Fragen danach, wie er die BERLINALE politisch und ästhetisch neu verorten wolle, antwortete Chatrian ausweichend. Aussagen wie, dass sich das Kino in den letzten 10 bis 15 Jahren verändert habe, klingen vage. Es gäbe eben die alten politischen Zuordnungen nicht mehr, die in den 1960er oder 70er Jahren noch für Provokationen sorgten. Jeanine Meerapfel erinnerte in diesem Zusammenhang an den „Deer Hunter“ (Michael Cimino), der 1979 für einen Riesen-Eklat bei der BERLINALE sorgte, ähnlich übrigens wie 1970 Paul Verhoevens Film „o.k.“ über ein von US-amerikanischen Militärs vergewaltigtes vietnamesisches Mädchen (in der Hauptrolle Eva Mattes). Chatrian betonte, er wolle mit seiner Filmauswahl grundsätzlich eher überraschen als provozieren, eher nachdenklich machen als große Emotionen erzeugen.

Auch sei die Idee, dass Kino subversiv sein solle antiquiert. Dem entgegnete Jeanine Meerapfel, dass in bestimmten Ländern dieser Erde Kino immer noch genau DAS sei. In Havanna habe sie dies jüngst bei einem Filmfestival erlebt. Warum eigentlich nur in bestimmten Ländern? Welche Strukturen verhindern bei uns, dass Kino lebendiger und diskursiver sein könnte? Da war viel Ausweichen, dem man zugutehalten kann, dass Chatrian noch neu in Berlin ist. Es bleibt abzuwarten, wie er die BERLINALE die nächsten Jahre belebt und verändert. Eine massive Verschlackung des Film-Angebots wird jedoch nicht angestrebt. 300 000 Zuschauer wollen befriedigt werden, dafür muss es die Masse an Angeboten geben, so seine Argumentation. Immerhin sind es dieses Jahr angeblich „nur“ 350 statt 400 Filme. Auch sei es gut , die unterschiedlichen Sektionen zu behalten. Hier verteidigte Chatrian seinen Vorgänger. Dies ermögliche einzelnen Filmen den Platz zu geben, der zu ihnen passt.
Auf den Wettbewerb jedenfalls darf man dieses Jahr gespannt sein. Chatrian hat viel Arthouse Prominenz nach Berlin geholt und damit schon einmal eine deutliche Akzentverschiebung vorgenommen. Auch die neu hinzugekommenen Sektionen „Encounters“ und „On Transmission“ klingen vielversprechend.

Und was war von den anderen Festivalleitern Interessantes zu hören? Eva Sangiorgi machte sich stark für die Aufhebung der Unterscheidung zwischen Spiel- und Dokumentarfilm. Das seien für die heutige Zeit keine sinnvollen Kategorien mehr, sie gehörten abgeschafft. Der Dokumentarfilm als Begriff käme aus einer alten Zeit, denn alle Arten von Filmen beinhalten „Aussagen über die Welt“. Und jeder Film wäre letztendlich Ergebnis einer subjektiv konstruierten Wahrnehmung. Ob Sangiorgi zu viel radikalen Konstruktivismus gelesen hat? Wohl eher ein Thema für ein akademisches Film-Seminar als eine Antwort auf die Frage nach Sinn und Zweck von Filmfestivals. Fast konterkarierend zu derlei philosophischen Zuspitzungen gab sich Karel Och, der neben allerlei Anekdoten auch den ökonomischen Faktor eines solchen Megaevents ins Spiel brachte. Dass Karlovy Vary ausschließlich privatwirtschaftlich finanziert wird und welche entsprechenden Abhängigkeiten es dadurch zu berücksichtigen gilt, führte er kurz aus. Och jedenfalls hat sein Film-Angebot um 20 Prozent verkleinert.

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Die Fertigung des Berlinale Bären in der Bildgießerei Hermann Noack, © Pablo Ocqueteau / Berlinale 2019

Dass die Vielgestaltigkeit von Kino nicht mehr im Kino stattfindet, sondern auf Festivals - in diesem Punkt waren sich alle einig. Angesichts der nur aufs wirtschaftliche Überleben ausgerichteten Kinos dominieren dort die „feel-good movies“ und die großen US-amerikanischen Produktionen. Nur die Festivals garantieren noch Einblicke in das Filmschaffen anderer Länder, garantieren Zugang zu ungewöhnlichen/unkonventionellen kinematographischen Erlebnissen. Und - dies wird in derlei Runden immer gebetsmühlenartig wiederholt – die Festivals seien ein Ort der Kommunikation.
Letzteres halte ich dann aber doch weitestgehend für fragwürdig. Klar, die Branche trifft sich, die Fachbesucher verabreden sich, die Journalisten tauschen sich aus, die Stars feiern sich. Aber das Publikum, die „normalen“ Kinozuschauer, finden vor allem in Berlin keinen Ort der Begegnung, um in größeren Runden über das Gesehene zu sprechen. Aus den Kinos wird man immer schneller herauskomplimentiert, weil der nächste Film schon wartet. Und der Potsdamer Platz ist und bleibt ein Un-Ort, zugig, verschattet, unwirtlich. Dabei gäbe es so viel ungenutzten „öffentlichen Raum“ in der unmittelbaren Umgebung. Aber das ist ein anderes Thema.

Daniela Kloock

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