Las Meninas, Diego Velázquez, 1656, Öl auf Leinwand, 318 × 276 cm, Museo del Prado, Neue Visionen Filmverleih

Einem Geheimnis auf die Spur kommen zu wollen, welches knapp 400 Jahre zurückliegt, ist ein kühnes Unterfangen. Bis heute versuchen Experten, Kunsthistoriker, wie Philosophen, aber auch ganz alltägliche Museumsbesucher im Madrider Prado die versteckten Botschaften in „Las Meninas“ von Diego Velázquez zu ergründen.
Das wohl bekannteste Gemälde des spanischen Barockmalers ist eine Art „Schnappschuss“. Darauf ist eine höfische Szenerie zu sehen, fast wie aus einem Boulevardblatt von 1656. Im Zentrum des Bildes steht die junge spanische Infantin Margarita Theresa, umgeben von Hofdamen und Dienerinnen. Doch die ungefähr neun Quadratmeter große Leinwand bietet so viel Raum für Fragen und Interpretationen, dass selbst ein Meisterdenker wie Michel Foucault Mühe hatte, ihren Inhalt zu dechiffrieren.

In seinem gleichermaßen eleganten wie klugen Film „Das Geheimnis von Velázquez“ beschäftigt sich der französische Regisseur Stéphane Sorlat weniger mit diesem tendenziell männerdominierten „Spiel“ um Interpretationshoheiten. Vielmehr konzentriert er sich darauf, zu zeigen, was an Velázquez so modern ist, dass er wie einer der interessantesten Künstler der Gegenwart wirkt.

Denn lange bevor die Impressionisten das Malerische revolutionierten, setzte Velázquez Pinselstriche, Farb- und Lichtpunkte bereits so kühn und innovativ ein, dass es schlicht atemberaubend ist. Dies zeigt der Film ebenso nachvollzieh- wie spürbar. Die Kamera verweilt lange auf Oberflächen, tastet sie so genau ab, dass man die frischen Farben förmlich zu riechen meint.

Sorlat versammelt vor allem eine Vielzahl von Stimmen und Personen: Kunsthistoriker, Restauratoren, aber auch andere Künstler, wie Maler und Filmemacher. Sie alle werden in einem polyphonen Ensemble aufgerufen und sprechen enthusiastisch nicht nur über diesen einzigartigen Farbauftrag und das geniale Hell-Dunkel oder die ungewöhnlichen Kompositionen. Ebenso sprechen sie über die phänomenale Realitätsnähe der Themen und Sujets, die Velázquez sein Leben lang beschäftigten. Dazu zählen nicht nur die Könige und Vertreter des Adels und des Klerus , sondern auch Ausgestoßene, Marginalisierte, Kranke und Behinderte, Blinde und Lahme oder die Kleinwüchsigen. Velázquez malte sie alle mit derselben Aufmerksamkeit und Empathie. Dies war für die Zeit zwar nicht beispiellos, wurde jedoch als ungewöhnlich und provokant wahrgenommen.

Und so hört man Julian Schnabels Gedanken zu Velázquez ebenso gebannt zu, wie den Stimmen Verstorbener, die mittels Archivaufnahmen zu Wort kommen. Darunter Michel Foucault, aber ebenso Künstler-Ikonen wie Francis Bacon oder Salvador Dalí, unverkennbar durch seinen hochgezogenen Velázquez Schnurrbart. Auch Picasso hat seinen Auftritt, wie er sich an den „Las Meninas“ abarbeitete, allein 56 Fassungen malte er davon, und für Éduoard Manet war Velásquez gar „der Maler aller Maler“.
Wie bei ihm Farben und Formen ineinander gehen, das sei „wie eine luftige Welle, die über die Oberfläche gleitet“. Dies schrieb der bekannte französische Kunsthistoriker Éli Faure, der gleich zu Beginn des Films zitiert wird. Und zwar von Jean-Paul Belmondo in der Badewanne. Es ist die Eingangsszene aus Jean-Luc Godards „Pierrot le Fou“, und so wundert es nicht, dass auch einige Filmemacher zu Wort kommen, darunter eine der wenigen Frauen im Film, Isabel Coixet. Sie eint die Bewunderung vor allem in Bezug auf die Lichtsetzungen und Raumtiefen, die die Bilder des Malers so kineastisch und erzählerisch erscheinen lassen.

Der Film schafft mit diesen unterschiedlichsten Zugangsweisen eine hervorragende Annäherung an Diego Velázquez. Eigentlich will man sofort nach Madrid, um selbst zu versuchen dem Geheimnis der hohen Kunst dieses Malers auf die Spur zu kommen. Denn letztendlich bleiben viele Fragen offen – und das ist gut so.

Das Geheimnis von Velázquez
Regisseur Stéphane Sorlat
Länge: 88 Minuten
Produktion: Frankreich

Läuft im Dezember in verschiedenen Berliner Kinos.