Was haben eine Säule aus leeren Eisbechern, ein Dach aus Kaffeekartons und Wände aus Paniermehlverpackungen mit einem Archiv zu tun? Miguel Rothschild hat in seiner Installation >Experience Utopia< aus eben diesen Materialien einen begehbaren Tempel gebaut. Als "Konstruktionsvorlage" dienten ihm die utopischen Phantasien von expressionistischen Architekten wie Hans Pölzig. Aufbewahrt werden diese Phantasien in einem Archiv - genauer gesagt dem Archiv der Akademie der Künste.

Für die Ausstellung >KÜNSTLER.ARCHIV< sollten sich acht Künstlerinnen und Künstler mit den Archivbeständen der Akademie der Künste auseinandersetzen. Die Kuratorin, Hellen Adkins, hatte sich darum bemüht, Künstler für das Projekt zu gewinnen, deren schöpferische Tätigkeit sich besonders durch intensive Recherche- und Erinnerungsarbeit oder eine gewisse "Archivästhetik" auszeichnet. Christian Boltanski, Jochen Gerz, Ilya und Emilia Kabakov, Christina Kubisch, Carsten Nicolai, Miguel Rothschild, Eva-Maria Schön und Hans Winkler sind nun mit von der Partie. Jeder von ihnen griff für seine Arbeit auf einen anderen Bereich des spartenübergreifenden Archivs zur Kunst ab 1900 zurück und bekam zur Präsentation des "Arbeitsergebnisses" je einen separaten Ausstellungsraum zur Verfügung gestellt. Im Archivkabinett sind dazu die originalen Archivalien zu sehen, auf die sich die acht "Künstler-Archivare" bezogen haben.

Besonders gründlich hat Christian Boltanski im Archiv "gewühlt". Sein Ausstellungsrau ist über und über mit faksimilierten Dokumenten aus dem Leben des Theaterregisseurs Maxim Vallentin übersät. Boltanski illustriert damit seine These, daß der Nachlaß eines Verstorbenen niemals wirklich aufbereitet werden kann - das letzte Puzzelteil zur Entschlüsselung der einzelnen konkreten Fakten ist für immer verloren. So bleibt dem Betrachter von >Das ungeordnete Leben von Maxim Vallentin< nur die Möglichkeit, die Photographien und Dokumente selbst zu ordnen und zu interpretieren.

Als erklärter "Archivskeptiker" wagte sich Jochen Gerz daran, "die andere Stadt", nämlich die der Toten zu erkunden. Die im Archiv konservierten Stimmen längst Verstorbener läßt Gerz in seinem Projekt >Die Zeit der DDR< wieder erklingen. So werden von beliebigen Menschen über den gesamten Zeitraum der Ausstellung hinweg Texte zum Thema "DDR" vorgelesen, die Gerz in einem riesigen Stundenbuch zusammengefügt hat. Alle Leser und Zuhörer der Briefe, Zeitungsartikel, Lieder und Gedichte werden so auf ihre Weise zu Zeitzeugen.

Doch nicht nur "geduldiges Papier" diente den Künstlern als Ausgangsmaterialien für ihre Arbeiten. Christina Kubisch schöpfte für ihre Klang-Installation >Versuchsreihe, 103 Arten Beethoven zu singen< aus dem reichen Fundus des akustischen Archivs der Musik- und Theaterabteilung. Ein besonderes und vor allem auch hörbares Schmankerl ist Carsten Nicolais Installation >sub vision<. Von der Originalerbauercrew aus den 60er Jahren, ließ er den Prototyp des Subharchords, einem elektro-akustischen Instrument aus DDR- Produktion, restaurieren. Nur sieben dieser Instrumente wurden hergestellt, das einzig funktionsfähige steht nun in Berlin. Die spacig-sphärischen Klänge des Instruments hat Nicolai mit Hilfe der Interferenzmuster-Experimente von Werner Meyer-Eppler, seinerzeit Physiker und Theoretiker elektroakustischer Klangerzeugung, visualisiert.

Manuskripte, Entwürfe, Briefe, Dokumente, Tonaufzeichnungen, Film- und Photoaufnahmen als Inspirationsquellen? Das Konzept ist aufgegangen. Die Kunst der acht "Auserwählten" scheint tatsächlich ein Beitrag zur Erinnerungskultur und zur neuen Beleuchtung von stets als unnahbar erscheinenden Archivbeständen leisten zu können.

>KÜNSTLER.ARCHIV - Neue Werke zu historischen Beständen<
19. Juni - 28. August 2005
Akademie der Künste
Pariser Platz 4,
10117 Berlin Mitte

Infos: www.kuenstler-archiv.de