Anzeige
Boris Lurie

logo art-in-berlin.de
Berlin Daily 15.04.2024
Kunstgespräche

15 Uhr: Welche Rolle spielt die Architektur einer Ausstellung? Ist es wichtig, woher ein Ausstellungsstück kommt? ... Haus der Kulturen der Welt | John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin | Counter im Sylvia Wynter Foyer

Berlinale 2019 Spezial zu Filmen des Wettbewerbs

von Daniela Kloock (14.02.2019)
vorher Abb. Berlinale 2019 Spezial zu Filmen des Wettbewerbs

Öndög
Wettbewerb 2019
MNG 2019
von: Wang Quan’an
Dulamjav Enkhtaivan, Gangtemuer Arild
© Wang Quan´an


Öndög
Wang Quan´an
Mongolei 2019


Ein Jeep rumpelt durch zitterndes Gras, irgendwo in der Weite der mongolischen Steppe. Auf einmal liegt da eine nackte Tote. Der Jeep gehört der Polizei. Nachdem die Leiche notdürftig bedeckt wird, muss der jüngste Uniform-Träger allein zurückbleiben, er soll den Tatort sichern. Der Arme ist der Kälte und einer herumirrenden Wölfin schutzlos ausgeliefert. Doch es gibt die schöne, alleinstehende Schafhirtin (Dulamjav Enkhtaivan), die sich majestätisch auf einem Dromedar durch die Landschaft bewegt. Sie soll sich um den jungen Mann kümmern. Doch erst treibt sie ihre Schafe zusammen. Spät in der Dämmerung kommt sie zurück, mit heißer Suppe, mit Alkohol, Zigaretten, einem alten Gewehr und einem verführerischen Plan.

„Öndög“, das bedeutet auf mongolisch „Ei“, und der Titel deutet damit schon an, dass es im Folgenden nicht um die Aufklärung dieses seltsamen Todesfalls geht, sondern um ein beginnendes neues Leben.
Die Kamera lässt sich für all dies Zeit, minutenlang sieht man erst den toten Körper im Gras, die ratlos herumstehenden Männer, den weiten Horizont. Diese Langsamkeit, Ereignislosigkeit, wirkt wie eine Aufforderung, sich quasi meditierend den Bildern hinzugeben. Das funktioniert in der ersten Hälfte des Films auch recht gut. Ein gewisser Witz ist auch vorhanden, so wenn das Dromedarauge misstrauisch den Beischlaf der Beiden beäugt. Auch die fast dokumentarisch gefilmten Szenen haben ihren Reiz. Ein Schaf wird geschlachtet, ein Kalb kommt zur Welt. Die Laien-Darsteller sind alle toll. Doch dann springt der Film zunehmend in eine Narration, wechselt die Tonigkeit, verliert seinen Charme.

Ob das wieder für einen Bären reicht, wie 2007 für „Tuyas Hochzeit“ darf bezweifelt werden. Dulamjav Enkhtaivan allerdings könnte durchaus Chancen auf einen Darstellerinnen-Preis haben. Seit Ulrike Ottingers „Johanna d´Arc of Mongolia“ (1988) sah man jedenfalls nicht mehr eine so gleichermaßen selbstbewusste wie geheimnisvolle Frau auf einem Dromedar durch die Weite einer Steppenlandschaft reiten.

_________________________________________


Systemsprenger | System Crasher
Wettbewerb 2019
DEU 2019
von: Nora Fingscheidt
Helena Zengel
© kineo Film / Weydemann Bros. / Yunus Roy Imer


Systemsprenger
R.: Nora Fingscheidt
Deutschland 2019


„Öndög“ ist ein Film, der durch Raum und Stille, durch seine offenen Landschaften und seine Langsamkeit Wirkung entfaltet. Das volle Gegenteil ist der deutsche Wettbewerbsbeitrag „Systemsprenger“. Ein Film zum wahnsinnig werden: laut, redundant, hermetisch. Ohne die überragende schauspielerische Leistung der Hauptfigur wäre das Ganze ein Rührstück über gescheiterte SozialarbeiterInnen, böse ausgedrückt. So aber muss man 118 Minuten Helena Zengel bewundern. Sie spielt ein Mädchen, welches durch alle Betreuungsraster fällt, weil es unberechenbar und massiv gewalttätig ist. Dabei sehnt sich Bennie - die eigentlich Bernadette heißt, aber das ist ihr zu tussig - nur nach Wärme bzw. ihrer Mama. Doch diese ist überfordert und fürchtet sich vor den Wutausbrüchen ihres Kindes. Frau Bannafé (Gabriela Maria Schmeide), die engagierte Sozialarbeiterin, scheitert ebenso wie Michi (Albrecht Schuch). Er ist der Schulbegleiter, der in der Einsamkeit der Lüneburger Heide das Mädchen zu therapieren versucht, dann aber zunehmend die Distanz verliert. Dies ist dramaturgisch noch der interessanteste Teil des Films.

Die Kamera betrachtet das Geschehen aus der Sicht der Außenstehenden. Doch wenn die Gewaltausbrüche kommen, schwenkt sie um auf die Perspektive des Mädchens. Licht- und Farbblitze, Erinnerungsfetzen, Zwischenbilder wechseln sich kaleidoskopartig ab. Begleitet von einem ohrenbetäubenden Schreien und Kreischen. Danach beginnt das Drama wieder von neuem. Die nächste Station, das nächste Scheitern, der nächste Ausbruch. Entwicklung darf es ebenso wenig geben, wie die Visualisierung der vielen Opfer, der vielen Verletzten. Die Autorin und Regisseurin nimmt 100 Prozent die Position der Systemsprengerin ein. Und alle müssen identifikatorisch mit ihr fühlen. Und ja, die Gesellschaft, das System ist bemüht, engagiert, aber letztendlich rat- und hilflos. Das Psychogramm der Benni ist zweifellos geglückt, und wenn das Ganze im TV liefe, wäre man überrascht. Aber hochgehoben in den Wettbewerb der Berlinale? Über die Hintergründe dieser Entscheidung wüsste man gerne mehr.

_________________________________________


Der Boden unter den Füßen | The Ground beneath My Feet
Wettbewerb 2019
AUT 2019
von: Marie Kreutzer
Valerie Pachner, Marie Seiser
© Juhani Zebra / Novotnyfilm


Der Boden unter den Füßen
R.: Marie Kreutzer
Österreich 2019


Lola (Valerie Pachner) ist Unternehmensberaterin, ihre Karriere weist steil nach oben. Sie hat alles unter Kontrolle: ihre Garderobe, ihr Sportprogramm, ihr Liebesleben, vor allem aber natürlich ihren Beruf. Sie hat eine schicke Wohnung in Wien, aber da ist sie eigentlich nur zum Klamottenwechseln. Denn ihr Leben spielt sich zwischen gläsernen Büros, Hotels, vornehmen Restaurants und Fitnessräumen ab. Hundert Arbeitsstunden pro Woche sind keine Seltenheit, 48 Stunden ohne Schlaf kommen vor. Krankmachend, extrem kalt und unberechenbar ist diese Business-Welt, gleichzeitig aber macht sie wohl süchtig. „ In 50 Tagen ein ganzes Unternehmen umkrempeln, geil!“ sagt da einer und lauert schon, wie er KollegInnen austricksen kann, um selbst schneller nach oben zu kommen
Doch dann gibt es noch die andere Seite. Die Seite der am Leben Gescheiterten, der Schwachen und Kranken. Lolas Schwester Conny (Pia Hierzegger) ist nach einem Selbstmordversuch in der Psychiatrie gelandet. Sie leidet unter paranoiden Wahnvorstellungen und gilt als schizophren. Nun versucht sie ihre Schwester unter Druck zu setzen, fordert Hilfe und Unterstützung. So jettet Lola zwischen ihrem Job in Rostock und der Klinik in Wien hin und her.
Zwei Welten geraten aneinander. Oder ist es nur die jeweilige andere Seite desselben Phänomens? Die Krankenzimmer und Hospitalkorridore ähneln sie in ihrer Sterilität nicht den Büros und Hotelzimmern? Ist das zwanghafte Styling der Business-Kostüme nicht die andere Seite des Lotter-Looks derjenigen, die aufs Äußere „scheißen“, wie der Wiener so gerne sagt. Sind nicht letztendlich beide Frauen gefangen in ihren „Welten“?
Die Grenzen zwischen normal und nicht normal, um diese Kategorien zu gebrauchen, sind schmal, die Balance fragil. Darauf deutet auch hin, dass Lola auf einmal rätselhafte Anrufe erhält und Nachrichten, die angeblich von ihrer Schwester sind. Doch Conny hat weder ein Handy noch Außenkontakte, wie die Ärztin Lola versichert. Driftet Lola also auch in eine Paranoia ab? Oder ist da ein Moment eines nicht weiter auserzählten Psychothrillers? Die Regisseurin gibt zu, von Hitchcocks „Marnie“ ebenso inspiriert gewesen zu sein, wie von „Vertigo“. Am Ende des Films lässt sich Lola die Haare frisch blondieren, dann geht sie ans Grab der Schwester.
So ganz klar ist nicht, was der Film sein will, Charakter- und Milieustudie, Familiendrama, Psychothriller? Doch die Schauspielerinnen sind alle überzeugend, die Kamera von Leena Kopper beeindruckt, alles ist gekonnt in Szene gesetzt, und Ambivalenzen sind letztendlich sympathischer als eindeutige Botschaften.

Daniela Kloock

weitere Artikel von Daniela Kloock

Newsletter bestellen




top

Titel zum Thema Berlinale:

Baldiga – Entsichertes Herz
Unsere letzte Filmbesprechung zur Berlinale (Sektion: Panorama): Ein Film als Erinnerungsarbeit an eine bestimmte Zeit, hier das schwule West-Berlin der 1980er Jahre als Reminiszenz an einen Künstler, hier den Fotografen Jürgen Baldiga ...

I´am Not Everything I Want to Be
Berlinale - Filmbesprechung: Ein großartiger Film über die tschechische Fotografin Libuse Jarcovjáková, der eigentlich kein Film ist ...

Mit einem Tiger schlafen – ein Film über die Malerin Maria Lassnig
Filmbesprechung: Der Film von Anja Salomonowitz, der sich dem Leben der Malerin Maria Lassnig widmet, bildet eine Art Fixpunkt/Rückgrat für den thematischen Schwerpunkt des FORUM Special der diesjährigen BERLINALE.

The Night is never Complete
Filmbesprechung zur Berlinale: „Mother and Daughter, or the Night is Never Complete“ – ein wunderbarer Film der georgischen Filmemacherin Lana Gogoberidze (Forum Spezial)

BERLINALE und die Zukunft des Kinos
Summa Summarum: Die Zeit des ganz großen Kinos scheint vorbei. Strukturell, aber auch ästhetisch und technisch hat sich so viel verändert, dass Argumente, die einen Gang ins Lichtspielhaus zwingend machen, vage bleiben.

Auf der Tonspur ist was los…
Berlinale Forum: Filme, die experimentell mit Bild und Sprache bzw. Text umgehen, fallen auf der diesjährigen BERLINALE vermehrt auf. Prominentes Beispiel ist „Dearest Fiona“, ein Beitrag der Multimediakünstlerin Fiona Tan.

Die Retrospektive der BERLINALE punktet
Rund um die Welt wurden Filmschaffende aller Sparten eingeladen, ihren ganz persönlichen Lieblingsfilm vorzuschlagen und bei der Vorführung im Berlinale-Kino live oder über line zu kommentieren.

INTIMES von der BERLINALE
Filmbesprechung zu: „THE ETERNAL MEMORY“ und „NOTRE CORPS“

BERLINALE 2022: Eindrücke und Empfehlungen jenseits des Wettbewerbs
„Vorsichtshalber sollten wir davon ausgehen, dass wir alle in Gefahr sind.“ Filme der BERLINALE, auf die dieser Satz zutrifft.

Erste BERLINALE Eindrücke und Empfehlungen jenseits des Wettbewerbs 2022
Ein Überblick: Von Kasachstan über Iran, Indien und Kolumbien bis nach Süditalien zahlreiche Filme der Berlinale erinnern daran, dass und wie Frauen weltweit unter Gewalt- und lebensbedrohenden Geschlechterverhältnissen (über)leben.

Der Berlinale Bär ...
Filmfestivals scheinen gefährliche Tiere als Werbeträger zu lieben. Berlin hat seinen Bären, Venedig den Löwen, Locarno favorisiert den Leoparden.
Zum Auftakt der Berlinale, die diese Woche beginnt.

Berlinale Spezial: Berlinale Highlights 2020
Zwei ganz und gar ungewöhnliche Filme über die USA, ein schöner Film aus Nigeria, und eine kleine Lektion zum Thema Wahrnehmung wahrnehmen.....

Berlinale Spezial 2020: Kitsch versus Kunst
Über zwei Filme, die die Büroarbeit von Frauen SEHR verschieden im Blick haben...
My Salinger Year (R.: Philippe Falardeau/Kanada, Irland 2020)
The Assistant (R.: Kitty Green/USA 2019)

Berlinale Kamera 2020: Ehrung für Ulrike Ottinger
Preis: Anlässlich der 70. Internationalen Filmfestspiele erhält die Regisseurin und Künstlerin Ulrike Ottinger die Berlinale Kamera.

Searching Eva (Regie: Pia Hellenthal)
Filmbesprechung: Der Film trägt seinen Titel zu Recht. Denn wer ist diese Frau? Und kann/soll man glauben, was da gezeigt wird?

top

zur Startseite

Anzeige
Magdeburg unverschämt REBELLISCH

Anzeige
Alles zur KI Bildgenese

Anzeige
Responsive image

Anzeige
SPREEPARK ARTSPACE

Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Akademie der Künste




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Freundeskreis Willy-Brandt-Haus e.V.




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
neurotitan




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Haus am Kleistpark | Projektraum




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Galerie Nord | Kunstverein Tiergarten




© 1999 - 2023, art-in-berlin.de Kunstagentur Thomessen Hartlieb-Kühn GbR.