Filme, die experimentell mit Bild und Sprache bzw. Text umgehen, fallen auf der diesjährigen BERLINALE vermehrt auf. Prominentes Beispiel ist „Dearest Fiona“, ein Beitrag der Multimediakünstlerin Fiona Tan.
„Dearest Fiona“ ist ein Film, der keine Bequemlichkeit zulässt, kein vor-sich Hindämmern, sondern höchste Konzentration erfordert. Die Künstlerin ist dabei tief in das Archiv des Eye Film Instituts Amsterdam eingestiegen. Sie hat für ihren Film Fotografien ausgewählt, die den Alltag arbeitender Menschen in den Niederlanden zwischen 1890 und 1930 zeigen. Wir sehen Fischer, die bis zum Hals im Wasser stehen, Netze flicken oder Muscheln säubern, Knaben, die schwere Kähne ziehen, oder Männer, die gebrochene Dämme reparieren und dabei knietief im Morast stehen. Allein die Kleidungsstücke wirken Jahrhunderte entfernt von unseren leichten Gore-Tex Schutzanzügen. Doch nicht nur das Leben an den Küsten wird in den Fotografien festgehalten, sondern auch die beginnende Industriearbeit, Glasbläser oder Stahlarbeiter in den Fabriken ebenso wie die mühsamen Tätigkeiten von Frauen auf den Tulpenfeldern. Und immer wieder setzt die Künstlerin auch Bilder ein, die Naturgewalten zeigen, gegen die die Menschen ankämpfen: Überschwemmungen, Feuersbrünste, überhaupt viel Nässe und Schnee ist zu sehen. In diesem Zusammenhang wird einem schlagartig die Bedeutung der holländischen Holzschuhe klar - später nur noch das Accessoire für Käsewerbung.
Ein trostloses, hartes und streng in der Materialität verankertes Leben wird in diesen Fotografien beschworen, welches der sauberen Schönheit unserer digitalen Bilderwelt diametral entgegengesetzt ist. Fiona Tan montiert die Bilder, die teilweise nachkoloriert sind, scheinbar willkürlich. Es gibt jedoch immer wieder Inserts mit Schwarzbildern, die Kapitel suggerieren. Diese Gliederungen sind dem angepasst, was der Text vorgibt. Und das sind die verlesenen Briefe des Vaters an die Künstlerin. Tan war aus Australien ausgewandert und hatte Ende der 1980er Jahre in Amsterdam ihr Kunststudium begonnen. Der Vater schreibt ihr innig und aufmunternd, seine Worte geben Hinweise auf Krisen und Geldsorgen, die Fiona Tan plagten. Neben Beschreibungen von „Family Affaires“ werden auch zahlreiche politische Themen von ihm angesprochen, Rassismusgesetze, Wahlen, deutsch deutsche Geschichte oder die politischen Veränderungen durch Gorbatschow. Bisweilen ergeben sich zwischen Ton und Bild plötzliche thematische Verbindungen. Etwa wenn der Vater über niederländische Kolonialgeschichte schreibt und man eine Fotografie sieht, auf der Kisten aus Sumatra von einem Schiffsrumpf geborgen werden. Ein anspruchsvoller politischer wie privat-intimer Film, schön in seiner Komplexität und Offenheit.
Zwei Länder mit ihrer dunklen Vergangenheit (und Gegenwart) zu verbinden, das schafft der rumänische Regisseur Vlad Petri in „Between Revolutions“.
Ausschließlich mit Film-Archivmaterial arbeitend, kombiniert er sowohl Aufnahmen der politischen Unruhen im Iran wie in Rumänien. Wir sind in der Zeit von 1979 bzw. 1989. In beiden Ländern leiden die Menschen unter ihren Regimen, Ceaușescu bzw. Schah Pahlavi, und in beiden Ländern hofft man auf politische Erneuerung und Verbesserung. Die Montage des Regisseurs zeigt, wie sehr die Bilder sich gleichen. Massenaufläufe auf Plätzen und Straßen, Fahnen und Plakate, das Zerstören von Machtsymbolen, aber auch viel Polizeigewalt hier wie dort.
Voice Over ist in diesem Film ein fiktiver Briefwechsel, der von der Romanautorin Lavinia Braniște geschrieben wurde und der wiederum auf Briefen aus den Archiven der rumänischen Geheimpolizei beruht. Es geht um zwei Frauen, Zahra und Maria, die sich beim Medizinstudium in Bukarest kennen und lieben gelernt haben. Zahra kehrt jedoch zurück in den Iran, sie will dabei sein, wenn sich die Dinge zum Guten wenden. Maria hingegen wird als Ärztin in die rumänische Provinz versetzt, ihr Vater von der Securitate gefangen genommen. Die zwei Frauen werden sich nicht mehr begegnen, ihr Kontakt bricht vor allem deshalb ab, weil es für die rumänische Familie zu gefährlich wird.
Außer den eindeutig politischen Szenen montiert Petri Alltagssequenzen, Straßen- oder Strandszenen. Damit schafft der Regisseur eine zusätzliche dramaturgische Spannung zwischen den eher zeitlos wirkenden, unaufgeregten Eindrücken und den Revolutionsbildern bzw. den „Schicksalen“ der beiden Frauen.
Als letztes Beispiel in diesem Zusammenhang sei der neue Film von Volker Koepp erwähnt „Gehen und Bleiben“. Der Regisseur reist mit Uwe Johnsons Texten im Gepäck zu den Orten, an denen der deutsche Nachkriegsautor gelebt hat, bevor er 1959 die DDR verlassen musste. In Mecklenburg, „wo der Wind grau und rau vom Meer ins Land fällt“ - so schreibt der Autor, der sich zeit seines Lebens nach der Heimat seiner Kindheit und Jugend sehnt - trifft Volker Koepp auf Menschen, die er in Verbindung zu Uwe Johnson setzt. Zwischen Anklam und Güstrow geht er unter anderem der Frage nach, welche Bedeutung die Vergangenheit für die Gegenwart hat. Und er greift Motive und Zitate so gekonnt auf, dass sich immer wieder neue Erzählräume öffnen. Während seine letzten Filme „Landstück“ und „Seestück“ eher ethnografisch orientiert waren, schafft „Gehen und Bleiben“ die kongeniale Verbindung zweier Männer, zweier gleichermaßen politischer wie poetischer Naturelle über die Zeit hinaus. Ein schönes und anschauliches Beispiel für das, was man gemeinhin Seelenverwandtschaft nennt.








