The Eternal Memory, CHL 2023, Regie: Maite Alberdi, Augusto Góngora, Paulina Urrutia, Sektion: Panorama 2023, © Micromundo, Fabula

Was bedeutet es, wenn es kein Erinnern mehr gibt, das Gedächtnis sich verabschiedet, wenn Worte den Adressaten nicht mehr erreichen und ein Leben dem Vergessen anheimfällt – um dieses gleichermaßen schwere wie sensible Thema dreht sich THE ETERNAL MEMORY (Panorama).
Selten erlebte man in einem Dokumentarfilm so nah, wie ein real existierender Mensch immer weniger wird, bis er ganz zu verschwinden droht.

Augusto Góngora und Paulina Urrutia leben seit über 20 Jahren zusammen. Beide sind Persönlichkeiten des chilenischen Kulturlebens, sie Schauspielerin und spätere Kulturministerin, er Autor, Fernsehjournalist und prominenter Kämpfer gegen das Pinochet Regime. Im Gedenken an diese grauenvolle Zeit hat Augusto Góngora ein umfangreiches Archiv angelegt, um dem kollektiven Vergessen der vielen Opfer entgegenzuwirken. 2014 erkrankt er an Alzheimer und Paulina beginnt, die alltägliche Momente der fortschreitenden Erkrankung mit einer Videokamera zu filmen. Zärtliches und Humorvolles halten ihre Bilder fest, aber auch Momente der Entfremdung, des Schmerzes und der Trauer. Die Regisseurin Maite Alberdi verbindet diese Aufnahmen mit selbst gedrehten Szenen und mit TV Archivmaterial, welches Augusto bei seiner Arbeit als Journalist zeigt. So erfährt der Zuschauer einiges über dieses politisch ambitionierte Leben. Vor allem jedoch beeindruckt, mit wie viel Zärtlichkeit und Geduld Paulina ihren Mann begleitet.

Krankheit und Tod sind Tabus, erzeugen Angst und Abwehr. Doch dieser Film macht deutlich, dass beides nicht nur Teil unseres Lebens ist, sondern dass es selbst hier schöne Momente geben kann. In Zeiten der zunehmenden eitlen Selbstbespiegelungen ist dies eine der selten gewordenen wahren Liebesgeschichten, traurig ja, aber auch tröstend.
Der Film, der bereits beim diesjährigen „Sundance Film Festival“ mit dem großen Preis der Jury geehrt wurde, ist eines der wenigen Highlights des diesjährigen PANORAMA Programms.


Notre corps | Our Body, FRA 2023, Regie: Claire Simon, Sektion: Forum 2023, © Madison Films

Auch in NOTRE CORPS (FORUM) tauchen wir in eine Welt ein, die uns normalerweise verschlossen bleibt bzw. aufs Intim-Private reduziert ist. Der Film der französischen Drehbuchautorin, Schauspielerin und Regisseurin Claire Simon führt in eine gynäkologische Klinik in Paris. Zahlreiche Gespräche zwischen Patientinnen und Klinikpersonal verdeutlichen das breite Spektrum dessen, was Frauen und ihren Körpern widerfährt. Es geht um ungewollte und gewollte Schwangerschaften, Geschlechtsumwandlungen und Krebserkrankungen. Und immer geht es um ein Leben, ein Schicksal, eine Entscheidung. In vielen Szenen zeigt der Film zum Teil schonungslos direkt, was genau passiert, wenn Untersuchungen und Operationen erfolgen oder Diagnosen diskutiert, bestätigt und überbracht werden. Wir sehen Hände, Sonden und Zangen in weibliche Körper eindringen, wie Kinder zur Welt gebracht werden oder Spermien im Glas ihr Ei finden. Für Zartbesaitete ist manches vielleicht nur schwer auszuhalten. Kaum zu glauben jedoch, dass so viele Szenen so direkt gefilmt werden durften und dass viele der Frauen uns so offen an ihrem Leid, ihren Hoffnungen teilhaben lassen. Ein dichter, beeindruckender Film – meine unbedingte Empfehlung.

Am Samstag (18.2.2023) findet ein Filmgespräch mit Claire Simon et al. nach der 14 Uhr Filmvorstellung im Kunstquartier SILENT GREEN statt.

73. Internationale Filmfestspiele Berlin 16.-26.02.23 | www.berlinale.de