Es ist wieder soweit, Berlinale-Zeit! Über 270 Filme aus 8000 Einreichungen wurden ausgewählt. Sie sollen in diesem eisigen Winter Gemeinsamkeit schaffen und uns helfen, einander (besser) zu verstehen - so die aufmunternden Begrüßungsworte von Tricia Tuttle. Das kann das Festival gut gebrauchen, denn der Potsdamer Platz wird als Ort immer unwirtlicher und das Programm klingt - nun ja - sehr „berlinoise“, heißt tendenziell politisch und problemorientiert.
Gleich drei deutsche Filme haben es in den Wettbewerb geschafft. Das dürfte eine Überraschung sein. Ilker Catak, der mit seinem „Lehrerzimmer“ von 2023 international bekannt wurde, zeigt „Gelbe Briefe“. Eva Trobisch kommt mit „Etwas ganz Besonderes“ und Angela Schanelec mit „Meine Frau weint“.
Auffallend viele Filme der insgesamt 22 Wettbewerbsfilme drehen sich um Familie, Herkunft, Identitätssuche, um interkulturelle und intergenerationelle Konflikte. Geht es in „Gelbe Briefe“ um ein deutsch-türkisches Familiendrama, gerät in „Rosebush Pruning“ des algerisch-brasilianischen Regisseurs Karim Ainouz gleich ein ganzes Familiengefüge ins Wanken. In „We are all Strangers“ von Anthony Chen aus Singapur müssen zwei Generationen lernen, Familie umzudefinieren, nachdem der Vater eine neue Frau kennengelernt hat. Und in „Queen at Sea“ von Lance Hammer mit Juliette Binoche streitet sich ein Vater mit seiner Tochter um die richtige Fürsorge seiner an Demenz erkrankten Ehefrau. Eva Trobisch lässt ihre Hauptfigur in der thüringischen Provinz ihre Suche nach Identität bei einer Casting Show beginnen. Auch in „Rose“ des österreichischen Regisseurs Markus Schleinzer wird die Frage nach der „richtigen“ Identität eines Soldaten gestellt, der im Dreißigjährigen Krieg in sein Heimatdorf zurückkehrt. Die wunderbare Sandra Hüller, vielleicht „unser“ einziger weiblicher Weltstar seit Romy Schneider, dürfte in dieser queeren Hosenrolle auf jeden Fall für einen Höhepunkt des Wettbewerbs sorgen
Konflikte zwischen verschiedenen Lebenswelten behandeln die Filme „A Voix Basse“ von Leyla Bouzid und „Dao“ von Alain Gomis. „A Voix Basse“ ist der dritte Langfilm der tunesischen Regisseurin und handelt von einer jungen lesbischen Frau, die in Paris lebt und zu einer Beerdigung nach Tunesien gerufen wird. Der französisch-senegalesische Regisseur Alain Gomis folgt in „Dao“ seiner Hauptfigur Gloria auf ihren Wegen zwischen einer Hochzeit in Frankreich und einer Gedenkfeier in Guinea-Bissau.
Auch zwei chinesische Beiträge im Panorama beschäftigen sich mit dem Thema familiärer Vergangenheit bzw. Traumata. In „Shanghai Daughter“, einem dokumentarischen Debutfilm von Agnis Shen Zhongmin, reist eine Frau auf der Suche nach Menschen, die ihren Vater noch kannten, in den tropischen Südwesten Chinas, der vom Kautschuk Anbau lebt. Die bereits sehr erfolgreiche junge Filmemacherin Viv Li zeigt in ihrem ersten Dokumentarfilm ein Selbstportrait. In „Two Mountains Weighing Down My Chest“ behandelt sie ihre dauernde Suche nach sexueller und kultureller Identität, Akzeptanz und Verortung zwischen den „Polen“ China, wo es ihrer Meinung nach hauptsächlich ums Essen geht, und Berlin, wo es hauptsächlich um Sex geht…
Also viele, zum Teil junge Regisseurinnen, viele Frauenfiguren – das ist toll und sicher auch Tricia Tuttle geschuldet.
In diesen Kontext gehört natürlich auch die Ehrung der sagenhaften Ulrike Ottinger, mittlerweile 83, die seit Jahrzehnten mit ihren radikal eigenen Filmen das deutsche Kino prägt. Ihre „Blutgräfin“ (Berlinale Special), die bereits im Vorfeld stark beworben wird, wird mit Spannung erwartet. Hoch besetzt mit Isabelle Huppert, Birgit Minichmayr, Lars Eidinger und Conchita Wurst. Der Film erzählt von einer wilden Jagd durch Wien, um einen neuen Tanz weiblicher Vampire auf der Suche nach dem roten Lebenssaft. Die Dialoge entstanden unter Mitwirkung der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die dieses Jahr ihren 80. feiert und mit einem weiteren Film bei der Berlinale in Erscheinung tritt.
„Liebhaberinnen“, ihr Roman aus den 1970er Jahren wurde von der deutsch-luxemburgischen Regisseurin Caroline Kox in die Jetztzeit transferiert. Der bittertragische Stoff über die spätkapitalistische „Ökonomie der Liebe“ und deren Auswirkungen auf weibliche Körper und Biografien ist mit Johanna Wokalek, Hannah Schiller und Victoria Trauttmansdorff kongenial besetzt und dürfte ein absoluter Höhepunkt im Programm des Forums werden.
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