Land: GBR, FRA 20262026
Regie: Finlay Pretsell
Sektion: Panorama 2026
© Parcel of Rogues
Ein durch und durch atypischer BERLINALE Beitrag
Ein filmisches Portrait dieses ungewöhnlichen Grenzgängers aller künstlerischer Formen und Ausdrucksweisen – kann das gutgehen? Ja, es kann!
Denn Finlay Pretsell, bekannt vor allem für seine preisgekrönten Kurzfilme über Extremsportler, schafft es, eine einzigartige emotionale Nähe und Tiefe herzustellen. Und das bei einem zweifelsohne hochgradig komplizierten Gegenüber.
Der knapp 90-minütige Film folgt keinem raum-zeitlichen oder thematischen Kontinuum und hat absolut nichts mit einem klassischen Interview-Doku Stück zu tun. Gedreht wurde ausschließlich in dem Berliner Atelier des Künstlers - einer tendentiell dunklen, chaotisch bestückten Theaterbühne voller Requisiten, Fund- und Sammelstücke. Pretsell lässt darin einfach „nur“ seine Kamera laufen. Mal fackelt Douglas Gordon ein T-Shirt mit einer feministischen Botschaft ab, um sich anschließend die verkokelten Reste überzuziehen. Mal lässt er mit kindlicher Freude Seifenblasen oder silbrigen Glitzerregen durch den Raum wirbeln. Man sieht wie sein letztes Stückchen untätowierte Haut bearbeitet wird oder er sich rasiert, sich ein Bier aus dem Kühlschrank holt und minutenlang seinen Schädel ins Waschbecken tunkt.
Aber: dazwischen ergreift Douglas Gordon das Wort. Wie er redet, wie er nachdenkt, über sich, seine Familie, seine Arbeiten, über die Kunstwelt, und die damit verbundenen Assoziationen und Einfälle, das ist das eigentliche Ereignis. Es gleicht eher einer psychoanalytischen Sitzung als einem Film-Interview - so nachdenklich, so konzentriert, so intensiv ist das. Seine Ausführungen klingen manchmal dramatisch, mitunter tief traurig, richtiggehend philosophisch, aber ab und an auch verschmitzt.
Land: GBR, FRA 20262026
Regie: Finlay Pretsell
Sektion: Panorama 2026
© Parcel of Rogues
Als Zuschauer taucht man dergestalt in die intimsten Bereiche dieses Künstlers ein, in seine Alb/Träume und Ängste. Es geht um Altern, Tod, um Wahrnehmung und Grenzerfahrungen. Douglas Gordon meidet das Eindeutige und liebt die Ambivalenzen, Widersprüche, Geheimnisse und Doppelungen. Ähnlich wie die Figur Dr. Jekyll und Mr. Hyde aus dem Werk seines Landsmanns, dem schottischen Schriftsteller Robert Louis Stevenson, ist der Künstler an den (extremen) Polen des Seins interessiert. Gut und Böse, hell und dunkel, laut und leise, brutal und zärtlich - so ist auch dieser Film. Wenn Gordon dann schottische Volkslieder anstimmt, mit einer Stimme, die schlicht umwerfend ist, dann sind das Momente der Authentizität und Direktheit, und von mir aus auch Sentimentalität, die kaum ein Film der bisherigen BERLINALE erreicht. Dabei wird das Mitfühlen und Verstehen ja ganz groß annonciert, nicht nur von der BERLINALE-Intendantin Tricia Tuttle, sondern auch vom Juryvorsitzenden Wim Wenders. Leider kippt das bei den BERLINALE Filmen, die ich bisher sah und die nur so von Aufklärungs-Pathos triefen, mehrheitlich in Gefühlskitsch und in betuliche, narrative Konstruktionen. Nicht hier.
Die Analyse von Bildern, deren grundsätzliche Fragen von Perzeption und Rezeption, von Zerdehnung und Beschleunigung, also Zeitwahrnehmungen, stehen im Fokus seines künstlerischen Schaffens. Dabei agiert Douglas Gordon quer zu allen Disziplinen. Film, Literatur, Musik, aber auch Mode, Sport und Folklore, alles wird von ihm dahingehend untersucht, wie sie kollektive Erinnerungen / Wahrnehmungen bzw. Alltagskultur bestimmen und verändern. 2006 erlangte er große Popularität mit „Zidane: A21st Century Portrait“, in dem der legendäre französische Nationalspieler während eines gesamten Ligaspiels mit 16 Hochgeschwindigkeitskameras gefilmt wird.
In Anlehnung an Andy Warhols „Screen Tests“ geht es dabei um den Versuch einer Art Ausleuchtung/Belichtung innerer Vorgänge mit optischen Medien. Letztendlich muss auch „Douglas Gordon by Douglas Gordon“ genauso verstanden werden, wobei Gordon in diesem Film gleichzeitig Objekt UND Subjekt zu sein scheint.
Douglas Gordon, geboren 1966 in Maryhill, einem Arbeiterviertel von Glasgow, hat dort und später in London Kunst studiert. Er wurde international bekannt vor allem mit der Videoarbeit „24 Hour PSYCHO“, in der der Hitchcock Film auf 24 Stunden Länge gedehnt wird. 1996 gewann Gordon unter anderem aufgrund dieser aufsehenerregenden Arbeit als erster Künstler den Turner-Preis für seine Videokunst.
18.2. 15.30 Urania
19.2. 10.15 Cubix 7
20.2. 10.45 Colosseum 1
21.2. 20.15 Cubix 7
18. Februar, 11:00, Berlinale HUB, Marlene-Dietrich-Platz, 10785 Berlin
Berlinale Film Talk: Berlinale Doc Talk
Ein Gespräch mit Alisa Kovalenko und Marysia Nikitiuk (Traces — Panorama Dokumente), Anna Fitch und Banker White (Yo (Love is a Rebellious Bird) — Wettbewerb), Douglas Gordon und Finlay Pretsell (Douglas Gordon by Douglas Gordon — Panorama Dokumente) sowie Sam Pollard (TUTU — Berlinale Special Presentation). Marlene-Dietrich-Platz, 10785 Berlin
Douglas Gordon by Douglas Gordon
Land: GBR, FRA 20262026
Regie: Finlay Pretsell
Sektion: Panorama 2026
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