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BERLINALE und die Zukunft des Kinos

von Daniela Kloock (28.02.2023)
vorher Abb. BERLINALE und die Zukunft des Kinos

oben v.l.n.r.: Man khod, man ham miraghsam, © Media Nest, PakFilm, Sieben Winter in Teheran, © Made in Germany, Darvazeye royaha © Negin Ahmadi
unten v.l.n.r.: My ne zgasnemo, © Alisa Kovalenko, Shidniy front © Vertov, Iron Butterflies, © Babylon’13, Berlinale 2023: Solidarität mit der Ukraine und dem Iran


Die Zeit des ganz großen Kinos scheint vorbei. Strukturell, aber auch ästhetisch und technisch hat sich so viel verändert, dass Argumente, die einen Gang ins Lichtspielhaus zwingend machen, vage bleiben. Und nicht nur in dieser basalen Unsicherheit, sondern auch in der Abhängigkeit von (viel) Geld und medialer Aufmerksamkeit muss sich eines der immer noch wichtigsten Film-Festivals behaupten.

Dieses Jahr ist es der BERLINALE nur bedingt gelungen, die Strahlkraft zu entwickeln, die man sich erhoffte. Ein Grund für die mehrheitlich wenig überzeugenden Filme, vor allem des Wettbewerbs, lag sicher auch an der Pandemie, unter der viele der gezeigten Filme gedreht wurden. Der Blick richtete sich häufig nach innen, Beziehungsthemen wurden verhandelt, und viele Kinder und Tiere bevölkerten die Leinwand. Zuviel Pathos und Kitsch war da für meinen Geschmack dabei. Und ja, man gab sich politisch, zahlreiche Beiträge hatten die Ukraine und den Krieg im Blick oder die prekären Verhältnisse im Iran. Sean Penn erhielt einen medienwirksamen Auftritt für seinen „Superpower“ Film, der im Grunde nichts anderes war als eine Propaganda-Show für Selenskyj. Auch zeigte man sich extrem offen für alle an den Rand der Gesellschaft Gedrängten und Übersehenen. Insofern waren weder der Goldene Bär für „Sur l´ Adamant“, noch für die 8-jährige Sofia Otero (als jüngste Preisträgerin eines Hauptdarstellerpreises überhaupt) verwunderlich. Auch der Publikumspreis für „Sira“ geht in diese Richtung.

Was die Auswahl der Filme betrifft, erstaunte, dass einiges schon woanders gezeigt wurde, so z. B. der einzige US-amerikanische Beitrag des Wettbewerbs „Past Lives“ beim Sundance Festival. Und aus Osteuropa war rein gar nichts dabei. Dafür aber gleich 5 Filme im Wettbewerb aus Deutschland, die offenbar zeigen sollten, wie „stark“ das Kino hierzulande ist. Abgesehen von bestenfalls braver TV - Ware, wo waren da neue Namen, wo blieben Entdeckungen, wo blieb Verstörendes oder Exotisches bzw. Neues? Wie ein Märchen aus wirklich längst vergangener Zeit muss es bald klingen, dass einmal ein Ang Lee in Berlin entdeckt wurde (1993) oder gar oscarverdächtige Produktionen wie „Rain Man“ hier vorgestellt wurden. Provozierend einfallslos kann man die Programmierung nennen. Die interessanteren Filme waren in der Sektion „Encounters“ zu finden, deren Bedeutung jedoch rätselhaft bleibt.
Und ja, der rote Teppich ist recycelbar und der Kaffee ohne Kuhmilch, und ja, es gab auch ein paar Stars. Aber Hand aufs Herz, Boris Becker als Star zu verkaufen, zeigt allein diese Tatsache nicht schon ein weiteres Dilemma? Wo bleiben Ideen, die neue Aufmerksamkeitsfenster öffnen, wenn offensichtlich scheint, dass die Zeit der Starkulte sich dem Ende nähert?

Für das Berlinale Publikum jedenfalls sollte es den aller größten Preis geben. Der digitale Ticketverkauf, der ernsthaft mit Corona begründet wurde und der viel von dem wegnahm, was früher an Kommunikation, Begegnungen und Austausch da war, tat dem Wunsch ins Kino zu gehen, jedenfalls dem Vernehmen nach keinen Abbruch. Genaue Zahlen zum Ticketverkauf habe ich noch nicht gefunden, aber die Massen strömten, Vorführungen waren schnell ausverkauft. Und all das trotz des immer wieder gleich schlechten Wetters aufgrund des immer gleich schlecht bleibenden Kalendermonats. Und auch die prekärer werdenden Abspielstätten wurden klaglos hingenommen. Allen voran die Verti Music Hall, eine Mehrzweckhalle mit Klappstühlen. Ganz zu schweigen von dem unseligen Potsdamer Platz. Jenseits der verlauteten und eigentlich unverschämten Beruhigungspille „das Festival muss in die Stadt hinaus“, womit wohl vor allem die sogenannten Kiezkinos gemeint sein sollen, gibt es keinen Plan, was und wo hier die Zukunft ist.

Daniela Kloock

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