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Berlinale Spezial: Berlinale Highlights 2020

von Daniela Kloock (26.02.2020)
vorher Abb. Berlinale Spezial: Berlinale Highlights 2020

First Cow, USA 2019, Regie: Kelly Reichardt, Bildbeschreibung: Evie, Sektion: Wettbewerb 2020, © Allyson Riggs/A24

Zwei ganz und gar ungewöhnliche Filme über die USA, ein schöner Film aus Nigeria, und eine kleine Lektion zum Thema Wahrnehmung wahrnehmen.....

Mein Wettbewerbsfavorit:
First Cow (USA, 2019, R.: Kelly Reichardt)

Alles andere als eine Wild-West Romantik schildert die bekannte Indie Regisseurin Kelly Reichardt („Certain Women“) in ihrem Spielfilmdebut.

Anfang des 19. Jahrhunderts - man ist dabei die feuchte Wildnis Oregons zu kolonisieren - treffen zwei Außenseiter aufeinander. Ein gutmütiger Koch (Cookie), der eine Gruppe rauflustiger Pelztierjäger zu versorgen hat, und ein chinesischer Seemann (King-Lu), der von russischen Banditen verfolgt wird. Die beiden wortkargen Männer freunden sich an und finden eine pfiffige Geschäftsidee, die ihnen am Ende leider zum Verhängnis wird. Dabei spielt eine hübsche Kuh, die als Erste die weite Reise aus Frankreich überlebt hat, eine wichtige Rolle. Mit ihrer Milch, die nächtens unter höchsten Gefahren gemolken wird, backt Cookie köstliche Brötchen, die sich bald als Verkaufsschlager unter den Trappern erweisen. Denn sie bringen ein bisschen Süße und Heimatgefühle in den harten Überlebenskampf.

Das Pionier-Leben besteht eben nicht darin, Postkutschen zu überfallen und mit rauchenden Colts zu wedeln, sondern in der Urbarmachung einer alles überwuchernden Vegetation. Trostlos und karg ist der Alltag. Mit gängigen Klischees und Stereotypen dieses Abschnitts der amerikanischen Geschichte zu brechen, darum ging es der Regisseurin ebenso, wie um die Darstellung einer anderen Art von Maskulinität. So ist Cookie einer, der nicht nur die spärliche Hütte, in der die beiden zusammen leben, putzt und mit Blumen dekoriert, der Früchte und Beeren sammelt, backt und kocht, sondern auch mit der einsamen Kuh redet, wie mit einem Menschen. King-Lu demgegenüber steht eher für das Fantastische, für das Wagemutige, für den Blick in eine bessere Zukunft. Wie sich diese beiden unterschiedlichen Charaktere langsam annähern, wie aufmerksam und offen sie sind, wie Freundschaft und Vertrauen entstehen, wird mit großer Sensibilität, jenseits vieler Worte und in eng komponierten Bildern (4:3 Format, Kamera: Christopher Blauvelt) erzählt.

Der Film ist jedoch nicht nur eine kunstvolle Demontage des „American Dreams“, sondern auch eine indirekte Kritik an der sogenannten Zivilisation, bzw. dem modernen Leben. Jeder Fisch, jeder Pilz, jeder Tropfen Milch, ja sogar jeder Knopf hat hier noch einen Wert. Am Ende aber siegen dann doch Macht, Gier und Gewalt. „Dem Vogel ein Nest, der Spinne ein Netz, dem Menschen die Freundschaft“ - dieses Zitat von William Blake ist dem Film vorangestellt. Ein ungewöhnlicher Western zum Thema Freundschaft - spannend, zuweilen auch witzig, melancholisch, nachdenklich, schön.



Bloody Nose, Empty Pockets, USA 2020, Regie: Bill Ross IV, Turner Ross, Sektion: Panorama 2020, © Department of Motion Pictures

Bloody Nose, Empty Pockets (USA 2020, R.: Bill Ross IV, Turner Ross)

Das ist ein Film über/mit Menschen, die niemals über einen roten Teppich laufen werden. Hart vom Leben und vom Alkohol gezeichnete Typen sind es, die die Brüder Bill und Turner Ross für ihren neusten Film gecastet haben. Und die beiden haben wirklich einen großartigen Blick für Menschen, für Gesichter.

Männer und Frauen zwischen 20 und 70 - Schwarze, Weiße, eine Dragqueen ist auch dabei, allesamt skurrile Typen - die sie bei ihrer jahrelangen Recherche in Kneipen kennengelernt haben, verleihen diesem Film eine schier unglaubliche Authentizität. Sie alle werden in eine Bar versetzt, die vorgeblich in 24 Stunden geschlossen wird. Ihr trauriges Ende soll nun ausgiebig gefeiert werden. Das Ganze ist eine ungewöhnliche Mischung zwischen Dokumentation und Inszenierung.
Die herrlich aus der Zeit gefallene, mit unzähligen liebevollen Details vollgestopfte Bar „Roaring 20s“ gibt es wirklich, auch wenn sie nicht in Las Vegas ist. Nach und nach treffen die Protagonisten ein. Es wird gelacht, gesungen, getanzt und vor allem getrunken. Gesprochen wird natürlich auch. Liebe, Familie, Politik, - es ist kurz nach dem Wahlsieg Donald Trumps - aber auch Alter und Einsamkeit sind Themen, die mal tiefschürfend konfrontierend, mal leicht und witzig verhandelt werden. Zuweilen streitet man sich und versöhnt sich wieder. Angeblich gab es keinen Script, alles ist improvisiert, und basiert auf den spontanen Einfällen der Protagonisten. Drei Jahre hat es dann gedauert bis das mit zwei lichtstarken Kameras gefilmte Material im Schnitt zu dem wurde, was wir jetzt sehen.

Wie es den Ross-Brüdern gelungen ist, in der Dunkelheit dieser Retro-Bar Bilder von gleichzeitiger Intensität und Spontanität einzufangen, bleibt mir ein Rätsel. Man fühlt sich wirklich so, als säße man mit am Tresen. Man lauscht den tränenreichen Liebesbekundungen von Shay, den schlagfertigen Kommentaren des bärtigen Barkeepers, den philosophischen Ausschweifungen Michaels. Über kurz oder lang ist man ein Teil dieser heterogenen, aber zärtlichen „Familie“ bzw. Gemeinschaft. Der Film ist ein gelungener Ausflug in einen atmosphärisch dichten Mikrokosmos und ein Rückblick in eine Zeit, in der Alkoholismus und Einsamkeit noch eine traurige, romantische Note haben durften. Was mir bei unglaublich vielen Filmen der BERLINALE bisher fehlte, hier ist es: Authentizität, Dichte, eine filmische Idee und der Mut für ein ganz und gar ungewöhnliches Projekt.



Eyimofe | This Is My Desire, NGA, USA 2020, Regie: Arie Esiri, Chuko Esiri, Bildbeschreibung: Temi Ami-Williams, Cynthia Ebijie, Sektion: Forum 2020, © Eyimofe LLC

EYIMOFE- THIS IS MY DESIRE (Nigeria 2020, R.: Arie und Chuko Esiri)

Das nigerianische Regie-Duo verwebt in seinem ersten größeren Film zwei Lebensläufe und -träume. Der Elektroingenieur Mofe und die Friseurin und Gelegenheitsprostituierte Rose wollen beide nach Europa. Der eine nach Spanien, die andere nach Italien. Nur dazu wird es nie kommen. In wunderschönen 16-mm Aufnahmen folgen wir einzelnen Episoden im Alltag der beiden.

Mofe arbeitet in einer heruntergekommenen Fabrik in Lagos. Ständig fallen Maschinen aus, und er scheint der Einzige, der sie wieder in Gang bringen kann. Wie gefährlich alles ist, was mit der improvisierten und völlig veralteten Elektrik zusammenhängt, wird bereits anfänglich angedeutet, mündet dann aber in einem tragischen Unfall. Bei einem Stromschlag zu Hause sterben Mofs drei Kinder und seine Frau. Für die Beerdigung, für sein Visum, seinen gefälschten Pass, für all das braucht er Geld. Doch auch sein Vater, den er um Hilfe bittet, hat Schulden. In seiner Verzweiflung schlägt er irgendwann, als wieder nichts funktioniert in der Fabrik, alles kurz und klein. Was zwangsläufig folgt, ist seine Entlassung.
Auch Rose hat es schwer. Sie ist allein und zu Hause wartet ihre ganz junge, schwangere Schwester. Die beiden Frauen hoffen, irgendwann so viel Geld zusammen zu haben, dass sie weg können. Doch die vielen Jobs und auch ein Flirt mit einem weißen Geschäftsmann bringen letztendlich nichts. Sehr krass wird dargestellt, wie dieser holländische Business-Typ Rose nur als exotisches Vergnügen betrachtet. Als ihr die örtliche Chefin der Prostitutionsszene vorschlägt, sich und ihre kleine Schwester auf dem Strich zu verdingen, um das Geld für die Visas zusammenzubekommen, lehnt sie ab. Vermutlich wird Rose am Ende das Angebot eines schwarzen Verehrers annehmen, der eine Art Vermieter oder Hauswart ist. Er scheint der Garant für ein bequemeres und sicheres Leben, wenngleich da weder Liebe noch ein Leben anderswo mit im Spiel sein werden.

In diesem Film wird nichts breit auserzählt, nichts dramatisch inszeniert. Eher ruhig und geduldig werden all die Schwierigkeiten dargestellt, mit denen Menschen am unteren Ende der Gesellschaft, in dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas, zu kämpfen haben. Ein realistischer Blick in eine Welt, die vom bequemen Berliner Kinosessel sehr weit entfernt ist, dicht erzählt und gekonnt verfilmt!



The Viewing Booth, ISR, USA 2019, Regie: Ra’anan Alexandrowicz, Sektion: Forum 2020, © Zachary Reese

The Viewing Booth (Israel/USA, 2019. R.: Ra´anan Alexandrowicz)

In einer laborähnlichen Versuchsanorndung konfrontiert Ra´anan Alexandrowitcz Studierende einer US-amerikanischen Universität mit Internet-Videos. Diese zeigen gewalttätige Szenen der israelischen Besetzer, bzw. militärische Aktionen in der Westbank.

Gefilmt wurden diese entweder von der Menschenrechtsorganisation B´Tselem oder von eher rechts stehenden politischen Gruppierungen. Die Studierenden werden darüber aber im Unklaren gelassen.
Der Regisseur will erforschen, welche Reaktionen, welche Gedanken die jungen Leute haben, wenn sie diese Bilder sehen. Sie können die Videos jederzeit anhalten oder rückspulen. Bei all dem werden sie gefilmt. Wir, die Zuschauer, sehen beides, die Videos und die Gesichter der Rezipierenden. Wir hören ihre Kommentare, verfolgen ihre Einfälle. Eine der Studentinnen, Maia Levy, eine jüdische Amerikanerin, fällt dem Regisseur dabei besonders auf. Sie fragt sich immer wieder, ob etwas gestellt sein könnte, und wenn ja, warum? Es ist ein regelrechtes Zwiegespräch, welches sie führt. Dadurch, dass die Videos in keinem Kontext stehen, auch nicht kommentiert werden, bilden sie eine ideale Vorlage für eigene Interpretationen.
Sechs Monate später wird Maia zu einem zweiten Screening eingeladen. Sie betrachtet sich nun selbst dabei zu, wie sie sich das Filmmaterial, welches ihren politischen Überzeugungen zuwiderläuft, ansieht. Was hierbei zum Ausdruck kommt, ist vielschichtig, verwirrend und auch aufschlussreich. Maia „rudert“ bei vielen ihrer Einfälle wieder zurück, ist deutlich defensiver und vorsichtiger als beim ersten Mal. Der Regisseur ist enttäuscht. Er hatte gehofft, sie bleibt bei ihren grundsätzlichen Fragen, Zweifeln und Verunsicherungen. Nun aber ist sie eher „auf Linie“.

„The Viewing Booth“ geht es um das Erleben von Bildern und die Frage, was wir als echt, als authentisch begreifen, und warum. Der israelisch-palästinensische Konflikt ist nur der Aufhänger dafür, wie in der Rezeption von Bildern Wahrheit konstruiert wird, damit sie zu unseren Überzeugungen passt. Nicht zuletzt geht es dem Film auch darum, was und wie wir überhaupt wahrnehmen, deuten und bewerten. (Be)- Wertungen jedoch sind immer abhängig vom eigenen Standpunkt. Diese Lektion ist Alexandrowitcz gelungen. Zumindest eine Weile lang wird man sich selbst gegenüber aufmerksamer, und - vor allem beim Filme schauen - nicht vergessen, dass Sehen nicht immer Glauben heißen muss

Eine weitere Besprechung zu "Das Wachsfigurenkabinett" finden Sie hier:
www.art-in-berlin.de/Wachsfigurenkabinett

www.berlinale.de

Daniela Kloock

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