© Foto: Daniela Kloock

Ein Resümee: Starke Frauen und ein trauriger Ort

Die diesjährige BERLINALE glänzte vor allem durch starke Frauen. Eine ungewöhnliche Dichte an Regisseurinnen bestimmte das genremäßig breit gefächerte Hauptprogramm des Wettbewerbs mit Filmen von u.a. Rebecca Lenkiewicz, Mary Bronstein, Vivian Qu oder Johanna Moder. Ebenso gab es deutlich mehr interessante und vielgestaltige weibliche Hauptfiguren. Im deutschsprachigen Kino beeindruckten z.B. Leonie Benesch in „Heldin“ - der Film kommt bereits morgen in die Kinos - oder Marie Leuenberger in „Mother´s Baby“. Die australische Schauspielerin Rose Byrne erhielt verdient einen Silbernen Bären für ihre Rolle in „If I Had Legs I´d Kick You“. Die dänische Schauspielerin und Regisseurin Trine Dyrholm spielt wiederum in „Beginnings“ groß auf, ebenso wie Fiona Shaw in „Hot Milk“ oder Denise Weinberg in dem mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichneten brasilianischen Beitrag „The Blue Trail“. Alles Frauenfiguren, die die unterschiedlichsten Themen, Altersgruppen und Charaktere aufgreifen und sich damit erfreulicherweise Lichtjahre von gängigen und x-mal durchdeklinierten Klischees entfernen. Für den nötigen Glamour sorgten Stars wie Tilda Swinton, Jessica Chastain, Toni Collette, Rose Byrne oder Margaret Qualley.

Tricia Tuttle, übrigens die erste Frau, die jemals ein A-Festival allein verantwortete, hatte in relativ kurzer Zeit ein schwieriges Erbe anzutreten. Denn das Duo Carlo Chatrian und Marietta Riesenbeek vermochte es in ihrer 5-jährigen „Regierungszeit“ nicht, die BERLINALE aus der Krise zu manövrieren. Abfallende Sponsoren, der unglückliche Zeitpunkt im kalten Februar, Corona - der qualitative Abstand zu Venedig und Cannes schien immer größer zu werden. Internationale Kontakte zur Filmwelt, ein guter Draht zu Politik und Geldgebern und nicht zuletzt ein anspruchsvolles Programm mussten her - keine leichte Aufgabe. Und Tricia Tuttle bewies eine glückliche Hand. Die Filmkritik zeigte sich unisono zufrieden, das Festival verlief ohne größere Skandale und weitgehend reibungslos. Es wurden über 330.000 Tickets verkauft, mehr als je zuvor, es gab 340 Filmgespräche und über 1.000 öffentliche Vorführungen. Außerdem hat die Intendantin, so heisst jetzt die Direktorin, eine zusätzliche Sektion eingerichtet: Die sogenannten „Perspectives“ mit 14 Spielfilmdebüts, die den internationalen Filmnachwuchs ins Rampenlicht stellen sollten. Auch der Film Market, fast ebenso wichtig wie das Festival, lief dem Vernehmen nach gut.


© Foto: Daniela Kloock

Doch der Potsdamer Platz wird immer mehr zum Problem. Er ist und bleibt ein Unort. Da hilft auch der neu eingerichtete Blechkasten mit Namen HUB 75 für Filmgespräche nichts. Das neu hinzugekommene Stage Bluemax-Theater mit endlosen Rolltreppen, beschwerlichen und glatten Außentreppen ist ebenso eine Zumutung wie das grässlich abgeranzte Cinemax mit seinem Popcornmief. Eine attraktive Gastronomie sucht man vergebens, für eine Tasse Kaffee steht man ewig an, eine Idee, wo Publikum, Journalisten und Gäste locker zusammen und ins Gespräch kommen könnten, fehlt komplett. Der „Walk of Fame“ ein schlechter Witz und die Sony-Hälfte des Platzes nur noch eine verbarrikadierte Großbaustelle. Filmmuseum, Filmbuchhandlung, DFFB und Kinemathek sind längst ausgezogen. Nur das Arsenal mit seinen zwei Spielstätten durfte noch einmal Filme abspielen, bevor dann auch hier das Licht ausgeht. So ist und bleibt der Potsdamer Platz ein zunehmend heruntergewirtschafteter Retortenplatz, ein Ort für eine veritable Winterdepression - gesichtslos und zugig. Die internationale Filmwelt kann hier einmal im Jahr hautnah erfahren, welche Folgen eine Stadtplanung hat, die Investoren das Feld überlässt.

Filmbesprechungen zur diesjährigen Berlinale von Daniela Kloock:
- Monk in Pieces von Billy Shebar und David C. Roberts
- 2024 (2023) von Stefan Hayn

- Peter Hujar´s Day