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Berlin Daily 20.10.2020
Berlins vergessene Mitte

19h: Eine Dekade Diskussion und keine gute Lösung in Sicht? mit Prof.Dr. Harald Bodenschatz, Dr. Volker Hassemer, Prof.Dr. Falk Jaeger, André Schmitz und Dr. Benedikt Goebel (Moderation). Anmld. | Kronprinzenpalais Unter den Linden 3

Berlinale Spezial: Kitsch versus Kunst

von Daniela Kloock (22.02.2020)
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My Salinger Year, CAN, IRL 2020, Regie: Philippe Falardeau Sigourney Weaver, Margaret Qualley Sektion: Berlinale Special 2020, © micro_scope

Kitsch versus Kunst
über zwei Filme, die die Büroarbeit von Frauen SEHR verschieden im Blick haben...


My Salinger Year (R.: Philippe Falardeau/Kanada, Irland 2020)
The Assistant (R.: Kitty Green/USA 2019)

Da helfen auch die wundervolle Sigourney Weaver – allseits bekannt als Ellen Ripley in der Alien -Sage – und Margaret Qualley (die Pussycat in „Once Upon a Time in Hollywood“) nicht weiter. „My Salinger Year“ ist bestenfalls ein Feelgood-Movie. In hübschen Postkarten-Bildern - der Film spielt in den 1990er Jahren - wird die Geschichte einer jungen, ehrgeizigen Studentin, Joanna, erzählt, die nach New York kommt. Dort will sie nur das Eine: berühmt werden, und zwar als Schriftstellerin. Doch zunächst muss sie ihr Großstadt-Leben finanzieren. Sie nimmt einen Job in einem erfolgreichen Verlag an, als Assistentin einer Literaturagentin. Der strengen Chefin, Margaret, muss sie zuarbeiten. Sie wird in stumpfsinnige Bürotätigkeiten eingelernt, vor allem jedoch soll sie die Fanpost des wichtigsten Autors des Verlags, J.D. Salinger, durchlesen und beantworten. Und zwar auf einer Schreibmaschine, weil Margaret die neuen elektronischen Geräte, sprich die ersten Computer, ablehnt. Joanna zeigt sich beeindruckt und berührt von manchen der Briefe. Philippe Falardeau (Monsieur Lazhar) – und das ist eine der wenigen originellen Regieeinfälle des Films – personalisiert die Schreibenden, gibt ihnen kurze Auftritte, und Joanna führt quasi fiktive Dialoge mit diesen ganz unterschiedlichen Menschen. Literatur hat Kraft, sie weckt Gefühle. Das hätte ein/das Thema werden können. Doch bei Falardeau ergibt sich dadurch keine dramaturgische Spannung, kein Erzählbogen.
Und dann ist da noch das Privatleben von Joanna. Sie distanziert sich immer mehr von ihrem sozialistisch angehauchten „Boyfriend“, sehnt sich zurück in die Arme ihrer Berkeley Liebe, Karl. Er ist Musiker und eine der kitschigsten Szenen ist ihre tränenreiche Wiederbegegnung. Auch eine tänzerische Traumsequenz mit ihm folgt später - wie aus einem Werbeclip für Feinwollwaschmittel. Und ja, Margaret Qualley kann Ballett tanzen, sie ist eine veritable neue „Amélie“, aber ein überzeugendes Streitgespräch über Rachel Cusk wirkt dann doch wenig glaubhaft.
„My Salinger Year“ - so viel Zugeständnis soll sein - ist ein Film, der die weibliche Hauptfigur erstaunlich autonom und unerschrocken zeigt, vor allem auch gegenüber der eiskalt wirkenden Chefin. Nur denkt man in den Szenen mit Margaret immer unwillkürlich an „der Teufel trägt Prada“. Leider fehlt hier dessen Bissigkeit und Schärfe. Folgerichtig endet auch das Verhältnis der beiden, nachdem Joana sich entschlossen hat zu kündigen, friedlich.
Basierend auf dem erfolgreichen und gleichlautenden Roman von Joanna Rakoff will dieser Film einfach zu viel. Konflikte zwischen Alt (analog) und Jung (digital), zwischen Kommerz und Kunst, zwischen Traum und Realität. Das Ganze auch noch in immer hübsch gebügelten Blusen und viel Tweed, in ramagoldgelben Licht, in detailverliebtem Produktdesign.
Er zeige ein authentisches New York der 1990er Jahre, lobte ein Kritiker bei der Presskonferenz. Nur leider, - Eisenstein hätte seine Freude gehabt - der Film ist komplett in Montreal gedreht. Nostalgisch, kitschig, zum Einschlafen.


The Assistant, USA 2019, Regie: Kitty Green
Bildbeschreibung: Julia Garner
Sektion: Panorama 2020, © Forensic Films


Das genaue Gegenteil hierzu ist „The Assistant“ (USA 2019). Der Film ist das Spielfilmdebut der bisher im Dokumentarbereich tätigen australischen Regisseurin Kitty Green. Ihr Drehbuch beruht auf Interviews und Gesprächen, die sie mit Mitarbeiterinnen großer Unternehmen, vorzugsweise im Film- und Showbusiness, geführt hat. In der Folge des Weinstein Skandals und der MeToo-Debatte beschäftigte sie die Frage, wie „ein gesellschaftliches System“ sexuelle Übergriffe toleriert und wie die Macht-Mechanismen genauer aussehen, die zu einer Mauer der Angst und des Schweigens führen. Dem Film gelingt eine sozialpsychologische Mikro-Analyse, in dem er die subtilen und kleinsten Gesten, Manöver und Techniken aufzeigt, die sich täglich beispielsweise in Büros und Vorzimmern abspielen.
Die Kamera folgt sehr direkt einem ganz „normalen“ Arbeitstag von Jane (Julia Garner, bekannt vor allem aus der Netflix-Serie „Ozark“). Sie ist die neue Assistentin eines mächtigen Medienmoguls. Es ist noch dunkel und keiner außer ihr da, wenn sie morgens als Erste im Großraum-Büro Lichter, Computer und Kaffeemaschinen anschaltet. Danach erledigt sie ihre Aufgaben routiniert. Termine bestätigen, Telefonate abnehmen, Hotels buchen, Mittagessen bestellen. Die ständigen kleinen Feindseligkeiten werden fast beiläufig eingefügt. Ob sie von ihren männlichen Kollegen pseudo witzig gefoppt wird, oder ob ihr die schmutzigen Teller und Tassen von KollegInnen zum Spülen hingeschoben werden, überall ist subtile Repression spürbar. Und auf allen lastet ein unglaublicher Druck. Dies wird deutlich, ohne dass es dafür Dialoge oder ausgespielte Szenen gäbe. Und der übermächtige Chef ist allgegenwärtig, kommt jedoch nie ins Bild. Wir hören ihn nur. Jane wird am Telefon mehrfach von ihm zurechtgewiesen. Ab und zu tauchen attraktive Frauen auf, die sich bei ihm vorstellen. Dass vor allem nachts in seinem Büro mehr passiert, darauf deutet hin, was Jane morgens vorfindet. Flecken auf dem Sofa, benutzte Spritzen im Papierkorb, ein goldenes Armband unter dem Teppich. Und dann taucht auch noch ein junges Mädchen auf, was in ein luxuriöses Hotel gebracht werden soll. Spätestens ab da wird Jane klar, sie ist Teil eines missbräuchlichen Systems, was von allen beschwiegen wird. Ihr Versuch beim Personalchef auf ihre Beobachtungen aufmerksam zu machen scheitert kläglich.
„The Assistant“, der in nur 18 Tagen in einem Büro in Midtown-Manhattan gedreht wurde, ist für manchen wahrscheinlich etwas zu undramatisch inszeniert, auch wird der Charakter der Jane nicht groß entwickelt. Doch Kitty Green muss zugutegehalten werden, dass sie konsequent bei ihrem Thema bleibt und einen ungewöhnlichen, kunstvollen Stil in der Umsetzung findet. In seiner Präzision erinnert „The Assistant“ zuweilen an einen der großen Filme der 1970er Jahre, an Chantal Akermans „Jeanne Dielman, 23 quai du Commerce“. Kitty Green veranschaulicht sehr genau, ausschließlich aus der Perspektive der Hauptfigur, das monotone und gleichzeitig mega-stressige Büroleben, hinter dem die sexuellen Übergriffe eines unsichtbaren Chefs lauern. Auch schafft sie es eine Arbeitswelt spürbar zu machen, in der jeder jederzeit ersetzbar wäre. Der Film macht gekonnt ein System der Angst und des Leistungsdrucks deutlich, und er zeigt, nicht zuletzt, auch die große innere Einsamkeit und die fehlende Solidarisierung aller darin Beteiligten.

Zu sehen noch vom 23.2. bis 1.3. in der Sektion Panorama

www.berlinale.de

Daniela Kloock

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