Berlin Daily 29.05.2020
artspring berlin Kunstfestival

ab 18 Uhr: artspringnale 2020 Filmprogramm online. U.a. Generally Not #14, Regie: Julian van Grey / Mit Angst kommt Mut, Regie: Hani Schehel / remorymy, Regie: Leonie Naomi Baur & Jana Vos ....

(Einspieldatum: 06.05.2020)

Interviews in Ausnahmesituationen – Nihad Nino Pušija

von Urszula Usakowska-Wolff


Responsive image

Nihad Nino Pušija, Begegnungen, Kreuzberg, 16.04.2020. Foto © Nihad Nino Pušija

Nihad Nino Pušija: „Aus einer Krise kann man auch Inspiration schöpfen. Eine Krise bewegt zum Handeln – und als Fotograf hat man keine Alternative, man muss eine solche Zeit dokumentieren und manchmal auch gestalten.“

Urszula Usakowska-Wolff: Nino, was bedeutet für Dich die heutige Zeit, in der wir weitgehend auf Kontakte mit anderen Menschen verzichten müssen? Für einen Fotokünstler, dessen Thema Menschen in ihrer ganzen Vielfalt sind, ist das wohl keine optimale Situation. Wie gehst Du damit um?

Nihad Nino Pušija: Als das alles Mitte März begann, hatte ich ein seltsames Gefühl. Ich bin immer mit meiner Kamera unterwegs, und so habe ich in den ersten Tagen der Corona-Pandemie in Berlin leere Regale in den Geschäften und Absperrbänder auf den Straßen und Spielplätzen fotografiert. Das waren meine ersten Bilder. Einerseits hatte ich den Eindruck, an etwas schon Dagewesenem teilzunehmen. Ich war ja in Sarajewo während der Jugoslawien-Kriege. Andererseits kann man Beides nicht vergleichen. Hier fallen ja keine Granaten; Klopapier war zwar ausverkauft, aber es gab genügend Kaffee in den Läden. Es ist eine andere Zeit, in der es andere Symbole gibt. Trotzdem war und ist das Gefühl eines Ausnahmezustands sehr präsent. In einer solchen Situation bekommt man als Künstler einen scharfen Blick. Für mich ist es auch eine Veränderung der Wahrnehmung. Als Fotodokumentarist ist meine Aufgabe, diese neue Wirklichkeit auf Bildern festzuhalten.

UUW: Hat sich Dein Leben unter dem Einfluss der Corona-Krise verändert? Hat sie einen Einfluss auf Deine finanzielle Situation?

NNP: Der Alltag hat sich in dem Sinne verändert, dass man jetzt früh aufsteht, aber ohne Wecker. Das Kaffeetrinken dauert sehr lange, ohne Zeitdruck. Und was das Finanzielle betrifft: Einerseits war ich ein bisschen vorbereitet, weil ich als Freiberufler auf schlechte Zeiten vorbereitet sein muss. Deshalb habe ich immer eine kleine Reserve, um in Situationen, wo ich weniger Aufträge habe, über die Runden zu kommen. Durch den Berliner Corona-Zuschuss hat sich meine Lage etwas entspannt, aber die Ungewissheit ist eigentlich etwas, was ich häufig empfinde.

Responsive image
Nihad Nino Pušija, Begegnungen, Kreuzberg, 17.04.2020. Foto © Nihad Nino Pušija

UUW: Was ist aus Deiner Sicht im Berliner Stadtbild anders als noch vor einigen Wochen?

NNP: Das Stadtbild hat sich definitiv verändert, weil keine Touristen da sind. Dadurch kann man ausatmen, der Abstand der Menschen untereinander ist auch sehr deutlich. Diese unnatürliche Distanz: Das ist ziemlich merkwürdig. Ich fotografiere ja Leute, die auf Bänken oder Mauern sitzen, die auch sonst darauf achten, sich nicht zu nahe zu kommen. Es fällt auf, dass zum Beispiel Hunde von Fremden gestreichelt werden, aber zu ihren Frauchen und Herrchen hält man einen sicheren Abstand. Ich beobachte das, ich bin viel in Parks unterwegs, an öffentlichen Orten, aber nur am Tag, abends nicht. Am Abend passiert nichts. Da ist Berlin menschenleer. Das ist nichts für mich, ich mache Fotos, auf denen wenigsten einige Menschen, auch wenn nur dezent und im Hintergrund, zu sehen sind.

UUW: Hat sich die Stimmung in Berlin verändert? Wie reagieren die Menschen auf diese plötzlich so ruhige und ereignisarme Zeit?

NNP: Ein Phänomen dieser Zeit ist, dass die Menschen viel freundlicher sind, früher haben sie mehr gemeckert. Früher war das Fotografieren der Menschen im öffentlichen Raum sehr schwer, sie wollten das häufig nicht. Jetzt stören sie sich nicht daran, vielleicht wollen sie zeigen, dass sie brav sind. Ich als Fotograf empfinde das als eine große Pause.

UUW: Eine Pause auf dem Weg in eine Zukunft, die beunruhigt?

NNP: Ich habe den Eindruck, dass die Berlinerinnen und Berliner eine Verschnaufpause gebraucht haben, denn davor hatte die Stadt eine unnatürliche Geschwindigkeit, das Tempo des Lebens war rasant. Ich bin seit fast schon 28 Jahren hier und ich denke, dass die Ungewissheit, in welche Richtung sich das entwickeln und welche Folgen es für die Menschen haben wird, schlimm ist. Das macht sie ängstlich, vielleicht auch ein bisschen resigniert. Sie machen sich Sorgen um Verwandte oder Freunde, um ihre Gesundheit, sie fürchten sich vor dem Virus. Ungewissheit ist ein Gefühl, das heute sehr präsent ist.

Responsive image
Nihad Nino Pušija, Bis in die Puppen, Berliner Dom, 11.04.2020. Foto © Nihad Nino Pušija

UUW: Ist diese Ungewissheit das Thema Deiner Corona-Zeit-Fotografien?

NNP: Ich versuche, Menschen und ihre Probleme auf eine dezente Art zu zeigen. Jetzt verfolge ich drei verschiedene Themen: Forschungs- und Entdeckungsreisen in der Corona-Zeit mit der Dokumentation des Berliner Alltags, dann Begegnungen mit Leuten, die ich treffe, denn meistens gehe ich oder fahre mit dem Fahrrad zwei-drei Stunden am Tag durch die Stadt, spreche jemanden an, wir trinken Kaffee auf Distanz, das sind eben diese 1,5-Meter-Distanzporträts aus Alt-Treptow, wo ich wohne, Friedrichshain, Kreuzberg, Neukölln, Mitte. Das dritte Thema ist Bis in die Puppen (dazu regte mich meine Frau an, die Berlinerin ist und die sagt, dass man jetzt nicht bis in die Puppen schlafen kann). Das ist für mich eine Metapher, sie bezieht sich auf die Statuen (Puppen), die im Tiergarten stehen, und weil die ausgelassene Party bis in den frühen Morgen erstmal nicht weitergehen kann, setze ich als sichtbares Zeichen den Skulpturen rote Masken auf. Manchmal klettere ich auf die Skulpturen, doch einige sind so klein, dass ich es auch im Stehen schaffe. Es handelt sich um eine geplant-spontane Unterwegs-Aktion. Vor einigen Tagen habe ich dem Goethe-Denkmal im Tiergarten eine Maske verpasst, nicht dem Dichter, denn er sitzt zu hoch, aber einer kleinen Frauenfigur, die ich ohne zu klettern gut erreichen konnte. Schiller hat auch eine rote Maske von mir. Ich bin fest davon überzeugt: Aus einer Krise kann man auch Inspiration schöpfen. Eine Krise bewegt zum Handeln – und als Fotograf hat man keine Alternative, man muss eine solche Zeit dokumentieren und manchmal auch gestalten.

UUW: Wird es demnächst eine Ausstellung Deiner Berliner Corona-Zeit-Fotografien geben?

NNP: Ich habe noch mit niemanden darüber gesprochen und die Fotos noch nirgendwo gezeigt. Mein Projekt ist ja nicht abgeschlossen. Erst wenn der Krieg gegen Corona zu Ende sein wird, kann ich mich mit solchen Ausstellungsplänen beschäftigen.

UUW: Am 19. März sollte Deine Einzelausstellung Queens im Schwules Museum starten. Das ging damals nicht; sie musste verschoben werden – und wird erfreulicherweise vom 13. Mai bis zum 27. Juli gezeigt. Was bedeutet diese Ausstellung für Dich? Wie lange hast Du Dich auf sie vorbereitet?

NNP: Es ist nicht die einzige Ausstellung, die nicht eröffnet werden konnte. Zuvor nahm ich an der Gruppenausstellung 1000 Tücher gegen das Vergessen in der Tuchfabrik Trier teil, welche an die seit 1991 in den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien getöteten Menschen erinnert. Die Eröffnung war am 6. März, eine knappe Woche danach wurde die Ausstellung geschlossen. Dass Queens im Schwules Museum bisher nicht gezeigt werden konnte, tut mir sehr leid, denn es ist mein Lieblingsthema: Freundschaft. Die Ausstellung bedeutet für mich sehr viel, und ich hoffe, dass ich es schaffe, möglichst viele Leute ins Museum einzuladen. Das ist eine fotografische Zeitreise in die 1990er Jahre. Wir haben mit den Kuratorinnen Carina Klugbauer und Birgit Bosold die Ausstellung fast ein Jahr vorbereitet, das war viel Arbeit. Es geht um meine Aufnahmen vom Kumpelnest, Café Anfall, um den legendären Kreuzberger Club SO36 mit seinen Black Gay Nights, um den queeren Aktivismus der 1990er Jahre, die Befreiung von Vorurteilen. Das war für mich eine sehr wichtige Zeit, ich kam aus einem sozialistischen Land, bei uns gab es zwar Homosexuelle, aber sie wurden verschwiegen. Für mich war die Freundschaft in diesen Kreisen ein großes Thema, ich hatte Zugang zur Berliner Szene und konnte auch hinter die Kulissen blicken. Zugleich war das für mich auch ein Ausgleich, denn vormittags und den Tag über habe ich mich mit Geflüchteten aus Jugoslawien beschäftigt. Das war sehr traurig, ich habe geweint mit den Leuten zusammen, Kaffee getrunken und Schnaps. Abends ging ich dann in diese schwulen und lesbischen Bars, es war ein anderes Ventil, das wirkte wie eine Therapie, denn die Leute, die ich dort traf, waren sehr freundlich und nett. Obwohl ich hetero bin, war für mich die außergewöhnliche Atmosphäre, die dort herrschte, eine Riesenentdeckung.

Responsive image
Nihad Nino Pušija, Chayene, SO36, Berlin, 1996. Foto © Nihad Nino Pušija

UUW: Woher kommt Dein Interesse für marginalisierte Gruppen, die von der Gesellschaft lange Zeit ausgeschlossen, diskriminiert, skandalisiert oder als nicht ebenbürtig behandelt wurden und in einigen Ländern immer noch so traktiert werden?

NNP: Ich denke, wir in Südosteuropa oder Osteuropa hatten einen anderen Blick als die Westfotografen. Als der Jugoslawien-Krieg ausgebrochen war, war ich ständig unterwegs. Das ist immer so: Meine Umgebung ist mein Thema. Ich habe Flüchtlinge fotografiert, die waren zwar alle aus Jugoslawien, aber ich habe gemerkt, dass die Flüchtlinge, die hier in Unterkünften oder in Containern wohnten, nicht mit den Roma zusammenleben wollten. Obwohl sie aus einem Land kamen und gleiche Pässe hatten, wollten sie mit den „Zigeunern“ die Küche nicht teilen. Das ist ja purer Rassismus! In anderen meinen Fotoarbeiten zeige ich, dass es unter den Roma in den letzten Jahren große emanzipatorische Bestrebungen gibt, dass etliche von ihnen sehr gebildet sind, was viele andere Menschen nicht wahrhaben wollen. Es braucht wohl seine Zeit, bis Vorurteile aus den Köpfen verschwinden.

UUW: Gibt es für Dich Alternativen zur Fotografie?

NNP: Mein Leben ist Fotografie und ich bleibe auf jedem Fall Fotograf. Ich kann mir vorstellen, angeln zu gehen, um Ruhe zu haben, damit ich danach weiter fotografieren kann. Ich habe in den 1990er Jahren auch als Film,- Mode- und Architekturfotograf gearbeitet. Aber da merkte ich: Um Architektur zu fotografieren, brauchst du Sonne. Das hat mich sehr genervt, denn sie scheint in Berlin eher selten. Ich mag das diffuse Licht in Berlin sehr, das ist ideal, um Menschen draußen zu fotografieren. Modefotografie war mir zu anstrengend, immer diese Partys, Drogen, Hallo!, Hurra!, Juhu! Das ist auf Dauer langweilig, weil es sehr oberflächlich ist. Menschen unterwegs mit der Kamera aufzunehmen, am liebsten solche, die ich kenne: Das ist meine Aufgabe, und der bleibe ich treu.

UUW: Kannst Du dir ein Leben ohne Kunst vorstellen?

NNP: Nicht so richtig, denn ich glaube, dass alles auf die eine oder andere Weise Kunst ist.

Responsive image
Nihad Nino Pušija, Selbstporträt, 2020. Foto © Nihad Nino Pušija

Nihad Nino Pušija (* 1965 in Sarajewo, lebt in Berlin), arbeitete nach dem Studium der politischen Wissenschaften und des Journalismus an der Universität Sarajevo als Fotojournalist und Künstler und ist seit 1988 als freier Fotograf in verschiedenen Kunstprojekten und Fotostudien tätig. Er unternahm Studienreisen nach England, Belgien, Italien und in die USA. Seit 1992 realisiert er Projektarbeiten in Berlin, u.a. für die nGbK, das Museum Europäischer Kulturen und die Allianz Kulturstiftung. Sein Thema sind die Jugoslawien-Kriege und die Zerstörung des ehemaligen Jugoslawiens, der Kampf nationaler und sexueller Minderheiten sowie der Außenseiter gegen Ausgrenzung, Klischees und Vorurteile, wobei das Individuum und seine Geschichte immer im Vordergrund stehen. 2007 nahm er an der Gruppenschau Paradise Lost im ersten Roma-Pavillon auf der 52. Biennale di Venezia teil. 2018 erschien unter dem Titel Down There Where the Spirit Meets the Bone, die erste umfangreiche Monografie des Fotografen im Lehmstedt Verlag Leipzig.

Nihad Nino Pušija: Queens
13. Mai 2020 – 27. Juli 2020
Schwules Museum
Lützowstraße 73, 10785 Berlin
Eintritt nur mit Zeitfenster-Tickets
Öffnungszeiten und Preise unter:
www.schwulesmuseum.de

Nihad Nino Pušija – Weblinks:
www.fotofabrika.de
lehmstedt.de

Urszula Usakowska-Wolff

weitere Artikel von Urszula Usakowska-Wolff

Newsletter bestellen




top

Titel zum Thema Interview:

Interviews in Ausnahmesituationen – mit Martin Kwade
Urszula Usakowska-Wolff im Gespräch mit dem Berliner Galeristen Martin Kwade: „Die Entschleunigung ist nichts für mich. Ich hätte es gern, dass das Tempo noch schneller wird. ...

Interviews in Ausnahmesituationen – Tina Sauerländer
Urszula Usakowska-Wolff im Gespräch mit Tina Sauerländer: „Digitale Medien werden analoge nicht verdrängen, aber es ist für viele Künstler*innen aus anderen Bereichen wie Malerei oder Skulptur spannend, mit Virtual Reality zu arbeiten. Denn dort gelten physikalische Gesetze nicht.“

Interviews in Ausnahmesituationen – Nihad Nino Pušija
Urszula Usakowska-Wolff im Gespräch mit dem Künstler Nihad Nino Pušija: „Aus einer Krise kann man auch Inspiration schöpfen. Eine Krise bewegt zum Handeln – und als Fotograf hat man keine Alternative, man muss eine solche Zeit dokumentieren und manchmal auch gestalten.“

Interviews in Ausnahmesituationen – Sebastian Bieniek
Urszula Usakowska-Wolff im Gespräch mit dem Künstler Sebastian Bieniek: „Eigentlich sind Ausnahmesituationen für mich wie Wasser für die Fische. Ich komme in Hochform. Während all die anderen den Kopf verlieren, sehe ich klarer als jemals zuvor.“

Interviews in Ausnahmesituationen - Anja Asche
Urszula Usakowska-Wolff im Gespräch mit der Künstlerin Anja Asche: „In meinem Kopf entstehen unablässig neue Ideen. So gesehen ist ein Nicht-Weiter-Arbeiten gar nicht möglich.“

Interviews in Ausnahmesituationen - Käthe Kruse
Urszula Usakowska-Wolff im Gespräch mit der Künstlerin Käthe Kruse: „Wenn ich es mir genau überlege, ist der Zeitpunkt dieser Ausnahmesituation für mich gar nicht so schlecht.“

Interview mit Daniel McLaughlin
Fünf Fragen an Daniel McLaughlin, der in diesem Monat in der Linienstraße 32 - 10178 Berlin-Mitte seine Galerie neu eröffnet hat:

Interview mit dem Sammler Hartwig Piepenbrock
Der Unternehmer und Kunstsammler Hartwig Piepenbrock gründete 1988, anläßlich des 75jährigen Firmen-Jubiläums, die nach ihm benannte Kulturstiftung, deren Engagement sich u.a. auf den höchstdotierten Skulpturen Preis in Europa . . . .
(Einspieldatum: 15.1.2003)

top

zur Startseite

Anzeige
Responsive image

Anzeige
Responsive image

Anzeige
Responsive image

Anzeige
Responsive image

Anzeige
Responsive image

Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Kommunale Galerie Berlin




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Alfred Ehrhardt Stiftung




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Haus am Kleistpark




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
GEDOK-Berlin e.V.




Anzeige Galerie Berlin

Responsive image
Art Claims Impulse




© 1999 - 2020, art-in-berlin.de Kunstagentur Thomessen Hartlieb-Kühn GbR.