Porträt Erwin Wurm, Photo: © Clemens Fabry

Mit seinen One Minute Sculptures gelang Erwin Wurm vor fast 30 Jahren der internationale Durchbruch. Heute zählt er zu den Top-Künstlern weltweit. Im Interview mit Frank Lassak erzählt der Österreicher, dessen neue Ausstellung Tomorrow: Yes am 17. Januar in der Galerie Thaddaeus Ropac in Paris-Pantin eröffnet wird, was ihn antreibt – und weshalb seine teils absurden Skulpturen so gut in unsere Zeit passen.

Frank Lassak: Herr Wurm, in den 1990er Jahren – gerade waren Ihre ersten One Minute Sculptures entstanden – erhielten Sie Dutzende Anfragen von Fashion- Magazinen, die Ihre Arbeiten als Motive in Fotostrecken verwenden wollten. Die meisten lehnten Sie ab. Andere Kunstschaffende hätten wohl vor Freude jubiliert. Sie nicht. Weshalb?

Erwin Wurm: Ich sah die Skulpturen vor allem im musealen Kontext. Daher wollte ich vermeiden, dass das Storytelling zu den Werken in die falsche Richtung läuft. Einige hochwertige Fotostrecken sind trotzdem entstanden, aber es gab eben nicht nur Interesse von internationalen Modemagazinen oder Fotografen, sondern auch aus der Event- und Partyszene. Wenn ich dort zugesagt hätte, wäre das zulasten der Seriosität gegangen. Und als die Sache irgendwann Überhand nahm, habe ich fortan die meisten Anfragen abgelehnt.

Lassak: Die One Minute Sculptures kratzen haarscharf am Klamauk vorbei, sagen Sie selbst. Dennoch wächst die Serie seit einigen Jahrzehnten beständig. Was reizt Sie so daran?

Wurm: Das Absurde. Das Konzept passt gut in die heutige Zeit – und zur Entwicklung des Kunstmarktes.

Lassak: Inwiefern?

Wurm: Die hohen Preise beispielsweise, die derzeit für einige Kunstwerke aufgerufen werden, sind nicht anders zu bezeichnen als absurd. Zudem nimmt die Kommerzialisierung von Kunst immer irrwitzigere Formen an. Ein Beispiel: Seit einigen Jahren schickt mir eine exklusive französische Modefirma in jedem Herbst ein Paar Damenschuhe. Offiziell sagen sie, es sei ein Dankeschön dafür, dass meine Skulpturen sie inspiriert hätten. Tatsächlich klauen sie aber meine Ideen und schicken hinterher Schuhe. Voriges Jahr kamen sie in Größe 42 an. Bei uns im Studio passten die keiner einzigen Mitarbeiterin.

Lassak: Von der Kommerzialisierung profitieren Sie dennoch. Sehen Sie darin keinen Widerspruch?

Wurm: Nicht wirklich. Ich würde nicht von Kommerzialisierung sprechen, nur weil meine Arbeiten erfolgreich sind. Das war erstens nicht immer so, und zweitens achte ich genau darauf, mit welcher Marke oder welchen Personen ich zusammenarbeite. Dabei handelt es sich übrigens nicht um klassische Werbung. Für meine früheren Kooperationen, etwa mit Hermès oder mit den Red Hot Chili Peppers, habe ich kein Honorar verlangt. In der Tat suchen aber immer mehr Modemarken die Nähe zur Kunst. Fashion and Art – das liegt seit ein paar Jahren im Trend. Ich sehe mich dabei eher in der Rolle eines Beobachters, finde es aber bemerkenswert, dass meine Arbeiten auch beim jüngeren Publikum Anklang finden. Sogar der Rapper Kanye West hatte sich gemeldet. Seine Anfrage habe ich allerdings abgelehnt.

Lassak: Als Boomer in der Generation Z durchstarten – das gelingt nicht vielen. Überrascht Sie das?

Wurm: Geplant war es jedenfalls nicht, aber ich freue mich darüber. Ohnehin hat sich im Lauf meiner Karriere vieles ergeben, das nicht vorhersehbar war. Bestes Beispiel dafür ist der Grund, weswegen ich zur Bildhauerei kam. Ursprünglich hatte ich mich an der Kunstakademie für Malerei beworben, wurde aber in eine Bildhauer-Klasse gesteckt.

Lassak: Was sich rückblickend wohl als Glücksfall bezeichnen lässt.

Wurm: Absolut.

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Erwin Wurm, School, 2024 mixed media, 375 x 785 x 147 cm (EW 2119.Version), Foto: © Michael Maritsch /comissioned by OÖ Landes-Kultur GmbH

Lassak: Gelegentlich zieht es Sie dennoch an die Staffelei. Ist das eine geheime Leidenschaft?

Wurm: Eher ein Zeitvertreib. Wir sind im Sommer oft in Griechenland, und ganz in der Nähe unseres Feriendomizils gibt es ein Geschäft für Künstlerbedarf. Irgendwann habe ich mir dort ein paar Farben gekauft und zu malen begonnen. Mein Fokus liegt jedoch weiterhin auf der Bildhauerei. Und im Grunde sind diese Gemälde auch eine Auseinandersetzung mit skulpturalen Konzepten.

Lassak: Apropos Fokus – in Ihrer kommenden Ausstellung bei Thaddaeus Ropac in Paris-Pantin werfen Sie einen durchaus satirischen Blick auf die Gesellschaft. Was bekommt das Publikum bei Tomorrow: Yes zu sehen?

Wurm: Die Besucher sind unter anderem eingeladen, die begehbare Skulptur einer Schule zu betreten – eine verzerrte Nachbildung meiner früheren Dorfschule, die im 19. Jahrhundert erbaut wurde. Im niedrigen Innenraum sind die Wände mit alten Unterrichts- und Lernmaterialien beklebt, die Lektionen wiedergeben, die einst unterrichtet wurden. Der enge Raum mit zusammengepressten Stühlen und einer kleinen Schultafel erzeugt ein Gefühl von Klaustrophobie, das eventuell dazu anregt, aktuelle, oftmals nicht hinterfragte Überzeugungen in Sachen Bildung zu überdenken. Mir war es wichtig, dass sich die Ausstellungsbesucher sofort an persönliche Schulerlebnisse erinnern und sie physisch nacherleben können. Als wir die Schule 2024 in der Albertina zeigten, drehte sich freilich viel um die österreichische Geschichte: die Habsburger Monarchie, den Faschismus, den Sozialismus – und die katholische Kirche.

Lassak: Haben Sie die neue Schule für die Schau in Pantin an französische Verhältnisse angepasst?

Wurm: Selbstverständlich. Wobei die Recherchen zu dem Thema meine Frau übernommen hatte. Sie ist in Frankreich aufgewachsen und fand Erstaunliches und Skurriles über das dortige Schulsystem und die Kindeserziehung heraus: Früher war es dort beispielsweise üblich, dass Kinder bereits mit sechs, sieben Jahren von Erwachsenen animiert wurden, Alkohol zu trinken. Sogar in Schulbüchern wurde das thematisiert. In Archiven und anderswo haben wir viel Material dieser Art zusammengetragen und in den Innenraum der Schule integriert.

Lassak: Dann ist der Besuch dieser Schule gewissermaßen eine Zeitreise?

Wurm: Eher ein Blick durch die historische Lupe, der Vergessenes ans Licht bringt. Ich finde es erstaunlich, wie sich die Lehrstoffe in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben – und viel erstaunlicher noch, dass trotz dieses Wandels viele Vorurteile und längst widerlegte Annahmen weiterhin in der Gesellschaft präsent sind. Diesem Thema, dem Sich-im-Kreis-drehen, widme ich mich in einem weiteren Werk, das in Pantin zu sehen ist: Star ist ein in der Mitte gebogenes, voll funktionsfähiges Boot. Es ist perfekt geeignet, um in ziellosen Kreisen auf einem See zu segeln. Für mich verkörpert es die Absurditäten und Sinnlosigkeiten des modernen Lebens.

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Erwin Wurm, Star, 2025, mixed media, 600 x 630 x 95 cm 400 KG (EW 2121), Photo: © Michael Maritsch, Auftragsarbeit/comissioned by OÖ Landes-Kultur GmbH

Lassak: Dass der Star ein Rennboot ist, gehört vermutlich zum Konzept?

Wurm: Auf jeden Fall. Das Leben entwickelt sich zunehmend zu einem Wettrennen. Und bei dem halsbrecherischen Tempo, das wir dabei erreichen, fällt uns gar nicht auf, dass wir uns bei wesentlichen Dingen nur im Kreis drehen – und sich die Fahrt stets auf dem gleichen Kurs wiederholt. Wenn ich mir die aktuelle Weltlage anschaue, gibt es da frappierende Ähnlichkeiten.

Lassak: Mit der zeitlichen Komponente bildhauerischer Arbeiten haben Sie sich schon häufiger befasst.

Wurm: Dieser Aspekt interessiert mich seit Langem. Ich habe mir oft die Frage gestellt: Wenn wir hier sitzen oder stehen, das ist eine Aktion, kann das zu einer Skulptur werden? Was muss ich tun, damit eine Handlung zur Skulptur wird? Muss ich sie dehnen oder komprimieren, indem ich sie beschleunige oder verlangsame? Oder ist es die Repetition, die sie zur Skulptur werden lässt?

Lassak: Neuerdings bewegen sich Skulpturen mithilfe künstlicher Intelligenz auch von ganz allein, wie erst kürzlich auf der Art Basel Miami zu sehen war. Da wird nicht die Handlung zur Skulptur, sondern die Skulptur handelt. Was halten Sie davon?

Wurm: Die Arbeiten habe ich auf Social Media gesehen, halte aber sehr wenig davon.

Lassak: Stichwort Roboterkunst und künstliche Intelligenz. Sie haben das ja selbst schon ausprobiert. Wie lief das Experiment?

Wurm: Voriges Jahr haben wir Chat-GPT die Anweisung gegeben: „Entwirf Skulpturen im Stil von Erwin Wurm.“ Die KI hat dann 50 Entwürfe ausgespuckt; die meisten waren schrecklich, zwei hatten Potenzial. Die haben wir dann hier im Studio gebaut. Am Ende waren sie aber nicht überzeugend. Inzwischen stehen sie im Lager und warten auf ihre Entsorgung.

Lassak: Also kein KI-Studio Erwin Wurm?

Wurm: Ganz sicher nicht. Das ist ein Thema für die nächste Generation und für mich eher eine fremde Welt. Da fühle ich mich nicht mehr kompetent genug. Daher bleibe ich lieber meiner traditionellen Kunst treu.