Marianne Stoll, o.T., 2025, Collage, 38x44 cm

Ab 7. Mai zeigt das Frauenmuseum die Gruppenschau „On Her Way“ im Projektraum des Kunstquartiers Bethanien. Zu sehen sind Positionen von 28 Künstlerinnen – allesamt Mitglieder im Trägerverein, der seit 30 Jahren besteht. Frank Lassak unterhielt sich mit Ulrike Dornis, einer Sprecherin des Vereins.

Frank Lassak: Das Frauenmuseum Berlin wird 30 Jahre alt, hat aber seit vielen Jahren keinen festen Ort. Es ist ein fluides Museum, wie man so schön sagt. Ist aus der Notlösung von einst inzwischen ein kuratorisches Modell geworden, Frau Dornis?

Ulrike Dornis: Das Museum sollte ursprünglich einen festen Ort bekommen, aber die Pläne zerschlugen sich damals. So nomadisieren wir seither und machen das Nomadentum auch zum Konzept unserer Ausstellungen.

Lassak: Was bedeutet es im Jahr 2026, ein Frauenmuseum zu betreiben? Hat sich der Auftrag seit der Gründung vor 30 Jahren verändert?

Dornis: Der hat sich tatsächlich immens verändert. Am Anfang stand die Idee, dass es ein sehr allgemein gefasstes Museum wird, in dem viele verschiedene Bereiche des Lebens von Frauen zusammengefasst sind. Doch seit rund 20 Jahren widmet sich unsere Arbeit hauptsächlich dem künstlerischen Schaffen von Frauen.

Lassak: Sie haben der Ausstellung den Titel „On Her Way“ gegeben. Der bezieht sich auf ein Zitat von Arundhati Roy: „Another world is not only possible, she’s on her way ...“. Was steckt dahinter?

Dornis: Es ist ein ständiges Auf und Ab, wenn man sich als Frau in der Gesellschaft bewegt und zu unterschiedlichen Zeitpunkten immer wieder neu ansetzen muss, um sich durchzusetzen. Das ist, neben der poetischen Form des Satzes, einer der Gründe gewesen, weshalb wir uns zusammen mit der Kuratorin Almut Hüfler für diesen Titel entschieden haben.

Lassak: Wenn man auf die vergangenen fünf bis zehn Jahre schaut, auf Künstlerinnen, ihre Positionen und vor allem auf die Wertschätzung weiblicher künstlerischer Arbeit, könnte man meinen, im Kunstbetrieb sie vieles besser geworden. Zugleich gibt es Stimmen, die das anders sehen.

Dornis: Es hat sich in Ansätzen auf jeden Fall gebessert: Frauen sind heute in Ausstellungen, Galerien und Museen durchaus präsent, sie werden vertreten. Was aber leider immer noch gilt: Die bestverdienenden Künstler der Welt haben – ich nenne die Zahl nur beispielhaft – zusammen eine zweistellige Zahl an Kindern, während die wichtigsten Künstlerinnen der Welt auf eine einstellige Zahl kommen; ich glaube, es waren weniger als fünf. Das heißt: Die wirtschaftliche Tragfähigkeit der Kunst von Frauen ist leider nicht gegeben.

Lassak: Die Akzeptanz von Künstlerinnen in kommerziellen Galerien wird oft mit der unausgesprochenen Frage verknüpft: Pausieren sie irgendwann mit ihrem künstlerischen Schaffen, wenn sie Kinder bekommen? Funktioniert die Wertsteigerung der Werke dann noch? Kritiker sprechen von praktizierter Ungleichheit. Gender-Show-Gap, Gender-Pay-Gap sind Dinge, die messbar sind. Was hat das Frauenmuseum dazu zu sagen? Gibt es Programme, um diesen Zustand zu verändern?

Dornis: Als ehrenamtlicher Verein können wir in unseren Ausstellungen und Projekten Künstlerinnen mittragen, die sich – etwa weil sie Mütter sind – weniger stark in die Vorbereitung von Ausstellungen und in die Konzeption einbringen können. Darüber hinaus sind einige unserer Mitglieder aktiv bei Fair Share, einem Aktionsbündnis für mehr Sichtbarkeit von Künstlerinnen und Künstlern im Kunstbetrieb. Das Bündnis fordert eine Quote und damit Gleichstellung in allen Bereichen zeitgenössischer Kunst sowie eine Aufwertung historischer Positionen weiblichen Kunstschaffens und die Anerkennung der Care-Arbeit, die auch in unseren Ausstellungen ihren Raum hat.

Responsive image
Rachel Kohn, sogesehen, 2023, Fotoprint, 200x60 cm

Lassak: In der aktuellen Ausstellung geht es um das Individuelle der einzelnen Positionen und zugleich das Gemeinsame einer gewachsenen Künstlerinnengruppe. Wie lässt sich diese Balance kuratorisch herstellen, ohne dass eine Seite die andere überdeckt?

Dornis: Der Projektraum im Kunsthaus Bethanien ist nicht sehr groß, sondern eher kompakt. Wenn man dort rund 30 Positionen zusammen zeigt, verzahnen sich die Arbeiten und Themen zwangsläufig. Das ist ja genau der Sinn und Zweck unseres Netzwerks. Die Kuratorin hat an dieser Stelle wirklich gute Arbeit geleistet und die Schau in sechs Themenbereiche gegliedert: Gegenwartsdiagnosen, Geschichte, Träume, virtuelle Realität, Wachstum und Transformation.

Lassak: Es geht zudem um individuelle und kollektive Identität. Werden diese Sujets auch performativ dargeboten?

Dornis: Ja, in Form einer sogenannten Non-Performance: Jelena Fužinato wird sich während der Eröffnung mithilfe eines Gerüsts symbolisch einen Weg von außen in den Ausstellungsraum bahnen.

Lassak: Welche Rolle spielt Austausch für Ihr Museum – nicht nur im Begleitprogramm, sondern generell als künstlerisches Prinzip?

Dornis: Das ist eines der wichtigsten Themen für uns. Wir treffen uns für Ateliergespräche und monatlich zu einem runden Tisch und haben den Austausch innerhalb der Arbeitsgruppen mit Blick auf diese Ausstellung noch intensiviert. Dabei hat sich gezeigt, wie fruchtbar dies ist: In sehr kurzer Zeit haben wir eine komplexe Ausstellungssituation mit allem, was dazugehört, auch organisatorisch hinbekommen. Momentan sind sogar zwei Arbeitsgruppen aktiv, denn wie bereiten parallel noch eine Ausstellung in der Kunsthalle Brennabor vor.

Lassak: Während der Laufzeit der Ausstellung findet am 13. Mai das Panel „Zusammen wachsen“ mit Vertreterinnen anderer Künstlerinnen-Netzwerke statt. Was leisten solche Netzwerke heute, und wo stoßen sie an Grenzen?

Dornis: Sie bieten eine Form von Öffentlichkeit, sie bieten Zusammenhalt und Unterstützung, aktive Hilfe. Sie ermöglichen es Künstlerinnen, sich zusammenzufinden und Lösungen zu entwickeln. Denn wir müssen uns in allen Bereichen unseres Lebens vernetzen und zusammenhalten.

Responsive image
Ulrike Dornis, Joana und Heleen proben für Judith und Holofernes-nach Artemisia Gentileschi, 2019, Ölfarbe auf Leinwand, 160x120 cm

Lassak: Ging die Initiative zu dem Panel von Ihnen aus, oder lag das gewissermaßen in der Luft und hat sich dann ergeben?

Dornis: Ich würde sagen, das lag in der Luft. Ich war im Dezember vergangenen Jahres in der Inselgalerie; dort gab es im Rahmen der Jubiläumsausstellung „30 Jahre Inselgalerie“ ein Gespräch. Es ging sogar um ein konkretes Projekt: Mehrere Frauennetzwerke wollten sich auf der Kunstmesse Positions, die im Herbst in Berlin stattfindet, mit einem eigenen Stand vorstellen. Dafür gab es eine Fördermöglichkeit, und darüber wurde intensiv diskutiert. Doch der Stand kommt nicht zustande, denn unser Förderantrag wurde abgelehnt.

Lassak: Kein Einzelfall.

Dornis: Ja, vielleicht werden auch mehr Anträge gestellt, und die Maschen des Siebes werden größer. man weiß es nicht.

Lassak: Wobei die Mittelkürzungen in Berlin ja offiziell sind. Sind Sie davon betroffen? Hat das Frauenmuseum als Verein schon einmal eine Förderung vom Senat bekommen, die nun nicht mehr existiert?

Dornis: Wir hatten nie eine feste Förderung, immer nur projektbezogene. Das ist ein weiterer Grund, weshalb wir uns einen festen Standort kaum noch vorstellen können. Wir wüssten gar nicht, wie wir das finanzieren sollten.

Lassak: Haben Sie einmal erwogen, Sponsoring von Unternehmen oder Organisationen zu bekommen, die dem Gedanken des Frauenmuseums nahestehen?

Dornis: Ich könnte mir vorstellen, dass das vor meiner Zugehörigkeit zum Verein schon einmal diskutiert wurde. Und es ist tatsächlich ein Punkt, den ich beim nächsten runden Tisch noch einmal einbringen könnte.

Lassak: Wenn Sie auf 30 Jahre Frauenmuseum Berlin zurückblicken und zugleich auf „On Her Way“ als Zukunftsformel schauen – was müsste in den kommenden Jahren passieren, damit das Museum weiter aktiv bleibt?

Dornis: Ich würde mir wünschen, dass wir eine Förderung über mehrere Jahre erhielten, damit wir kontinuierlich an unseren Themen weiterarbeiten können und sie nicht immer nur stückweise und verteilt über einzelne Projekte an unterschiedlichen Orten verfolgen müssen. Das Nomadentum ist zwar eine tolle Sache, weil es einen in Bewegung hält. Es wäre aber schon schön zu wissen, was man im nächsten Jahr unternehmen und bewegen kann.