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Das Spreewälder Kunstfestival aquamediale

von chk (28.06.2021)
vorher Abb. Das Spreewälder Kunstfestival aquamediale

© Dan Farberoff & David Behar Perahia, Foto: Förderverein aquamediale e.V./FRAMERATE MEDIA

Die aquamediale ist ein internationales Festival für zeitgenössische Kunst im Spreewald und seit 19 Jahren fester Bestandteil des brandenburgischen Kultursommers.

Elf Künstler*innen aus acht Nationen begleiten die aquamediale 14 und visualisieren das Thema „Hand Werk Kunst“ in ihren Arbeiten. Über die Dauer der aquamediale stellen wir auf art-in-berlin in regelmäßigen Abständen die Künstler*innen in Kurzinterviews vor.

Den Beginn machte die Künstlerin Nadine Glas. Wir setzen die Reihe fort mit Dan Farberoff & David Behar Perahia.

aib: Das Kunstfestival aquamediale trägt das Motto „Hand Werk Kunst“. In welchem Verhältnis stehen für Sie die Begriffe Hand Werk Kunst?

Dan Farberoff & David Behar Perahia Wir wurden durch das diesjährige Thema des Festivals „Hand Werk Kunst“ inspiriert. Angeregt durch die Einladung des Kurators, bei der Entstehung des Stücks mit lokalen Handwerkern und Kunsthandwerkern zusammenzuarbeiten, haben wir die vor Ort praktizierten Kunsthandwerke recherchiert. Wir finden, dass lokales Handwerk ein Element der Verbindung zum Ort, zu seinen Traditionen, natürlichen Ressourcen und Landschaften enthalten kann. Diese Kooperationen helfen uns, uns mit diesen zu verbinden. Zwar waren alle Künstler der Gruppe dazu eingeladen, aber ich glaube, wir waren die einzigen, die tatsächlich lokales Handwerktraditionen in unsere Arbeit einbeziehen und mit einem lokalen Handwerker zusammengearbeitet haben.

aib: Was haben Sie vor Ort vorgefunden, was Ihr künstlerisches Interesse erregt hat?

Dan Farberoff & David Behar Perahia: In Schlepzig fanden wir sowohl einen starken Bezug zur Natur als auch die widersprüchliche Tendenz, die Natur und ihre Stimmungen kanalisieren und kontrollieren zu wollen. Schlepzig und Spreewald leben vom Tourismus und der Vermarktung lokaler Kultur, die manchmal wie ein Faksimile wirken kann. Aber gleichzeitig gibt es auch einen Kern Wahrheit, die wahre Seele des Ortes. Die Wälder ringsum sind wild, die alten Sagen bergen einen Zauber der Naturgeister, ihrer Schönheit und ihrer Gefahren.
Unser Kunstwerk reagiert auf diese Spannung und bringt etwas von der Wildnis in das gepflegte Gelände des großen Hafens.
Bei der Entstehung unseres Stückes haben wir uns mit der lokalen Wasserlandschaft auseinandergesetzt, die typisch für den der Spreewald ist. Wasser dient uns auch als Sinnbild für Umweltfragen und die daraus entstehenden sozialen Belastungen, deren Nachklang lokal zu spüren ist: in sich verändernden Wettermustern, sinkenden Niederschlägen und drohendem Wassermangel, steigenden Wasserständen, Sorgen um Grundwasserspiegel und Wasserqualität, Lebensraumverlust, zunehmender Migration, unsicherer Besiedlung und porösen Grenzen. Solche Belastungen beschwören archetypische Bilder von Überschwemmungen, Dürren, improvisierten Booten und Notunterkünften herauf.

Unser Entwurf stellt eine art „Bootshausboot“ dar, das die “Rippen” eines umgedrehten Bootes und die Giebel der Spreewalddächer aufgreift sowie die oben erwähnten lokalen und übergreifenden Themen zum Ausdruck bringt. Wir fragen uns: Wie würde ein provisorischer Unterschlupf aussehen, gebaut von vertriebenen Einheimischen aus Spreewald? Welche kulturellen Elemente würden sie mitnehmen, um ihre entwurzelten Traditionen aufrechtzuerhalten? In unserer Konstruktion verwenden wir heimisches Holz, das vor Ort beschafft und mit althergebrachten Techniken bearbeitet wurde. Die hölzernen, verankerten „Bootsrippen“ werden von „Segeln“ aus Leinen überspannt, einem Material, das traditionell vor Ort angebaut und verarbeitet wurde. Zusammen bieten sie einen temporären Kunstwerk-Schutzraum: ein zu betrachtendes Kunstobjekt, das gleichzeitig ein Versammlungsort für die Betrachter ist, von dem aus sie die sie umgebende Natur beobachten können. Die Form evoziert eine Ältestenhütte, einen Raum zum Geschichtenerzählen, ein gestrandetes Boot, einen Fisch, Jonas Wal oder eine Arche. Die Leinwand wird in großen Mustern gedruckt, die mit natürlichen Materialien aus dem lokalen Wald erstellt wurden, wobei an die traditionelle Blaudrucktechnik erinnert wird.

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© Dan Farberoff & David Behar Perahia, Foto: Förderverein aquamediale e.V./FRAMERATE MEDIA


aib: Wie wichtig war der Austausch vor Ort (mit den anderen Künstler*innen / mit den Menschen vor Ort oder den Organisatoren)?

Dan Farberoff & David Behar Perahia: Mehr als eine Begegnung mit Schlepzig war unsere Begegnung mit dem Spreewald und mit Brandenburg insgesamt. Wir arbeiten an einem langfristigen Projekt, das die Beziehungen von Gemeinschaften zu ihrer natürlichen Landschaft untersucht. Uns fasziniert das biosphärische Konzept eines Gleichgewichts zwischen Mensch und Umwelt. Wir sind auch mit der Idee von Vertreibung und Resilienz beschäftigt, inspiriert von unseren eigenen persönlichen Geschichten und von unseren Begegnungen mit Beduinen in einem früheren Projekt. Vertreibung als direkte Folge des Klimawandels ist weltweit ein großes Thema, das direkt mit Wasser verbunden ist. In diesem Kontext von Überschwemmungen und Dürren, steigendem Meeresspiegel und Reisen über das Wasser ist eine Arche nicht so weit hergeholt.

In Schlepzig stellten wir uns die Frage, wie eine lokale Überlebensarche aus kultureller Sicht aussehen könnte. Wir untersuchten lokale Erzählungen und ließen uns von der Kultur des Lebens am Wasser vor Ort inspirieren. Die Begegnung mit Einheimischen, wie Achim Nocka, der dem lebendigen Wald und den Bäumen des Spreewalds so eng verbunden ist, und Frau Edith Baatz, die in ihren Worten eine enge Beziehung zur Landschaft und Schlepziger Traditionen herstellt, war uns sehr wichtig.

aib: Ein wesentlicher Aspekt Ihrer Arbeit ist die Partizipation? Können Sie aktuell über erste Erfahrungen vor Ort berichten?

Dan Farberoff & David Behar Perahia: Unsere Absicht ist es, durch partizipative und kollaborative Methoden das „Kunst machen“ in die lokalen Gemeinschaften zu bringen. Die Einbindung von Einheimischen, Kulturagenten und Organisationen an jedem Ort braucht Zeit. Es gibt immer ein Spannungsverhältnis zwischen unserer prozessorientierten Arbeitsweise und den Bedürfnissen von Kuratoren und Kulturveranstaltern. Unsere Erfahrung im Spreewald, gerade in diesen komplexen Pandemiezeiten, war, dass ein wirklich partizipatives Kunstprojekt eine längere und tiefere Auseinandersetzung mit dem Ort erfordert.

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© Dan Farberoff & David Behar Perahia, Foto: Förderverein aquamediale e.V./FRAMERATE MEDIA


aib: Spielt Nachhaltigkeit in Ihrer Arbeit eine Rolle?

Dan Farberoff & David Behar Perahia: Natürlich. Unsere Kunstinstallation auf der aquamediale ist nur ein kleiner Teil unseres ortsspezifischen, partizipativen Kunstprojekts Common Views: Gemeinsame Sichtweisen, das die Wechselbeziehungen zwischen Gemeinschaften im Kontext ihrer natürlichen Umgebung in den Mittelpunkt stellt. Wir arbeiten mit dem Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin, mit Forschern der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung (Eberswalde) und mit der Blumberger Mühle NABU zusammen. Das Projekt forciert einen interdisziplinären Dialog. Als Leitlinie nutzen wir im Projekt das UNESCO Programm Der Mensch und die Biosphäre (MAB), um mögliche globale Lösungen für lokale Herausforderungen aufzuzeigen. Künstlerisches Engagement und kreativ-kritische Ansätze verbinden sich mit der Vision des MAB: Eine Welt zu gestalten, in der die Menschen sich ihrer gemeinsamen Zukunft und Interaktion mit der Erde bewusst sind und miteinander und verantwortungsbewusst eine lebendige Gesellschaft und florierende Wirtschaft im Einklang mit der Natur aufbauen. Das Projekt stellt dabei einen Fokus auf das Spannungsverhältnis zwischen Erhaltung und Fortschritt, Siedlung und natürlicher Umwelt, sowie der Verbindung zu Ort, Landflucht und Einwanderung.

aquamediale.dahme-spreewald.info

chk

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